Kindesmissbrauch: Sicherungsverwahrung im Fokus

Baden-Baden (BT) – Der Fall eines Schwimmlehrers, der 2018 wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern in 130 Fällen verurteilt worden war, wird das Landgericht Baden-Baden erneut beschäftigen.

Muss wie schon 2018 wieder vor dem Landgericht Baden-Baden Platz nehmen: Ex-Schwimmlehrer Dimitri T. Foto: Dieter Giese/Archiv

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Muss wie schon 2018 wieder vor dem Landgericht Baden-Baden Platz nehmen: Ex-Schwimmlehrer Dimitri T. Foto: Dieter Giese/Archiv

November 2018: Es war eine Art Erlösung für viele Eltern. Endlich war der aufwühlende Prozess vorbei. Konnten die Gedanken über das Unfassbare, das Unsagbare, über das doch immer wieder gesprochen werden musste, langsam verarbeitet werden. Wohl nie wieder würde der Schwimmlehrer Dimitri T., der sich sexuell an ihren Kindern vergangen hatte, seine Triebe ausleben können, jemandem Leid zufügen können. Zwölf Jahre Haft, anschließend Sicherungsverwahrung, so lautete das Urteil – wegen sexuellen Kindesmissbrauchs in mehr als 100 Fällen in ganz Mittelbaden.

Juristische Formfehler

Doch genau das steht jetzt auf dem Prüfstand, muss in Teilen neu verhandelt werden. Denn der Bundesgerichtshof kassierte die Sicherungsverwahrung knapp ein Jahr nach dem Prozess wegen rechtlicher Formfehler im November 2019 wieder ein.

Die Sicherungsverwahrung ist eine juristische Maßregel, die die Allgemeinheit vor dem Täter auch nach der Verbüßung der eigentlichen Haftstrafe schützen soll. Das bedeutet allerdings nicht, dass der Verurteilte nie wieder freikommt: Die Unterbringung in der Sicherungsverwahrung ist zwar grundsätzlich unbefristet, aber in regelmäßigen Abständen muss von Gutachtern geprüft werden, ob weiterhin die Gefahr besteht, dass der Untergebrachte nach der Entlassung rückfällig werden könnte. Ist dem nicht so, kann der Inhaftierte wieder freikommen.

Das Urteil des BGH im Baden-Badener Fall bedeutet nun im Klartext: Ob Dimitri T. auch nach der Verbüßung seiner zwölfjährigen Haftstrafe im Gefängnis bleiben muss, wird neu verhandelt. Und zwar im Februar 2022, wie die kurstädtische Staatsanwaltschaft am Donnerstag bekannt gab.

Dass Eltern und auch Kinder dabei noch mal neu aussagen müssen, ist allerdings mehr als unwahrscheinlich. „Dass der Angeklagte die Taten begangen hat, ist unstrittig. Die Freiheitsstrafe ist rechtskräftig und wird auch nicht noch mal neu verhandelt“, erläuterte der Baden-Badener Staatsanwalt Michael Klose am Donnerstag auf BT-Anfrage.

Psychiatrisches Gutachten spielte entscheidende Rolle

Der BGH habe, so Klose weiter, lediglich beanstandet, dass das Gericht bei der Verhandlung 2018 das Verhängen der Sicherungsverwahrung unter anderem mit Aussagen des Angeklagten begründet hatte, die der eigentlich zu seiner Verteidigung hatte vorbringen wollen. Das sei vom BGH als nicht zulässig erachtet worden, da solche Aussagen nicht zum Nachteil des Angeklagten verwendet werden dürften, so der Staatsanwalt.

Allerdings hatten diese Aussagen beim Urteil von Richter Stefan Schmid am 19. November 2018 eine eher untergeordnete Rolle gespielt. Wesentlich schwerer wog bei der Frage der Sicherungsverwahrung das Gutachten des vom Gericht beauftragten Psychiaters. Der bescheinigte dem Angeklagten in seinem Gutachten unverminderte Schuldfähigkeit, eine pädophile Neigung und ein hohes Rückfallrisiko. Der Mediziner machte damals deutlich, dass er eine sogenannte „Gewohnheitsbildung“ für wahrscheinlich halte, also die Gefahr, dass Dimitri T. pädophile Straftaten immer wieder begehe. Auch sei keinerlei Einsicht in die Taten bei den insgesamt drei Gesprächen mit dem Angeklagten zu erkennen gewesen. Ob dieses Gutachten standhält, muss nun im Zuge der Revision ein weiterer Psychiater klären.

Allerdings hatte auch das Gericht selbst aus der Art und Weise der Vergehen ein eingeschliffenes Verhaltensmuster abgelesen. Zwar, so Richter Schmid anno 2018, habe sich das Gericht die Entscheidung, zur Sicherungsverwahrung nicht leicht gemacht, da diese eigentlich als letztes Mittel gegen Intensivtäter gelte und Dimitri T. zuvor nicht auffällig geworden war. Aber, so der Jurist, man könne nicht davon ausgehen, dass die Taten nur durch die Gelegenheit, welche die Arbeit als Schwimmlehrer bot, zu begründen seien. Dafür sprächen T.s willensschwache Persönlichkeit und andere Auffälligkeiten, wie etwa, dass er andere sexuell motivierte Aufnahmen im Saunabereich eines Schwimmbades gemacht habe und sich von dem hohen Entdeckungsrisiko durch die Eltern bei den Taten – er legte seinen Finger zum Teil während der Schwimmkurse verdeckt auf oder in die Vagina der Kinder – nicht abschrecken ließ.

Taten trugen sich in ganz Mittelbaden zu

Im Gesamten betrachtet hatte es das Gericht 2018 als erwiesen angesehen, dass Dimitri T. in 130 Fällen Kinder im Alter zwischen vier und zwölf Jahren sexuell missbraucht habe und teils in Tateinheit, teils gesondert pornografische Aufnahmen und Filme erstellt hatte und sich auch der Nötigung schuldig gemacht habe.

Besonders schwer für das Strafmaß wogen Richter Schmid zufolge drei eindeutig erwiesene Fälle des schweren sexuellen Missbrauchs, bei denen der Angeklagte mit seinem Penis in die kleinen Mädchen eingedrungen sei und zumindest in einem Fall auch faktisch Geschlechtsverkehr gehabt habe. Die Taten hatten sich zwischen 2015 und September 2017 in Badeanstalten in Gernsbach, Baden-Baden, Achern, Bad Herrenalb, Kuppenheim und Lörrach zugetragen.

Zum Thema:

Schwimmlehrer geht in Revision

Ihr Autor

BT-Redakteur Florian Krekel

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Erstellt:
4. November 2021, 12:26 Uhr
Aktualisiert:
4. November 2021, 17:16 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 17sec

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