Kindgenau: Etabliert und innovativ

Gaggenau (tom) – Seit 15 Jahren gibt es den Verein Kindgenau. Vorsitzender Dirk Böhmer setzt auf Lösungen, wenn es um das Wohl der jungen Menschen geht.

Dirk Böhmer. Foto: Kindgenau

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Dirk Böhmer. Foto: Kindgenau

Dirk Böhmer ist seit Gründung des Vereins Kindgenau 2005 dessen Vorsitzender. Aus einer Elterninitiative hat sich ein professionalisiertes Angebot mit zehn festangestellten Mitarbeitern entwickelt. Mit Dirk Böhmer, er ist von Beruf Realschullehrer, sprach BT-Redakteur Thomas Senger.

BT: Herr Böhmer, nach einer Umfrage von Unicef Deutschland halten 93 Prozent der Kommunen die Beteiligung von Kindern und Jugendlichen bei Spiel, Freizeit, Kinderschutz und Bildung für sehr wichtig. Beste Voraussetzungen also auch für Kindgenau.

Dirk Böhmer: Wenn die Kommunen der Wichtigkeit auch durch entsprechendes Handeln gerecht werden, dann ist das natürlich begrüßenswert.

BT: Wie zufrieden sind Sie denn mit der Situation bei uns in der Region?

Böhmer: Die Beteiligung junger Menschen an Entscheidungsprozessen an den Schulen findet vorbildlich statt, weil die Schülermitverwaltung institutionalisiert ist. An allen Gaggenauer Schulen wird da sehr gute Arbeit geleistet.

Bei der Neuauflage des Jugendgemeinderats ist man leider immer noch in der Findungsphase. Nachdem das Jugendforum sich als nicht erfolgreich erwiesen hat, wird nun ein Neustart versucht – unterbrochen durch Corona. Aufgrund der digitalen Schwächen in Deutschland war auch eine digitale Fortführung der Arbeit nicht möglich.

BT: Als Träger der freien Jugendhilfe gehört Kindgenau mittlerweile zu den etablierten Akteuren.

Böhmer: Alles, was wir tun, stößt auf große Begeisterung. Aber auch nach 15 Jahren ist die Finanzierung unserer Projekte harte Arbeit – teilweise von einem Jahr zum nächsten. Das kostet viel Mühe und bindet Kapazitäten, die bei der Arbeit mit den Kindern fehlen.

Interview

BT: Nun ist Kindgenau durchaus für innovative und lösungsorientierte Ideen bekannt: Beispiel „Murgstrand“ beim Jugend- und Familienzentrum. Das Projekt schleppt sich aber seit vier Jahren dahin. Ein Ärgernis?

Böhmer: Für uns als Verein war das als schnelle Antwort gedacht auf den plötzlichen Wegfall des Waldseebads 2016 und zur Attraktivitätssteigerung des Jufaz. Aber wir konnten nicht ahnen, dass die Entscheidungsprozesse vier Jahre dauern. Wir als Verein hätten uns da schon eine schnellere Entscheidungsfindung im Regierungspräsidium und Landratsamt gewünscht, zumal wir mit der Stadt alle Unterlagen eingereicht hatten. Es ist für uns schwer nachzuvollziehen, dass man vier Jahre braucht, um eine solche Entscheidung zu treffen. Wir als Verein lassen uns aber nicht entmutigen. Wir werden versuchen, das ganze Projekt in reduzierter Form unter dem Arbeitstitel „Pop-up Strand“ doch noch umzusetzen. Hierzu finden nächste Woche mit der Stadt Gaggenau Gespräche statt.

BT: Sie würden gerne das Murgufer durch ein Beachvolleyballfeld aufwerten. Das Murgufer ist derzeit zu weiten Teilen eine Hundewiese. Das hindert das Landratsamt nicht daran, ökologische „Ausgleichsmaßnahmen“ zu fordern.

Böhmer: Letztendlich muss man sich die Frage stellen, ob unter dem Deckmantel des Arten- und Naturschutzes eine sinnvolle Freizeitmöglichkeit für junge Menschen zu Grabe getragen werden muss. Was möglich ist, wenn Verwaltung und Politik an einem Strang ziehen, ist zurzeit in Brandenburg beim Bau der Tesla-Fabrik zu beobachten.

BT: Womit beschäftigt sich Kindgenau in nächster Zukunft?

Böhmer: Wir arbeiten daran, wie wir unsere Angebote unter Corona-Voraussetzungen aufrecht erhalten können: Wir müssen versuchen, nächstes Jahr das Spielmobil wieder auf die Straße zu bringen – eine große Herausforderung. Vor diesem Hintergrund stellt sich auch die Frage, wie wir mittelfristig die Finanzierung sichern. Denn wenn wir keine Angebote unterbreiten können, dann haben wir auch keine Einnahmen.

Stichwort

Kindgenau: Auf vier Säulen gründet sich die Arbeit des Vereins: Spielmobil, Kinder- und Familienzentrum (Jufaz), Mitmach-Angebote und Schulsozialarbeit.

Hier eine kurze Chronik:

2005: Das städtische Spielmobil wurde nach mehr als 25 Jahren aus Kostengründen abgeschafft. Bis zu 100 Kinder kamen täglich zum Spielen, Basteln und Toben. Eine Elterninitiative gründet einen Verein, dessen erklärtes Ziel es ist, das Spielmobil zu erhalten.

2007: Ein gebrauchter Bauwagen kommt als neuer Spielmobilanhänger zum Einsatz.

2008: Preisträger beim Wettbewerb „Echt gut – Ehrenamt in Baden-Württemberg“.

2010: Der Verein wird als Träger der freien Jugendhilfe anerkannt.

2011: Kindgenau bietet erstmals ein ganzjähriges Programm mit über 150 Veranstaltungen an.

2012: Kindgenau übernimmt die Trägerschaft des Jugendhauses Gaggenau und eröffnet es als neu ausgerichtetes Jugend- und Familienzentrum.

2015: Die Stadt Gaggenau überlässt dem Verein ein 40 Jahre altes Feuerwehrauto der Abteilung Oberweier. Damit kann der alte Bauwagen seinen Ruhestand antreten.


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