Kleiderständer mit vielen Geschichten

Bruchsal (fh) – Sie liegen bestimmt bald unter manchem Christbaum: Barbie-Puppen begeistern seit mehr als 60 Jahren ihre Fans. Der Grund für den Erfolg: Barbie ist ihrer Zeit oft einen Schritt voraus.

Von wegen immer blonde Haare und Wespentaille: Barbie gibt es mittlerweile mit verschiedensten Körperformen, Hautfarben und Frisuren. Foto: Lennihan/AP/dpa

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Von wegen immer blonde Haare und Wespentaille: Barbie gibt es mittlerweile mit verschiedensten Körperformen, Hautfarben und Frisuren. Foto: Lennihan/AP/dpa

Barbara Millicent Roberts, so ihr voller Name, ist Vorbild, beste Freundin, Kindheitserinnerung, aber auch Symbol für Oberflächlichkeit, Zielscheibe ihrer Kritiker und Namensgeberin für eine psychische Störung – dem Barbie-Syndrom. Die Blondine mit ausgeprägter Vorliebe für die Farbe Pink, fehlt in fast keinem Mädchenspielzimmer.

Die Amerikanerin Ruth Handler hatte 1959 die Idee zu der Modepuppe, als sie ihre Tochter Barbara beim Spielen mit Anziehpuppen aus Papier beobachtete. Ihre Puppe sollte es Mädchen ermöglichen, ihre eigenen Träume für die Zukunft auf das Spielzeug zu projizieren, so schreibt es der Hersteller Mattel auf barbiemedia.com.

Die erste Barbiepuppe trägt nur einen gestreiften Badeanzug. Fotos: Christoph Schmidt/dpa

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Die erste Barbiepuppe trägt nur einen gestreiften Badeanzug. Fotos: Christoph Schmidt/dpa

So trug das erste Model, das am 9. März 1959, Barbies offiziellem Geburtstag, auf einer New Yorker Spielzeugmesse vorgestellt wurde, neben blondem Pferdeschwanz und gelockten Pony nur einen schwarz-weiß gestreiften Badeanzug. Genug Spielraum also, um die Puppe nach individuellen Vorstellungen auszustaffieren.

Handlers Tochter Barbara wurde zugleich die Namenspatronin von Barbie, ihr Bruder Kenneth 1961 für die männliche Puppe Ken – Barbies Lebenspartner. Anders als ihre Puppen-Freundinnen aus der Reihe, hat Barbie aber nie geheiratet.

Die Frau mit mehr als 200 Berufen

Denn Barbie ist ein echtes Karriere-Girl. Mehr als 200 verschiedene Berufe hat sie bereits ausgeübt, darunter Pilotin, Astronautin, Unternehmerin und Journalistin. Barbie arbeitet bereits 1973 als Chirurgin, einer Zeit, in der es nur wenige Frauen in dieser Position in den OP schafften. Zudem kandidierte sie schon 1992 für das Amt des US-Präsidenten, wie seither in jedem Wahljahr, schreibt Mattel weiter.

Ob Barbie gegen Donald Trump gewonnen hätte? Seit 1992 kandidiert sie immer wieder um das Amt des US-Präsidenten. Foto: Christoph Schmidt/dpa

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Ob Barbie gegen Donald Trump gewonnen hätte? Seit 1992 kandidiert sie immer wieder um das Amt des US-Präsidenten. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Das Unternehmen spinnt um die berühmte Puppe eine komplette Hintergrundgeschichte, so kommt Barbie aus der fiktiven Stadt Willows in Wisconsin, wo sie auch die High School besuchte (natürlich gibt es auch Puppen im Cheerleading-Outfit). 2005 gab Mattel sogar Barbies Trennung von Ken bekannt. Der setzte aber Anfang 2011 alles daran, Barbie zurückzugewinnen und ließ den Hersteller Mattel in ganz New York großformatige Plakate platzieren mit dem Schriftzug „Barbie, we may be Plastic but our Love is real“. Am Valentinstag erklärte eine Sprecherin dann in der Today Show, dass Barbie und Ken wieder offiziell ein Paar seien.

Aber eigentlich hat doch jede einzelne Puppe ihre eigene Geschichte, die ihm das Kind, dem sie gehört, beim Spielen gibt. „Barbie ist in gewisser Weise einfach nur ein Kleiderständer, der neutral ist“, sagt Bettina Dorfmann. „Das Drumherum wird gespielt.“ Die Barbie-Sachverständige, die eine „Klinik“ für die Modepuppen betreibt, hat zusammen mit Karin Schery die Wanderausstellung „Busy Girl – Barbie macht Karriere“ kuratiert, die noch bis 21. Februar im derzeit geschlossenen Schloss Bruchsal Station macht. Präsentiert werden mehr als 1 000 Objekte aus der weltweit größten Barbie-Sammlung.

Bettina Dorfmann (links) und Karin Schrey präsentieren im Schloss Bruchsal mehr  als 1000 Objekte aus der weltweit größten Barbie-Sammlung. Foto: Christoph Schmidt/dpa

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Bettina Dorfmann (links) und Karin Schrey präsentieren im Schloss Bruchsal mehr als 1000 Objekte aus der weltweit größten Barbie-Sammlung. Foto: Christoph Schmidt/dpa

In Dorfmanns Kindheit war Barbie ein universell einsetzbares Spielzeug, mit dem man sowohl alleine als auch mit anderen Kindern spielen konnte, für das sie gestrickt, genäht und gehäkelt hat. In Barbies Welt sei auch nicht immer alles perfekt. „Kinder lassen ihre Sorgen und Probleme in das Spiel einfließen“, sagt Dorfmann. Ihre Sammelleidenschaft wurde aber erst mit den Barbiepuppen ihrer Tochter in den 90ern geweckt, als sie ihre eigenen Exemplare aus den 60ern samt Zubehör wieder hervorholte.

