Kindesmissbrauch: Kein Gefängnis für den Täter

Baden-Baden (naf) – 39-jähriger Angeklagter wird im Landgericht Baden-Baden zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr und neun Monaten verurteilt.

Das Landgericht Baden-Baden verurteilte den einschlägig vorbestraften Ex-Erzieher am Mittwoch zu einer Bewährungsstrafe. Foto: Uwe Anspach/dpa

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Das Landgericht Baden-Baden verurteilte den einschlägig vorbestraften Ex-Erzieher am Mittwoch zu einer Bewährungsstrafe. Foto: Uwe Anspach/dpa

Der Saal im Landgericht Baden-Baden ist am Mittwoch mit Stille gefüllt. Während die Anwesenden auf Richter Stefan Schmid und sein Urteil warten, fällt kein Wort. Der wegen Kindesmissbrauchs Angeklagte starrt auf den Boden, vergräbt seine Hände in den Jackentaschen. Erst als es dann so weit ist, kann er aufatmen: Das Gericht verurteilt den 39-Jährigen zu einem Jahr und neun Monaten – auf Bewährung.

Dass das Urteil auch ganz anders hätte ausfallen können, sieht man an der Einschätzung der Staatsanwaltschaft. Drei Jahre und drei Monate Haft hatte diese schlussendlich gefordert. „Es war ihm nicht egal, dass der Neunjährige vor Ort war“, widerspricht die Staatsanwältin am Mittwoch noch den Äußerungen des Angeklagten vom ersten Prozesstag. „Es kam ihm genau darauf an, dass er dabei war.“ Mit ihrer Aussage bezieht sie sich auf Situationen, in denen der einschlägig vorbestrafte Ex-Erzieher aus dem Ortenaukreis sexuelle Handlungen an sich selbst vornahm, während sich der besagte Neunjährige in der Nähe befand. Ihm hatte der 39-Jährige auch mehrere Minuten lang das bekleidete Gesäß massiert. „Das war sexuell motiviert“, schlussfolgert Richter Schmid unter anderem auch aus den Zeugenaussagen der Jugendlichen, die das Geschehene beobachteten und als „abstoßend“ bezeichneten. Damit bestätigt sich der Vorwurf der sexuellen Handlung an einem Kind.

Die Tat einordnen

Dass die Freiheitsstrafe trotzdem recht niedrig ausfällt, begründet Schmid damit, dass es sich nur um die eine Tat mit recht niederschwelligem Niveau handelt. „Das soll keine Verharmlosung sein, jedoch zur Einordnung dienen“, erklärt er.

Im Gegensatz zur Staatsanwaltschaft kommt das Gericht außerdem zu der Einschätzung, dass die sexuellen Handlungen des Angeklagten in Gegenwart des Neunjährigen nicht direkt etwas mit diesem zu tun hatten. Das Kind, das während der Taten im gleichen Raum am Schlagzeug spielte oder im Zelt daneben lag, sei nicht aktiv miteinbezogen worden. „Für den Angeklagten hat es keine Rolle gespielt, ob er dabei ist“, sagt Schmid. Es sei zu keiner gemeinsamen sexuellen Aktivität gekommen. „Für die Öffentlichkeit ist das schwer nachzuvollziehen“, weiß der Richter. „Aber nicht alles, was moralisch verwerflich ist, ist auch strafbar.“

In zehn weiteren Anklagepunkten wurde der 39-Jährige dafür verurteilt, mehreren Minderjährigen Zugang zu pornografischem Material ermöglicht zu haben. Auch der Besitz von rund 45 Gramm Marihuana, das allerdings einen ausgesprochen geringen Wirkstoffgehalt besaß, fließt in das Urteil mit ein, das neben der Bewährungsstrafe auch eine Geldstrafe von 3.000 Euro sowie eine ambulante Sexualtherapie vorsieht. Die Kosten dafür muss der Angeklagte selbst tragen. Die Bewährungszeit beträgt fünf Jahre. „So was dürfen Sie sich nicht mehr zuschulden kommen lassen“, warnt Schmid. „Wenn das nicht läuft“, sagt der Richter vor allem die Therapie betreffend, „wird die Strafaussetzung zur Bewährung widerrufen“.

Geständnis kam ihm zugute

Die Probleme des Angeklagten müssten eruiert und behandelt werden. „Das ist der springende Punkt“, sagt Schmid. Mit dieser Hilfe halte er es für wahrscheinlich, dass der mittlerweile an einem anderen Ort lebende Angeklagte eine solche Straftat nicht mehr begeht.

Am ersten Prozesstag hatte der Mann tiefe Einblicke in seine eigenen Ängste gewährt, gegen eventuelle pädophile Neigungen wolle er etwas tun. Sein Geständnis kam ihm zugute, auch dass er sich unrechtseinsichtig und behandlungswillig zeigte. Als der Richter am Mittwoch das Urteil begründet, starrt der 39-Jährige nicht mehr auf den Boden. Er nickt immer wieder und wischt sich mit der Hand Tränen vom Gesicht. „Ich bin bei den Geschädigten“, ist das erste, was er an diesem Tag sagt. Wieder macht sich Stille im Raum breit. „Ich stehe für das, was ich getan habe, gerade.“ Die Verteidigung hat nicht vor, Rechtsmittel gegen das Urteil einzulegen.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Nadine Fissl

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Erstellt:
13. Oktober 2021, 19:17 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 53sec

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