Klavierwettbewerb Ettlingen: Sprungbrett in die Weltspitze

Ettlingen (red) – Der Internationale Klavierwettbewerb Ettlingen gilt als Sprungbrett in die Weltspitze der Pianisten. Stars wie Lang Lang und Igor Levit haben ihn bereits gewonnen. Im August soll wieder eine Ausgabe sein. Abgesagt wurde sie noch nicht, aber ob die jungen Virtuosen aus aller Welt anreisen können, ist fraglich.

Igor Levit machte vor 22 Jahren in Ettlingen auf sich aufmerksam. In der Corona-Zeit stellt der Starpianist seine Hauskonzerte online.  Foto: Schmidt/dpa

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Igor Levit machte vor 22 Jahren in Ettlingen auf sich aufmerksam. In der Corona-Zeit stellt der Starpianist seine Hauskonzerte online. Foto: Schmidt/dpa

Es wäre ein verkürzter Blick auf die Annalen des 1988 erstmals ausgerichteten „Internationalen Klavierwettbewerb Ettlingen“ – bis 2018 firmierte er noch als „Internationaler Wettbewerb für junge Pianisten Ettlingen“ –, wenn man sich zu sehr auf Lang Lang fokussierte, der in der malerischen Stadt an der Alb 1994 die Siegerkrone davontragen konnte. Aus unterschiedlichen Gründen ist die Anerkennung, die der von einem enormen PR-Hype begleitete chinesische Klaviersuperstar bei breiten Publikumsschichten genießt, umgekehrt proportional zum Urteil weiter Teile der Fachwelt. Zudem würden selbst eingefleischte Anhänger von Lang Lang kaum die Tiefgründigkeit seiner Interpretationen in den Vordergrund stellen, denn seine beachtenswert brillante Technik hervorheben.
Was, zumindest indirekt, dem in Musikerkreisen oft hinter vorgehaltener Hand ausgesprochenen Vorurteil Nahrung gibt, beim Ettlinger Wettbewerb – dessen diesjährige Ausgabe vom 8. bis 16. August noch nicht abgesagt wurde – würden vor allem junge Pianistinnen und Pianisten gewinnen, die mechanisch gut gedrillt Klavieretüden in einem hohen Perfektionsgrad abspulen könnten.
Ein Blick auf die vielen, die sich in Ettlingen bislang in die Siegerliste eintragen konnten, belehrt indes eines Besseren. Zudem widerlegt er ein weiteres Vorurteil. Obwohl viele Pianistinnen und Pianisten aus Asien hier erfolgreich waren, haben eine ganze Reihe in Europa beheimateter Künstler sich von Ettlingen aus eine beachtenswerte Karriere aufgebaut. Pianisten wie Igor Levit, Alexej Gorlatch, Severin von Eckardstein oder Lise de la Salle, die sich international auf den Podien etabliert haben, nicht zu denjenigen, die durch vordergründige Brillanz zu fesseln versuchen.

Nächste Ausgabe im August noch geplant

Igor Levit, der im 1998er Wettbewerb 2. Preisträger wurde – auch der spätere Sieger im ARD-Wettbewerb Alexej Gorlach konnte in Ettlingen nicht gewinnen – ist geradezu der Gegenentwurf zu einem sportativen Virtuosen. Der Querdenker am Klavier gehört zu den Künstlern, die sich auch außerhalb der musikalischen Sphäre zu Wort melden. Seine Kommentare zu Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit haben ihm sogar Morddrohungen eingebracht.
Bei Levit verbindet sich manuelle Souveränität mit großem Gestaltungswillen und dem Wunsch, Meisterwerke wie Beethovens „Diabelli“-Variationen und Bachs „Goldberg“-Variationen in einen ungewohnten Kontext, hier mit Frederic Rzewskis Variationen über das Revolutionslied „The People united will never be defeated“ zu stellen. Bei der Plattenfirma Sony hat Levit zum Beethoven-Jahr eine hochgelobte Gesamteinstellung der Klaviersonaten des Jubilars vorgelegt, die ihn als einen der interessantesten Beethoven-Interpreten der Gegenwart zeigen.
Severin von Eckhardstein ist ein weiterer Musiker, der durch seine vielfältigen musikalischen Interessen, die von Medtner und Scriabin bis zu Wagner-Arrangements und dem französischen Repertoire reichen, mit hochkarätigen, nie vordergründigen Deutungen auf sich aufmerksam machen konnte.

Daniel Hope wählt Klaviertalent Lise de la Salle für neue Beethoven-CD aus


Auch für Lise de la Salle war der Sieg in Ettlingen wichtig: Inzwischen ist die hochbegabte Französin mit einer Vorliebe für Romantisches wie den Bach-Bearbeitungen von Liszt und einem Händchen für die Musik ihres Heimatlandes ebenfalls international erfolgreich. Der Star-Geiger Daniel Hope hat die Französin für seine aktuelle CD „Belle Epoque“ als Partnerin für Ernest Chaussons Konzert für Violine, Klavier und Streichquartett ausgewählt, wobei sie ihm mit ihrer geschmeidig-unaufdringlichen Klavierkunst Partnerin auf Augenhöhe ist.
Natürlich konnten nicht alle in Ettlingen Erfolgreichen ganz hohe Erwartungen erfüllen: Obwohl Ayako Uehara zehn Jahre nach ihrem Sieg in Ettlingen 2002 auch den wohl bedeutendsten Klavierwettbewerb der Welt, den Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerb als erste Frau und erste Japanerin für sich entscheiden konnte, blieb eine große Karriere, wie frühere Sieger – von Sokolow über Ashkenazy, Pletnev oder aktuell Trifonoff – sie starten konnten, ihr (bislang) versagt.
Boris Giltburg hingegen, der sich 2013 in die Siegerliste des Brüsseler Königin-Elisabeth-Wettbewerbs eintrug, ist auf dem Weg ganz nach oben. Obwohl er zu den bedeutendsten Rachmaninow-Interpreten unserer Zeit gehört, was seine Einspielungen bei Naxos nicht nur von dessen Konzerten unterstreichen, ist er nichts weniger als ein auf Effekt schielender Nur-Virtuose. Seine ausgeklügelte Klangfarbendramaturgie verbindet sich mit souveräner, nie ins Spektakel abgleitender Brillanz.
Das jüngste der mit Ettlingen verbundenen Klaviertalente, denen man eine große Karriere prophezeien kann, ist der chinesisch-stämmige Amerikaner Eric Lu, der nach seinem Sieg in Ettlingen 2010 acht Jahre später auch in Leeds triumphierte. Aus diesem Wettbewerbsgewinn resultierte bei Warner eine Einspielung des Préludes-Zyklus von Chopin, die dank ihrer hohen Musikalität, der unaufdringlichen manuellen Souveränität und des die Gesamtheit der 24 Präludien stets im Blick behaltenden Gestaltungswillens sich auch neben großen Einspielungen von Rubinstein, Argerich, Pogorelich oder Pollini behauptet.

Homepage des Internationalen Klavierwettbewerbs Ettlingen


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