Kleines Kuriositätenkabinett im Kreisarchiv

Rastatt (mak) – Das Kreisarchiv beherbergt in seinem Außenmagazin in der Lyzeumstraße neben Sperrfrist-Akten auch zahlreiche Gemälde, Bücher, Filme und etliche Geschenke an den Landkreis.

Voll funktionsfähig: Ein Grammophon aus den 1930er Jahren mit Schellackplatte. Foto: Markus Koch

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Voll funktionsfähig: Ein Grammophon aus den 1930er Jahren mit Schellackplatte. Foto: Markus Koch

Im Bestand des Kreisarchivs befinden sich nicht nur rund 80.000 Akten, sondern auch mehr als 20.000 Fotos, 8.000 Bücher und rund 1.800 Gemälde und Grafiken. Das „Gedächtnis des Landkreises“ hatte 2020 seine Lagerkapazitäten ausgeschöpft, Kreisarchivar Martin Walter ist erleichtert, dass das Archiv im Mai 2021 ein Außenmagazin in der Lyzeumstraße 23 erhalten hat. Dort befindet sich auch ein kleines Kuriositätenkabinett mit Gastgeschenken an den Landkreis sowie eine kleine Sammlung an technischen Geräten. In einer Regalreihe im Untergeschoss des sanierten Gebäudes, in dem auch der Abfallwirtschaftsbetrieb ein neues Domizil hat, finden sich beispielsweise etliche Geschenke aus der finnischen Partnerstadt Vantaa und der Partnerprovinz Pesaro e Urbino. Unter anderem eine große Vase, die von den Italienern anlässlich des zehnjährigen Partnerschaftsbestehens überreicht wurde. Daneben gibt es Schalen, Teller, Zinnbecher und Bierhumpen, etwa vom ersten Hügelsheimer Spargelfest am 14. und 15. Juni 1986.

Ein paar Regale weiter befinden sich Geräte, die das Herz von Technik-Fans höher schlagen lassen. Neben ausgemusterten Dia- und Filmprojektoren des Kreismedienzentrums steht eine Rechenmaschine der Rastatter Thales-Werke im Regal. Aber auch Tonbandgeräte und Kassettenrekorder werden für nachfolgende Generationen aufbewahrt. Martin Walter holt ein Grammophon, ein „Klingsor Extra“, aus den 1930er-Jahren aus dem Regal. Es wurde dem Kreisarchiv aus einem Nachlass übergeben. Eine alte Schellackplatte liegt noch auf, mit dem Song „Chattanooga Shoe Shine Boy“ von Red Foley aus dem Jahr 1949. Walter steckt die Kurbel in den Kasten, dreht kräftig und schon schallt ein leicht krächzender, aber flotter Sound durch den 18 Grad kühlen Kellerraum mit der Fahrregalanlage.

Archivräume optimal klimatisiert

Die beiden Magazinräume sind klimatisiert, das heißt, dass Luftfeuchtigkeit und Temperatur konstant gehalten werden, um das Archivgut fachgerecht aufzubewahren. Der größere Raum mit einer Fläche von 96 Quadratmetern hat eine Regalkapazität von etwa 800 laufenden Metern, berichtet Walter. Pro Meter finden, je nach Umfang, etwa 260 Akten Platz. Um 40 laufende Regalmeter im Archiv zu füllen, sei ein Mitarbeiter ungefähr ein Jahr lang damit beschäftigt, eine wesentlich größere Menge an Aktenmaterial in Hängeordnern oder Leitz-Ordnern zu sichten und auf das Notwendige zu beschränken. Rund 500 laufende Meter sind bereits gefüllt. Die restlichen 300 Meter dürften aber dennoch viele Jahre lang ausreichen, denn im Landratsamt werden die Verwaltungsvorgänge zunehmend digitalisiert, führt Walter aus.

