Klassik in der Region unter Hygiene-Regeln

Baden-Baden/Karlsruhe (red) – Bläser hinter Plexiglas, Geiger auf Abstand: Planungsspiele im Badischen Staatstheater Karlsruhe, im Festspielhaus und bei der Philharmonie Baden-Baden, wie und wann der Konzertbetrieb unter verschärften Hygiene-Regeln wieder aufgenommen werden könnte.

Die Klassik-Szene will bei Corona-Lockerungen nicht links liegen gelassen werden und fordert von der Politik, berücksichtigt zu werden.  Foto: Viering

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Die Klassik-Szene will bei Corona-Lockerungen nicht links liegen gelassen werden und fordert von der Politik, berücksichtigt zu werden. Foto: Viering

Selbst für die von der Corona-Krise arg gebeutelte Gastronomie scheint es einen Silberstreif am Horizont zu geben, einen möglichen, vorsichtigen Weg zurück zu teilweiser Normalität zu geben. Für die Kultur hingegen ist Planungssicherheit noch immer weitgehend ein Fremdwort. Besonders betroffen sind Opern- und Konzerthäuser und die Sinfonieorchester. Für diese setzt sich die aus 60 Mitgliedern bestehende Generalmusikdirektoren- und Chefdirigentenkonferenz in einem „Offenen Brief“ zur Corona-Krise (das BT berichtete) ein, um von der Politik die „zeitliche Perspektive einer Lockerung der Spiel- und Probeverbote“ aufgezeigt zu bekommen.
Es solle ermöglicht werden „gerade in diesen schwierigen Zeiten kulturelle Angebote in Oper und Konzert zu machen“. Es verstehe sich von selbst, so die Generalmusikdirektoren, dass dies verantwortungsvoll und im Einklang mit dem Schutz der Musiker, Sänger und des Publikums geschieht. Die GMD-Konferenz fordert indes von den Verantwortlichen nicht nur zeitliche Perspektiven für eine Öffnung des Opern- und Konzertlebens, sondern macht auch ganz konkrete Vorschläge, wie dies erreicht werden sollte.
So könnten klein besetzte Werke aus Barock und Klassik, bei denen Streicher und Dirigent mit Mundschutz arbeiten könnten, gespielt werden, Werke mit „einem kleinen Chor und wenigen Bläser im notwendigen Abstand, eventuell mit Plexiglas-Wänden geschützt“ sind Teil der Vorschläge. Im Gespräch mit dem BT äußert sich dazu auch Georg Fritzsch, ab der kommenden Spielzeit Generalmusikdirektor des Badischen Staatstheaters Karlsruhe, der ebenfalls Mitglied der GMD-Konferenz ist.

BT-Umfrage bei Dirigenten

Dass die laufende Spielzeit für die Staatstheater Karlsruhe und Stuttgart vom baden-württembergischen Kunstministerium beendet wurde, sieht er zumindest als eine klare Ansage an die Opernhäuser. „Natürlich glaube ich nicht, dass unser Aufruf dazu dafür gesorgt hat“, betont der designierte Generalmusikdirektor Fritzsch. Die angesprochenen Abstandsregelungen, die zwangsweise zur Verkleinerung der Orchester und damit auch einer Einschränkung des Repertoires führen, sieht er als Kompromiss, möchte aber mit dieser „Nothilfe“ kreativ umgehen. Vieles sei aber bei diesen Abstandsregeln künstlerisch nicht machbar, fügt er hinzu.
„Theatermenschen sind kreativ“, egal ob an einem kleineren Haus oder einem Staatstheater wie Karlsruhe, davon ist Fritzsch sehr überzeugt, deshalb seien sie auch nicht an „große Formate“ gebunden. Wobei man ihm im Gespräch anmerkt, dass ihn ein möglicher Verzicht auf Strauss, Wagner und Verdi in der ersten Spielzeit an seiner neuen Wirkungsstätte sehr schmerzen würde. So schmerzlich die Situation sei, er sehe sie aber auch als Herausforderung. Zudem könne bei der Dynamik der Diskussion um die Corona-Krise und deren Bewältigung niemand die Zukunft vorhersagen. „In vier Wochen kann sich die Situation schon geändert haben, Kaffeesatzleserei bringt nichts.“ Deshalb gäbe er die Hoffnung auch nicht auf, dass in der kommenden Spielzeit das groß besetzte, für Karlsruhe typische Repertoire gespielt werden könne.
Er zieht durchaus Vergleiche zum Sport, speziell zur Fußball-Bundesliga. Wenn dort im Herbst Spiele vor Publikum stattfinden sollten, müssten auch der Kultur größere Gestaltungsräume gegeben werden. Dass die Corona-Krise die Globalisierung der Kunst beenden werde, speziell was Sänger und Sängerinnen und Musiker aus unterschiedlichen Ländern beträfe, glaubt er indes nicht.

