Klassikhochburg wird zum Techno-Tempel

Von Franziska Kiedaisch und Christiane Lenhardt

Baden-Baden (kie/cl) – Das neue „Takeover“-Festival bringt experimentelle Formate, spontane Performances und außergewöhnliche Shows ins Festspielhaus.

Klassikhochburg wird zum Techno-Tempel

Nicht nur die Puppen tanzen: Dominik Eulberg (links) in einer Doppelrolle – am Samstagmittag hat der Vogelkundler noch einen Workshop durch den Wald geführt, am Abend legt er House-Musik im Festspielhaus-Foyer auf. Foto: Michael Bode

Das Festspielhaus Baden-Baden hat sich am vergangenen Wochenende trotz Corona-Einschränkungen ein Stück weit in eine Party-Location verwandelt – mit experimentellen Formaten, viel Raum für Spontaneität und Interaktionen zwischen Künstlern und Besuchern. Bei musikalisch-tänzerischen Workshops waren die Festivalbesucher, von Freitag bis Sonntag im Festspielhaus und auch andernorts, zur unmittelbaren Teilhabe aufgerufen – funktioniert hat das noch nicht ganz, ein Workshop wurde gar mangels Interesse abgesagt. Konzerte, Shows und ein DJ-Auftritt im Foyer aber haben gezeigt, wo das neue Festival insbesondere für die jüngere Generation hingehen könnte. Und nicht nur ein jüngeres Publikum hat sich davon ansprechen lassen, auch die angestammte Klientel nahm das neue Angebot an. Das Foyer des Festspielhauses war übers Festival hinweg – unter Einhaltung der 2G-plus-Regel – als Lounge frei zugänglich.

Bereits zur Eröffnung von „Takeover“ am Freitagabend zeigt die Stuttgarter Gruppe Dundu mit einer rund fünf Meter großen, leuchtenden Stabmarionette vor dem Festspielhaus eine beeindruckende Performance, die auch sichtlich viele Passanten in Staunen versetzt und einige dazu animiert, den Weg ins Innere des Hauses zu finden. Zum groovigen Sound der Karlsruher Bigband Loris Grillo and his Cats tanzt die Puppe schließlich in der ehemaligen Schalterhalle des Alten Bahnhofs unter den begeisterten Zurufen der Zuschauer. Immer wieder mischen sich die unterschiedlich großen Puppen im Verlauf des Wochenendes spontan unter die Besucher. Ebenfalls überraschend sind die Auftritte des niederländischen Oorkaan Ensembles gewesen, die das Foyer immer wieder in orientalische Klänge hüllen. Am Sonntagvormittag präsentiert das Quartett bei einem Konzert seine Mischung aus Weltmusik und Klassik.

Disco-Atmosphäre im Konzerthaus

Doch im Festspielhaus haben am Wochenende nicht nur die Puppen getanzt: Während Discotheken in Baden-Württemberg nach wie vor coronabedingt geschlossen sind, findet das Publikum am Samstagabend eine Art Schlupfloch vor, um doch noch das Tanzbein zu schwingen. Zum Live-DJ-Set von Dominik Eulberg, das mit Visuals von Julius Greger garniert ist, tanzt die Menge mit Maske und Abstand bis in die Nacht hinein.

Zuvor konnten sich Workshop-Teilnehmer bei einem Waldspaziergang mit dem DJ und Biologen Eulberg über die Musikalität der Vogelwelt informieren und im Anschluss die Transformation von Vogelstimmen in elektronische Musikschnipsel nachvollziehen. Obwohl zu Eulbergs Ausführungen, stellenweise im Bereich eines ornithologischen Fachvortrags, angesichts des Verkehrslärms keine Vogelstimmen aus dem Baden-Badener Stadtwald eingefangen werden konnten, hat der Workshop die Mannigfaltigkeit der tierischen Gesangswelt auf eindrückliche Weise aufgezeigt.

Schon am Samstagvormittag ist „Takeover“ auch im Markgraf-Ludwig-Gymnasium zu Gast, erfüllt rhythmisches Klatschen die dortige Aula: Vier Schlagzeuger des SWR Symphonieorchesters vermitteln 20 Interessierten Hintergründiges zu den Kompositionen von Steve Reich – dabei werden Rhythmus-Muster, Pattern genannt, begeistert mitgeklatscht. An den Minimal-Music-Workshop schließt sich ein Konzert der SWR-Schlagzeuger an.

Das musikalische Highlight bei „Takeover“ ist bereits am Freitagabend der Auftritt der Jazzrausch Bigband gewesen, für die meisten Zuhörer des coronabedingt nur zur Hälfte besetzten Saals hat es kein Halten mehr gegeben – so sehr heizt die Münchener Jazzband dem bunt gemischten Publikum bei ihrem rund 90-minütigen Konzert ein. Der technoide Jazz der Band geht nicht nur bei augenscheinlichen Anhängern elektronischer Tanzmusik in die Beine.

Zur ausnehmend guten Stimmung trägt dabei auch die humorvolle und geistreiche Moderation von Bandleader Roman Sladek bei, der den Abend direkt mit einem Augenzwinkern eröffnet: „Willkommen im Festspielhaus, dem alten Techno-Tempel“, sagt er grinsend. Und tatsächlich verwandelt sich auch hier der Ort durch die treibendenden Bässe, das stroboskopische Licht und die eindrückliche Bühnenpräsenz der 15 Musiker in fast so etwas wie einen Techno-Club.

