Klimawandel: Rheinebene besonders betroffen

Stuttgart (bjhw) – Noch schlimmer, noch schneller: Der Zwischenbericht des Weltklimarats macht deutlich, welche weitreichenden Auswirkungen die Erwärmung der Erdatmosphäre nicht nur auf die Natur hat.

Vier Wochen im Jahr sind seit den 90er Jahren hoch- bis höchstsommerlich mit weitreichende Auswirkungen nicht nur auf die Natur. Foto: Philipp von Ditfurth/dpa

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Vier Wochen im Jahr sind seit den 90er Jahren hoch- bis höchstsommerlich mit weitreichende Auswirkungen nicht nur auf die Natur. Foto: Philipp von Ditfurth/dpa

Schon 2030 und damit ein Jahrzehnt früher als bisher prognostiziert, könnte die Erdatmosphäre um jene 1,5 Grad erwärmt sein, die erste unumkehrbare Entwicklungen auslösen. Nach dem Zwischenbericht des Weltklimarats (IPCC) sind von der Entwicklung in besonderer Weise Regionen betroffen, die vom Klimawandel überdurchschnittlich belastet sind.

In Baden-Württemberg gilt das vor allem für die Rheinschiene, die von 1961 bis 1990 im Mittel auf zwölf Heiße Tage mit über 30 Grad Celsius kam. Seither sind insgesamt rund vier Wochen hoch- bis höchstsommerlich. In nicht allzu ferner Zeit könnten es mehr als doppelt so viele sein – mit weitreichenden Auswirkungen auf Flora, Fauna und das gesellschaftliche Leben.

Klimawandel: Rheinebene besonders betroffen

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234 Fachleute sind beteiligt, nicht weniger als 14.000 Forschungsarbeiten ausgewertet: Seit der IPCC Anfang August seinen aktuellen Sachstandsbericht vorgelegt hat, ist endgültig belegt, dass die Erwärmung mit den Wetterextremen, den häufigeren Wirbelstürmen, Starkregenfällen oder Dürreperioden menschengemacht ist. Und wie optimistisch bisherige Modellrechnungen sind. „Umgehend“ müsse der Treibhausgasausstoß reduziert werden, was einer der Autoren, der Hamburger Meteorologe Jochem Marotzke, mit „praktisch in diesem Jahrzehnt“ übersetzt. Sonst gebe es „praktisch keine Chance“, das Pariser Ziel mit seinem Plus von 1,5 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter zu erreichen. „Der Bericht ist eine Mahnschrift, ein Weckruf für uns alle“, sagt Baden-Württembergs neue Umweltministerin Thekla Walker (Grüne). „Die Alarmglocken sind ohrenbetäubend“, warnt UN-Generalsekretär Antonio Guterres und ruft in seinem trotz Denkmalschutz energetisch generalsanierten Headquarter am New Yorker East River den „code red“ aus, die Alarmstufe rot.

Für Baden-Württemberg nutzt die Landesanstalt für Umwelt (LUBW) schon lange diese Farbe in verschiedensten Schattierungen, um darzustellen, was auf den Südwesten zukommt, wenn die Verpflichtungen und die Appelle, die Pläne und Verbote nichts fruchten.

Der Rheinpegel bei Karlsruhe war 2018 nach monatelanger Dürre auf einem Tiefstand (rechts). Foto: Uli Deck/dpa

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Der Rheinpegel bei Karlsruhe war 2018 nach monatelanger Dürre auf einem Tiefstand (rechts). Foto: Uli Deck/dpa

Ende der 90er Jahre wurden die Konsequenzen für die Wasserwirtschaft analysiert, später fürs ganze Land, es gibt Förderprogramme und seit 2015 eine umfangreiche Anpassungsstrategie, die von der Land-, Wald- und Forstwirtschaft über den Tourismus und den Naturschutz bis zur Gesundheit und der Stadtplanung insgesamt Herausforderungen, Ziele und prioritäre Maßnahmen beschreibt. Deren Umsetzungsstand wird regelmäßig erfasst. „Konsequenter Klimaschutz ist unabdingbar“, schreibt noch Walkers Vorgänger Franz Untersteller (Grüne) im jüngsten Monitoringbericht, der – worste case – vielerorts ausgestorbene Fichten prognostiziert, das Ende des klassischen Skitourismus in den Mittellagen, die immer früher einsetzenden Rapsblüte in der Rheinebene, Pegeltiefststände oder steigende Zahlen von Hitzetoten. Allein im Hitzesommer 2018 waren es geschätzt 2.000 im Land.

Detailliert dargestellt ist unter vielem anderen die Belastung für Städte und ihre Bevölkerung und damit auch den Wohnungsbau. Bereits im Hitzesommer 2003 sind danach in Karlsruhe 53 und 2018 insgesamt 37 Heiße Tage gezählt worden. „Ein gut geplantes Quartier mit gezielter Wasserspeicherung und integrierter Begrünung tragen zur Kühlung bei“, schreiben die LUBW-Fachleute. Konkret dürften vor allem Großparkplätze nicht mehr versiegelt oder – noch besser – vorhandene aufgebrochen und mit Rasengittern umgestaltet worden. Für konkrete integrierte Begrünung steht die veränderte Landesbauordnung, die die Bepflanzung von Dächern und Fassaden dort verlangt, wo es zu wenige Bäume oder Gartenflächen gibt.

Kein Streit mehr über Begrünung

Vor allem der damals zuständige Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) wurde 2014, als die Pläne auf den Tisch kamen, von Bauherren, aber auch von CDU und FDP, der „Zwangsmaßnahmen“ wegen heftig kritisiert. