Klare Artikulation und absolute Transparenz

Baden-Baden (rud) – Der Beethoven-Zyklus im Festspielhaus Baden-Baden ist am Sonntag mit der ersten und der neunten Symphonie fortgesetzt worden.

Yannick Nézet-Séguin dirigierte das Chamber Orchestra of Europe im Festspielhaus Baden-Baden. Foto: Andrea Kremper/Festspielhaus

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Yannick Nézet-Séguin dirigierte das Chamber Orchestra of Europe im Festspielhaus Baden-Baden. Foto: Andrea Kremper/Festspielhaus

24 Jahre liegen zwischen der ersten und der neunten Symphonie von Ludwig van Beethoven – und musikalische Welten. Natürlich setzte der Komponist schon mit seinem 1800 uraufgeführten symphonischen Erstling eigene Akzente, aber die Neunte sprengte 1824 mit ihren formalen Dimensionen und dem Tabubruch, im letzten Satz die menschliche Stimme in die rein instrumentale Gattung der Symphonie zu integrieren, jegliche Konvention. Und hinterließ der nachfolgenden Komponistengeneration ein schwieriges Erbe.

Beim zweiten Konzert des vierteiligen Beethovenzyklus‘ mit dem Chamber Orchestra of Europe im mit 500 Zuhörern ausverkauften, aber nur zu einem Fünftel besetzten Festspielhaus Baden-Baden zeigt Yannick Nézet-Séguin Verbindungslinien zwischen diesen beiden so unterschiedlichen Werken. Nézet-Séguin, unter anderem musikalischer Direktor bei der Metropolitan Opera und dem Philadelphia Orchestra, ist als Dirigent ein großer Kommunikator. Beim Konzert steht er in Kontakt mit allen Gruppen des Orchesters und wendet sich auch für einige Takte ganz den zweiten Violinen oder den Bratschen zu. Vor allem aber vernetzt er die Orchestermitglieder miteinander, indem er sie auf kleine musikalische Ereignisse in den einzelnen Registern aufmerksam macht.

Aufeinanderhören und Dialogisieren

Dieses ständige Aufeinanderhören und Dialogisieren prägt diese Beethoveninterpretation genauso wie eine klare Artikulation und absolute Transparenz. Übertreibungen und Effekte sind seine Sache nicht. Stattdessen: Differenzierung und das richtige Maßhalten. Bei der al dente musizierten, äußerst vitalen ersten Symphonie geht sein Ansatz zu hundert Prozent auf. Man spitzt die Ohren, um alle Feinheiten mitzubekommen: den von den Violinen mit einem Bogenhaar gespielten Beginn der Durchführung im Kopfsatz, die sprechende, von John Chimes geradezu gestreichelte Pauke im Andante cantabile con moto, die Streichereinwürfe im Trio des Menuetts, die wie eine leichte Sommerbrise das Bläserthema umwehen. Und das tänzerische, vom COE ganz elegant musizierte Finale hat auch im schnellen Tempo noch die notwendige Leichtigkeit.

In der neunten Symphonie hat der Streicherklang mehr Fleisch – und das ist gut so. Nézet-Séguin bleibt nicht beim Detail, sondern zeichnet große Bögen vor. Natürlich fasziniert auch hier diese feine, kammermusikalische Lesart mit ihrem Reichtum an Schattierungen, mit ihrer rhythmischen Präzision und Durchhörbarkeit, mit ihrem Groove und ihrer Kantabilität. Aber bei diesem ungeheuren, maßlosen Werk kommt Nézet-Séguins Maßhalten an Grenzen. So könnte man sich die schnellen Staccato-Viertel der Streicher im zweiten Satz trotz Pianissimo weniger duftig vorstellen. Die Schreckensfanfare zu Beginn des Finales, die ein echter Schockmoment sein kann, ist im Festspielhaus Baden-Baden zwar wuchtig und präzise, aber vielleicht auch eine Spur zu kontrolliert.

Orientalisch gefärbtes Kleinod

Auch der türkische Marsch mit den drei vom SWR-Symphonieorchester ausgeliehenen Schlagzeugern lässt Nézet-Séguin als orientalisch gefärbtes Kleinod und nicht als Parodie musizieren. Dass im Finale nicht alle Einsätze perfekt zusammen sind, fällt nur auf, weil Orchester und Dirigent zuvor geradezu traumwandlerisch unterwegs waren. Im Solistenquartett setzen die Sopranistin Siobhan Stagg und die Mezzosopranistin Ekaterina Gubanova mit ihren beweglichen, nicht zu schweren Stimmen Akzente. Werner Güra (Tenor) und Florian Boesch (Bassbariton) agieren solide.

Mehr Glanz entfaltet da der höhensichere französische accentus Chor, der die Freuden schöner Götterfunken ganz hell timbriert. Großes Pathos wird von Nézet-Séguin bewusst vermieden. Den innigen Momenten der „Ode an die Freude“ gilt besonderes Augenmerk. Das Prestissimo am Ende nimmt dann gehörig Fahrt auf, so dass der musikalische Freudenjubel direkt in die Begeisterungsrufe des Publikums mündet. Am kommenden Wochenende geht die spannende musikalische Beethovenreise weiter. Dann dürfen sogar 800 Zuhörer dabei sein.

Ihr Autor

Georg Rudiger

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Erstellt:
5. Juli 2021, 20:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 45sec

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