Publikum darf Band bis zur Aftershow begleiten

Dass diese Verwandlung der Umgebung auch Teil des Bühnenkonzepts von Jazzrausch ist, erläutert Sladek schon zuvor beim Workshops, bei dem die Teilnehmer die Bigband den ganzen Tag bis hin zur Aftershow begleiten dürfen. Ziel sei es, so Sladek, die Atmosphäre einer Club-Nacht zu transportieren – egal, ob auf der Bühne eines Konzerthauses oder in einem kleinen Elektro-Club.

Diese Offenheit gegenüber den klassischen Bühnen habe gerade während der Corona-Pandemie den Vorteil gehabt, dass die Band trotz geschlossener Discotheken rund die Hälfte ihrer geplanten Auftritte habe umsetzen können. Die ohnehin künstlich gezogene Grenze zwischen Sub- und Hochkultur verschwimmt im Angesicht dieses Abends zusehends: Es ist große Kunst, die hier gezeigt wird – von den Improvisationen der Musiker, die alle eine klassische Jazz-Ausbildung absolviert haben, bis hin zu den Kompositionen des Gitarristen der Band, Leonhard Kuhn. Darin werden Goethe-Zitate genauso verarbeitet und in Techno-Jazz übersetzt wie etwa auch das 14. Streichquartett von Ludwig van Beethoven. Voller Energie und mit musikalischer Präzision zeigt Jazzrausch vor allem in den Improvisationsteilen bei diesem mitreißenden Auftritt große Virtuosität.

Und so wird nicht nur bei diesem Konzert, sondern im Verlauf des ganzen Festivals ein doppelter Zugang eröffnet: Für das junge Publikum zum Festspielhaus und damit eventuell auch zu klassischen Inhalten. Und für das traditionelle Konzerthaus-Publikum zur elektronischen Musik, zu spontanen Performances und experimentellen Formaten, wie der Show des Uppercut Dance Theaters am Samstagabend.

Schweinische

Tanzperformance

Eine intime, intensive Situation herrscht für die 100 Zuschauer von Uppercut, die auf der Festspielhausbühne nah an der Show platziert sind, wie beim Boxkampf. Die Szenerie: Eine Hängeleiter in der Mitte zum Klettern und Abhängen, vier Tänzer, ein Trommler, fünf Stühle, samt Heuballen im Halbdunkel – und eine Schweinemaske, die vom einen zum anderen weitergereicht wird. Jeder scheint des anderen Schwein zu sein, und kann zum Hauptdarsteller „Pig“ werden, der sich in einer Art Kampfarena zu treibendem Beat behaupten muss.

„Samba“ heißt die tierisch-menschliche Tanzperformance des Uppercut Dance Theaters – und Samba-Feeling, das sind Trommelrhythmus, Percussion, akrobatische Kampfkunst und Salsa-Tanzrhythmen. Alles das wird angedeutet, aber es geht bei den dänischen Tänzern nicht um Karneval, sondern um Gruppendynamik, Aggression, Macht, Profilierung und Zusammenrottung.

Irgendjemand wird immer ausgedeutet für die Schweinemaske, die zum Außenseiter macht, ins Tierische verwandelt, aber auch zum Boss. Aus temperamentvoll geschlenkerten Armen und Beinen werden gespreizte Zehen, dann plump humpelnde Hufe. Die Stühle tanzen mit und werden zusammengeschoben wie Gatter im Schweinekoben.

Mal tierische Pose, mal Disco und sogar Stripclub: Der Facettenreichtum des Stücks gibt den vier Tänzern und dem mittanzenden Musiker Gelegenheit, ihre Bandbreite an Akrobatik, Modern Dance und Breakdance, ihr Raumgefühl und Spiellust zu zeigen. Es zeigt mit effektvollen Soli und Wir-Gefühl, dass sie den aktuellen Streetdance genauso flink drehen wie das zeitgenössische Tanztheater, nicht nur tiefsinnig, sondern mit Humor annehmen.

Natürlich endet das Ganze in einer tierischen Sauerei. Denn, der Zuschauer lernt im Monolog, der ins Körperliche drängt: Schweine sind nicht nur schlau und stolzieren mit ihren dünnen Hufen wie auf „High Heels“, sondern suhlen sich auch gerne mit nackter Haut im Matsch, wirkt wohl wie eine Schönheitsmaske?

Mit seinem Tanzstück „Samba“ gibt Uppercut, das seit 30 Jahren in der alternativen Tanzszene experimentell mitmischt, einen eindrucksvollen Einstand in Baden-Baden, der für das Festspielhaus ein Gewinn ist. Und zum Abschluss von „Takeover“ steigen die fünf erfrischend spielfreudigen Tänzer am Sonntagmittag sogar noch zweimal in die Arena fürs Publikum.

Ideen aus den

Reihen des Publikums

Dass bei der Premiere von „Takeover“ zwar kein Matsch in den Abläufen steckte, aber noch etwas Sand im Getriebe war, und beispielsweise am Samstagabend nach dem Auftritt des Uppercut Dance Theaters und vor Beginn des DJ-Abends ein gewisser Leerlauf festzustellen war, trübt den positiven Gesamteindruck des neuen Festivals dabei nur minimal.

Im kommenden Jahr plant das Festspielhaus fest mit einer zweiten Version. Ideen für das Jahr 2023 konnten die Festivalteilnehmer einreichen. Der beste Vorschlag – die Einrichtung eines Kreativbereichs, in dem künftige Festivalbesucher selbst künstlerisch aktiv werden können – ist am Samstagabend prämiert worden.