Festspielhaus-Spielbetrieb ab Herbst „unklar“


Karlsruhes Generalintendant Peter Spuhler plant für die kommende Spielzeit denn auch zweigleisig. Noch im Mai soll der offizielle Spielplan vorgestellt werden, wobei einige für die nun vorzeitig beendete Spielzeit vorgesehene Produktionen wie Bergs „Wozzeck“ und Lehars „Lustige Witwe“ in der Spielzeit 2020/21 Premiere haben sollen. Andererseits trägt er möglichen Beschränkungen, was Bühne und Orchester angeht, wie sie von der GMD-Konferenz angesprochen wurde, in einer „parallelen“ Planung Rechnung.
„Das bedeutet viel Mehrarbeit für das Theater“, unterstreicht Spuhler. Jede Inszenierung werde daraufhin untersucht, ob sie unter den „Corona-Abstandsregeln“ gespielt werden könne, mit verkleinerter Chorbesetzung, reduzierter Orchesterbesetzung bis hin zu einer Salon-Orchesterbesetzung. Als Beispiele führt er Händels „Tolemeo“ auf, bei dem eine geringere Chorbesetzung und ein verkleinertes Orchester praktikabel seien, „Strauss‘ „Elektra“ ist weniger sinnvoll“. Die schon angesprochene „Lustige Witwe“, die zur Spielzeiteröffnung Premiere haben soll, könnte, wenn nötig, auch in einer Salonorchester-Fassung gespielt werden. In Corona-Zeiten möchte der Generalintendant die Wahl dieses unterhaltsamen Werkes zur Eröffnung auch als Zeichen für das Publikum sehen.
Ausübende Musiker, die sich fast durchgängig zu diesem Thema nur anonym äußern wollen, sehen die Praktikabilität solcher Vorschläge oft skeptisch. Schon das Zusammenspiel innerhalb einer Streichergruppe sei infolge des Abstands problematisch, viel mehr noch mit weit entfernt positionierten Bläsern. Für Geiger mit Maske zu spielen, die feucht würde und teilweise, bedingt durch die musikalischen Anforderungen, länger nicht gelüftet werde könnte, sei ein weiteres Problem. Dynamische und rhythmische Abstimmung könnten ebenso leiden.
Planungssicherheit ist auch für Rüdiger Beermann, den Pressesprecher des Festspielhauses Baden-Baden, ein entscheidendes Stichwort. Auch wenn noch nicht abgesagt, sind die „Pfingstfestspiele und Sommerfestspiele stark gefährdet“, was im Herbst passiert sei „unklar“. Die Planung des Festspielhauses müsse nicht nur die Verordnungen und Rechtsvorschriften des Landes Baden-Württemberg beachten, die internationalen Künstler und deren Reisebeschränkungen müssten ebenso berücksichtigt werden wie die des internationalen Publikums. So beträfen Fragen des Tourismus und der Unterbringung von Gästen zumindest indirekt auch das Festspielhaus.

Baleff: Liveerlebnis noch bis Sommer


„Wir müssen im Festspielhaus Szenarien parallel durchspielen“. Wobei Beermann die guten Kontakte zu den Berliner Philharmonikern hervorhebt, von deren Erfahrungen auch das Festspielhaus profitieren könnte. Nicht nur die Vorgaben in Deutschland mit möglichen Abstandsregelungen auf dem Podium oder für das Publikum seien zu bedenken. „Niemand weiß, wie sich beispielsweise die Corona-Situation in Russland entwickelt und inwieweit die Künstler reisen können“, führt er als eines von vielen Beispielen an. Flexibilität sei auch im Festspielhaus angesagt, kleinere Konzertformate müssten geprüft werden, wobei die Wirtschaftlichkeit für ein privat finanziertes Festspielhaus im Gegensatz zu Staatstheatern oder kommunal getragen Institutionen eine weitaus größere Rolle spiele.
Der Vorverkauf für die Saison 2020/21 sei „stabil“. Man merke, dass „unser Publikum das Liveerlebnis möchte“. „Die Sehnsucht ist sehr groß“, dies sei spürbar. Er ist sich auch sicher, dass das Publikum Neues oder Unbewohntes unter diesen Umständen akzeptieren würde, das Konzerterlebnis stünde im Vordergrund, wobei natürlich die künstlerische Qualität im immer gewahrt werden müsse.
Das Liveerlebnis, der Kontakt mit dem Publikum ist auch für den Chefdirigenten der Philharmonie Baden-Baden Pavel Baleff sehr wichtig. Deshalb ist er auch wenig begeistert von der augenblicklichen Streaming-Manie. Aus künstlerischen Gründen hält er die Abstandsregelungen auf dem Podium für problematisch, nur mit „einem Drittel des Orchester Barockprogramme“ zu spielen „sei keine befriedigende Lösung“. Er habe die Mitglieder des Orchesters um Vorschläge gebeten, wie man aus den eigen Reihen mit kammermuskalischen Besetzungen im Konzert spielen könne, um nun dem Publikum in Baden-Baden zumindest bis zur Sommerpause noch ein Liveerlebnis zu ermöglichen.
Homepage der GMD-Konferenz innerhalb des Deutschen Musikrates


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