Kirchen kälter ohne Menschen

Baden-Baden (up) – Ostern ist das wichtigste Fest der Christenheit, in diesem Jahr findet es vor leeren Kirchenbänken statt. Das haben staatliche Stellen wegen Corona angeordnet. In den Gotteshäusern der Kurstadt werden deshalb in diesem Jahr – wahrscheinlich zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg – anlässlich des Gedenkens an die Auferstehung Christi keine regulären Gottesdienste gefeiert. Das BT hat über die Situation mit Geistlichen gesprochen.

In den Kirchen von Marlene Bender und Michael Teipel wird an den Ostertagen die Orgel gespielt.  Fotos: Philipp

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In den Kirchen von Marlene Bender und Michael Teipel wird an den Ostertagen die Orgel gespielt. Fotos: Philipp

Marlene Bender (Evangelische Stadtkirche) erlebt die momentane Situation als „surreal und unwirklich“. „Wir beklagen ja eigentlich immer die Hektik und dass wir gerade an diesen Tagen mehr Stille brauchen, jetzt haben wir die Stille und jetzt ist sie befremdlich“, stellt sie fest. Es gelte zu lernen zurückzufahren und diese Tage ganz neu zu füllen. Auf die Frage, ob die evangelische Stadtkirche wie mehrere andere Pfarreien in der Kurstadt, Gottesdienste aufzeichnen und für die Gläubigen ins Internet stellen werde, antwortete Bender: „Dekan Jammerthal und ich haben das überlegt, aber es wird inflationär, wenn jede Gemeinde dies tut“. Zudem seien ihre Gemeindemitglieder im Kernstadtbereich im Durchschnitt die ältesten. Viele von Ihnen kämen gar nicht auf die Idee, den Livestream einzuschalten. Jedoch würden auf der Homepage aktuelle Mitteilungen veröffentlicht und auf Gottesdienste hingewiesen, die die Freiburger Landeskirche in den Youtube-Kanal einstelle.

„Ständiges Wachstum ruiniert uns“


Sie spreche die Gläubigen wöchentlich per E-Mail mit einer Grußbotschaft an, zudem rufe sie regelmäßig Mitglieder ihrer Pfarrgemeinde an, um den Kontakt zu halten, so Bender. Auch sei eine Sonderausgabe des Gemeindebriefes entstanden, mit Predigten zum Karfreitag und Ostern. Am Ostersonntag und Ostermontag werde der Kantor zu den üblichen Gottesdienstzeiten von 10 bis 11 Uhr Orgel spielen, das Gotteshaus sei zu dieser Zeit auch für die Gläubigen geöffnet. In Gesprächen habe sie zudem durchweg positive Reaktionen auf die Entschleunigung erhalten, vor allem bei der Generation der über 60-jährigen. Depressive oder verängstigte Menschen habe sie nicht erlebt, so Bender.

Auf die Frage, ob man etwas lernen könne aus der momentanen Situation, antwortete sie: „Die Natur atmet auf, ob dieses Virus. Es nimmt uns Menschen heraus mit unserer zerstörerischen Aktivität. Die Flugzeuge am Boden, die Schiffe in den Häfen und sofort ist das Lagunenwasser in Venedig klar und die Kinder in China können wieder den Himmel sehen“. Dass an der Börse mit dieser Krankheit spekuliert werde, sei eklig. Es müsste sich mehr im politischen System ändern, damit wir merken, ein ständiges Wachstum ruiniert uns. Unsere Kinder werden es uns nicht danken“, so die Pfarrerin.

Timo Vocke (Alt-Katholische Gemeinde) erklärt im Gespräch mit dem BT, aus der aktuellen Situation könne man lernen, dass die Menschheitsfamilie zusammenstehen müsse. Wobei zusammenstehen in diesem Fall bedeute, Abstand zu halten, aufeinander zu achten und einander zu helfen. „Es sind schöne Zeichen, die man momentan bekommt. Menschen halten Abstand und vergessen sich dennoch nicht gegenseitig“, so Vocke. Seine Gemeinde biete bereits in der vierten Woche Online-Gottesdienste an.

Timo Vocke: „Abstand halten und dennoch aufeinander achten.“

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Timo Vocke: „Abstand halten und dennoch aufeinander achten.“

„Nicht Krawattenträger tragen die Gesellschaft“


Es sei offensichtlich, dass Menschen diese nutzten und bräuchten. Den Gläubigen tue es gut, über das Internet miteinander verbunden zu sein. Auch an Ostern werde wieder ein Gottesdienst aufgezeichnet und am Sonntagmorgen auf der Homepage der Gemeinde online gestellt. Auf dem Programm stehe auch ein virtuelles Kirchenkaffee für die Gemeindemitglieder. „Wenn wir die Achtsamkeit, die wir jetzt einüben mussten, bewahren, das wäre unheimlich wichtig“ betont Vocke. Dazu gehöre auch zu erkennen, dass die ganze Welt miteinander verbunden sei und nicht an den Stadtgrenzen Baden-Badens ende.

