Kleines Testzentrum im eigenen Wohnzimmer

Karlsbad (BNN) – Der Karlsbader Friedrich Mandel ist auch dann zur Stelle, wenn andere Teststellen längst geschlossen haben.

Bislang hatte Friedrich Mandel noch keinen positiven Corona-Fall zu verzeichnen. Foto: Sebastian Raviol

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Bislang hatte Friedrich Mandel noch keinen positiven Corona-Fall zu verzeichnen. Foto: Sebastian Raviol

An den Anblick von Corona-Teststellen haben sich die Menschen schon gewöhnt. Oft stellen die Anbieter ein weißes Zelt auf, mittlerweile auch in den Fußgängerzonen. Wer aber zur Teststelle von Friedrich Mandel in Karlsbad-Langensteinbach fährt, muss genau hinschauen. Eine ruhige Wohngegend mit Spielstraße, mittendrin ein unscheinbares weißes Reihenmittelhaus. Ein erster Hinweis an der Haustür: „Zu Ihrem Test geht es hier entlang“.

Das zweite Schild hinter dem Haus: „Ab hier gilt Maskenpflicht“. Wer einen Termin hat, geht durch den Garten des Ehepaars Mandel und wartet auf der Terrasse. Im Wohnzimmer wird der Corona-Schnelltest vorbereitet. Es ist die wohl privateste Teststelle der Region und zugleich die wichtigste für die 16.000-Einwohner-Gemeinde Karlsbad.

„Lange Zeit war ich in Karlsbad der einzige Punkt auf der interaktiven Karte des Landkreises“, sagt Friedrich Mandel mit einem Lächeln im Gesicht. Er sitzt im heimischen Wohnzimmer am Esstisch, aber er ist bereit. Ein blauer Plastikumhang überdeckt sein Karohemd, seine schwarze Kastenbrille ist bei Bedarf schnell gegen eine Schutzbrille eingetauscht. Einen Tisch weiter liegen die Schnelltests.

Gerade eben habe sich eine Frau testen lassen, sagt er. Aber für das Gespräch nun habe er eine Terminlücke gelassen. Über 100 Menschen kamen im Dezember schon zu ihm, seit Sommer sind es 500 – noch kein positiver Fall. Mit den Einnahmen decke er die Kosten für das Material, gehe mal mit seiner Frau essen, den Rest spende er an ein Hospiz.

Witz bringt Stein ins Rollen

Begonnen hat es mit dem Witz eines befreundeten Arztes: „Mach‘ doch dein eigenes Testzentrum auf.“ Für den früheren Chemiker Mandel war das gar nicht so abwegig. Er hat im Dopinglabor in Köln gearbeitet, später wertete er für Unternehmen teils infektiöse Proben aus. „Genau die Arbeit, die nun gefragt ist“, sagt der 68-Jährige.

Ohnehin hatten ihn Nachbarn immer wieder gebeten, sie zu testen – ohne offizielles Zertifikat natürlich. Er las sich die seitenlangen Vorschriften durch: Lagerungstemperatur, Anbindung an Corona-Warn-App, Hygienekonzept. Er kaufte sich das nötige Material wie eine Schutzbrille, Desinfektionsmittel, Handschuhe. Mit einem Befähigungsnachweis meldete er sich offiziell an.

Bürgerteststelle darf sich Mandel nun nennen – nicht, weil er als Bürger testet, sondern weil sich Bürger dort testen lassen können. Mandel zählt zu den privaten Anbietern ebenso wie Unternehmen, die Teststellen unterhalten. 990 von 1.200 Teststellen im Landkreis Karlsruhe werden laut Gesundheitsamt von privaten Betreibern geführt.

Friedrich Mandel legt Wert auf Präzision. Und die fängt schon bei der Bestellung an. Manche Schnelltests haben eine Sensitivität von 90. Also sind unter 100 Tests zehn falsche Ergebnisse dabei, sagt er, das müsse man sich mal überlegen. Er nimmt die Tests mit einer Sensitivität 98, wenn möglich 99 – auch wenn die etwas mehr kosten. Beim Abstrich selbst erkläre er den Menschen, was er da tue – und dass es mitunter länger als drei Sekunden dauert.

Präzises Testen

Seine Frau Birgit Mandel hilft beim Organisieren mit. Eine Frau vom Deutschen Roten Kreuz, erzählt sie, habe mal gesagt, dass Friedrich Mandel präziser teste als so mancher erfahrener Ehrenamtlicher.

Und Mandel testet auch dann, wenn andere Teststellen längst geschlossen haben. „Wenn ich da bin und jemand braucht dringend einen Test, dann mache ich das“, sagt er. Als die Eisbahn in Waldbronn eröffnete, standen abends plötzlich drei Pärchen vor seiner Türe. Sie waren von der 3G-Regelung überrascht und brauchten einen Test. „Man ist irgendwie immer auf Abruf.“

„Natürlich schränkt das auch das Privatleben ein“, sagt Birgit Mandel. „Man schaut, wann man kochen oder spazieren gehen kann.“ An Weihnachten wollten sie eigentlich frei haben. Nun testen sie doch noch sechs Personen. „Sie wollen doch Opa und Oma nicht anstecken“, sagt Friedrich Mandel. Manche Stammgäste kommen jeden Tag, sie reservieren sich ihre Termine telefonisch oder per Corona-Warn-App schon zwei Wochen im Voraus.

Was ihn motiviert? Er habe sein Leben lang gelernt, mit Menschen umzugehen. „Die meisten Menschen sind nach den Schnelltests dankbar und sagen, sie fühlen sich bei mir gut aufgehoben.“ Und einem jungen Mann habe er die Angst vor der Impfung nehmen können. „Ich habe ihm eine kurze Bio-Chemie-Vorlesung gehalten“, sagt Mandel und lacht.

Nur einmal hatte er es sich erlaubt, einen Mann wegzuschicken. Er kam ohne Termin, es war Mittag, das Essen stand auf dem Tisch. Leicht fiel es Mandel nicht – aber er verwies ihn an das nächstgelegene Testzentrum.

Für die Weihnachtsfeiertage hat Mandel schon einen Satz auf den Anrufbeantworter gesprochen: Man solle sich für Schnelltests erst wieder ab dem 3. Januar melden. Bis dahin haben er und seine Frau – wenn alles klappt – frei.

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Sebastian Raviol

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Erstellt:
23. Dezember 2021, 13:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 35sec

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