Mit Schallplatten zeigt Bettina Dorfmann die Barbie der 70er Jahre in ihrer Ausstellung in Schloss Bruchsal. Foto: Christoph Schmidt/doa

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Mit Schallplatten zeigt Bettina Dorfmann die Barbie der 70er Jahre in ihrer Ausstellung in Schloss Bruchsal. Foto: Christoph Schmidt/doa

Puppe bekommt verschiedene Körper

„Der Plattenspieler oder die Schreibmaschine, das waren Dinge aus einer anderen Zeit“, sagt Dorfmann. Für sie sei die Barbie darum immer ein Spiegel ihrer jeweiligen Epoche. „Und sie ist ihrer Zeit auch immer ein Stück voraus“, betont die nach eigenen Angaben einzige Sachverständige für Barbiepuppen in Deutschland, was die Figur in ihren Augen sehr emanzipiert macht. „Barbie stehen immer alle Wege offen.“

Da ist für jedes Mädchen etwas dabei. Schon in den 60ern versuchte Mattel, verschiedene Ethnien zu integrieren. 1968 kam die erste farbige Freundin Christie auf den Markt. Ab 1980 gab es Barbie selbst in einer afro-amerikanischen und einer hispanischen Version.

Die „Fahsionista“-Linie legt seit einigen Jahren Wert auf Diversität. So gibt es zum Beispiel eine Chemo-Barbie ohne Haare. Foto: Christoph Schmidt/dpa

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Die „Fahsionista“-Linie legt seit einigen Jahren Wert auf Diversität. So gibt es zum Beispiel eine Chemo-Barbie ohne Haare. Foto: Christoph Schmidt/dpa

Und: Schönheitsideale wandeln sich, und Barbie mit ihnen. Seit 2016 ist das einstige Sinnbild für Schlankheitswahn mit verschiedenen Körperformen erhältlich: in groß, zierlich und curvy. Teil der neueren Linien ist auch eine große Portion Diversität: Barbie trägt beispielsweise in der Gestalt von US-Säbelfechterin Ibtihaj Muhammad Hidschab. Die „Fashionista“-Puppen gibt es außerdem mit einer goldenen Beinprothese, der sogenannten Weißfleckenkrankheit (Vitiligo) oder ohne Haare.

Seit ein paar Jahren legt besonders die „Sheros“-Reihe, zu der auch Muhammads Puppe gehört, Wert auf reale Frauenheldinnen aus aller Welt, die inspirierende Vorbilder für Mädchen sein sollen, wie Mattel schreibt, darunter Künstlerinnen, Sportlerinnen und Frauenrechtlerinnen.

Diese Wandelbarkeit und Aktualität tragen zu Barbies Erfolg bei, wie Senior Vice President Lisa McKnight in einer Mitteilung betont: „Unser Engagement, die Welt besser widerzuspiegeln, regt Gespräche und Diskussionen kontinuierlich an und sorgt für Aufmerksamkeit.“ Am besten verkaufte sich in der mehr als 60-jährigen Karriere der Puppe ein Model von 1992 – die Totaly Hair Barbie mit besonders langer Mähne. Auch die Corona-Krise kann der Spielzeug-Geschäftsfrau nichts anhaben. Der Umsatz mit den Puppen stieg den Angaben des Herstellers zufolge von Juni bis September um 29 Prozent – Barbie sorgt laut der Nachrichtenagentur AFP für mehr als ein Viertel der Einnahmen bei Mattel.

Mode-Ikone wird von Designern ausstaffiert

Der Erfolg führt zu Partnerschaften mit anderen erfolgreichen Marken und Unternehmen. Als Modepuppe ist Barbie von Haus aus mit der Fashion-Industrie verbunden. Laut Hersteller hat bisher keine andere Marke mit so vielen Designern zusammengearbeitet. Allen voran entwarf Oscar de la Renta 1985 glamouröse Roben für die Blondine.

Viele Popstars und andere Berühmtheiten standen außerdem für eigene Puppen Model, erstmals 1967 das britische Model Twiggy. Da kennt Barbie auch keine Geschlechtergrenzen und schlüpfte schon mal in die Outfits von David Bowie oder Karl Lagerfeld. Zum 50. Geburtstag 2009 gab es sogar eine eigene Modenschau auf der New York Fashion Week bei der menschliche Models Haute Couture trugen, die von der Plastik-Ikone inspiriert war.

Karriere auch als Influencerin

Bei all der Kleiderauswahl rät die Sachverständige Bettina Dorfmann übrigens allen Sammlern, die Barbie nicht aus ihrer Zeit zu reißen. „Nichts sieht schlimmer aus als eine 60er-Jahre-Barbie in einem Kleid aus den 90ern und andersherum“, sagt sie. Aber Barbie beweist Stilbewusstsein, immerhin ist sie auch Influencerin mit eigenem Instagram-Account „barbiestyle“. Auch auf Youtube spricht sie in einer animierten Version zu ihren Fans über verschiedene Themen von Mobbing bis Meditation. Der Sprung ins Zeitalter der Sozialen Medien ist ihr also geglückt.


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