In der Lyzeumstraße sind bearbeitete Archivalien gelagert, auf denen Sperrfristen liegen und die nicht von externen Nutzern eingesehen werden dürfen. „Bei Sachakten gibt es Sperrfristen bis zu 30 Jahren, bei personenbezogenen Daten mindestens zehn Jahre nach dem Tod“, verdeutlicht der Kreisarchivar. So finden sich beispielsweise Listen mit Weihnachtsbeihilfen für „Hilfsbedürftige“, die das Innenministerium des Landes 1956 den Gemeinden im Kreis zugeteilt hat, die entsprechende Anträge gestellt hatten. Aber auch Patientenakten des Kreiskrankenhauses Gernsbach von den 1960er bis zu den 1990er Jahren lagern in der Lyzeumstraße. „Hier habe ich von jedem Buchstaben eine bestimmte Anzahl von Akten in den Archivbestand übernommen“, erklärt Walter und betont: „Auf diesen Akten liegt eine gesetzlich vorgeschriebene Sperrfrist, so dass diese frühestens zehn Jahre nach dem Tod eingesehen werden dürfen.“ Etwa zehn Prozent der Patientenakten wurden erhalten, der Rest vernichtet. Eine gesetzliche Regelung, alle Patientenakten aufzubewahren, habe nicht bestanden, dennoch könnten sie für spätere Generationen interessant sein, urteilt Walter: „Die Fragen und die Interessenlagen der Forschung ändern sich im Laufe der Jahre.“

Als Beispiel hierfür nennt Walter die Anfrage einer Forscherin aus Esslingen, die er jüngst erhalten habe. Diese recherchiert im Auftrag der Erzdiözese Rottenburg-Stuttgart und des Diakonischen Werks Württemberg zum Thema Kinderlandverschickung ab den 1950er Jahren: „Das ist immer auch ein Spagat zwischen Datenschutz und dem Recht auf Forschung“, erklärt Walter.

Kunstsammlung mit regionalem Bezug

Es geht weiter zum benachbarten Magazinraum, der 51 Quadratmeter groß ist. An die Fahrregalanlage ist der über vier Meter lange historische Ratstisch des ehemaligen Landratsamts Bühl aus den 1930er Jahren gelehnt. Daneben befindet sich der Unterbau: „Die Umzugsfirma hat Millimeterarbeit geleistet, um den riesigen Tisch hier in den Keller zu bringen. Bei der Sanierung des Gebäudes wurde die Tür für diesen Raum extra verbreitert, damit wir ihn hineinbekommen“, erzählt der Kreisarchivar. Aufgrund seiner Länge eigne sich der Tisch zum Sortieren von Landkarten und Grafiken, so Walter, der den Tisch 2010 von privater Seite erworben hat. Daneben stehen 313 laufende Regalmeter zur Verfügung. „Rein rechnerisch liegt die Belegung bei 1.200 Bildern“, verdeutlicht er.

Die Kunstsammlung des Landkreises besteht aus Erwerbungen der vergangenen 50 Jahre und umfasst etwa 1.800 Ölgemälde, Aquarelle und Kohlezeichnungen, größtenteils mit Bezug zum Landkreis.

Das Filmarchiv umfasst etwa 500 Filmrollen, größtenteils alte Unterrichtsfilme des Kreismedienzentrums. Aus dem Nachlass des früheren Baden-Badener Fotogeschäfts Seiser befinden sich 22 Rollen aus den 1930ern im Archiv, die alle digitalisiert sind. Darunter ein Film über den Schneesturm in Hundseck 1930. „Unser größter Film-Schatz ist der Werbefilm des Landkreises aus dem Jahr 1958, der gemacht wurde, um den Tourismus zu fördern“, berichtet Walter. Das Kreisarchiv ist normalerweise offen für Recherchen zur Heimatgeschichte, doch in Corona-Zeiten ist Martin Walter bestrebt, die Besucherfrequenz möglichst gering zu halten: „Wir versuchen, die Anfragen möglichst selbst zu erledigen.“

Farbenprächtiger Akzent im Archivregal: Vase mit biblischem Motiv aus Pesaro e Urbino. Foto: Markus Koch

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Farbenprächtiger Akzent im Archivregal: Vase mit biblischem Motiv aus Pesaro e Urbino. Foto: Markus Koch

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Erstellt:
8. Februar 2022, 09:00 Uhr
Lesedauer:
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