Positive Auswirkungen der Krise seien leere Straßen, viel bessere Luft und die Erkenntnis, dass Pflegekräften eine zentrale, gesellschaftliche Bedeutung zukomme. „Nicht nur die Studierten und Krawattenträger sind es, die diese Gesellschaft maßgeblich mittragen. Wir haben nichts auf dem Teller, wenn die Bauern nicht säen und ernten.“ Sein Arbeitsaufkommen an den Feiertagen sei nicht unbedingt geringer als sonst, allerdings habe er weniger Termine, antwortet Vocke auf die Frage, wie er Ostern verbringen werde, das mache die Sache entspannter. „Für mich ist wichtig, dass wir mit Mut und Hoffnung ins Leben gehen, dass wir die Erde, die uns anvertraut ist, schützen, und unser Leben miteinander gestalten, nicht gegeneinander, in einer Ellbogengesellschaft“ so Vocke abschließend.

Michael Teipel (Katholische Kirche) sagt, für ihn sei es bitter, dass man die Gottesdienste nicht in der gewohnten Weise feiern könne, auch wenn die Online-Gottesdienste gut angenommen würden. Andererseits sage die Vernunft, die Versammlungsverbote seien die richtigen Maßnahmen, die auch schon Wirkung zeigten. Ob sich in der Gesellschaft langfristig etwas verändern werde, hänge davon ab, wie lange der „Lockdown“ andauere, sagte Teipel. Aus theologischer Sicht ändere die Pandemie nichts an seinem Gottesbild.

Kirchen kälter ohne Menschen

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„Der Mensch ist ein begrenztes Wesen“


Manche Menschen sprächen – das sei immer so in solchen Zeiten – von der Strafe Gottes, der jetzt eingreife. Diese Ansicht teile er überhaupt nicht. Allerdings, so der Geistliche, biete sich gerade die Möglichkeit, demütiger zu werden: „Bisher hatten wir eine Allmachtsfantasie, wir können alles, wir machen alles, jedes Problem lösen wir. Jetzt merken wir, es gibt Dinge, die sind unbeherrschbar für uns. Der Blick: Wir sind die Herren der Welt, sollte der Einsicht weichen, dass der Mensch ein begrenztes Wesen ist, so Teipel. Wichtig sei auch die Erkenntnis, dass mit Leben sorgsam umgegangen werden müsse, es sei zerbrechlich und nicht selbstverständlich. Die Corona-Pandemie betreffe die gesamte Menschheitsfamilie, die in ihrer Gesamtheit herausgefordert werde, so Teipel weiter, „wir werden – davon bin ich überzeugt – daher auch nur gemeinsam aus ihr herauskommen“, zeigte er sich überzeugt. Solche Fragen ließen sich nicht innerhalb von Landesgrenzen lösen. Bei dem Gottesdienst am Ostersonntag werde außer der großen Orgel auch ein Trompetenspieler zum Einsatz kommen. Dabei sein werde auch Marc Marschall. Die Messe in der Bernharduskirche beginnt um 11 Uhr und kann via Livestream auf der Homepage der Seelsorgeeinheit angeschaut werden.

„Krise aus Blickwinkel der Bibel betrachten“


Auf das Internet setzt auch die Adventgemeinde der Kurstadt. „Bei uns hat sich alles in die virtuelle Welt verschoben“ erklärte Pfarrer Arthur Schneider. Über den Online-Service „Zoom“ treffen sich Gemeindemitglieder regelmäßig – jeder zu Hause am eigenen PC – um sich auszutauschen. Im Gemeindezentrum der Rastatter Adventgemeinde werden zudem Gottesdienste aufgenommen oder im Livestream ins Internet übertragen. „Es ist mir zuerst aufgefallen, dass die Kirchen ohne Menschen viel kälter sind“ berichtet Schneider von den Video-Aufzeichnungen und fährt fort: „Man sieht nicht in die Gesichter der Menschen, wie sie möglicherweise auf Aussagen reagieren, diese Interaktion fehlt mir“. Teil der Video-Botschaften seien immer auch Geschichten für Kinder, die spielerisch an Glaubensfragen herangeführt werden sollen. „Es ist interessant die Corona-Krise aus dem Blickwinkel der Bibel zu betrachten“ erklärt der Pfarrer. Jesus spreche in Matthäus 24 davon, welche Dinge passieren würden vor seiner Wiederkunft, dazu könnte auch die Corona-Pandemie gehören. Menschen bräuchten jetzt Halt und Sicherheit. Die könne das Christentum jetzt anbieten wie zu keiner Zeit zuvor, so Schneider.
Arthur Schneider: „Hat sich alles in die virtuelle Welt verschoben.“

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Arthur Schneider: „Hat sich alles in die virtuelle Welt verschoben.“

Ihr Autor

Von Ulrich Philipp

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Erstellt:
12. April 2020, 16:00 Uhr
Lesedauer:
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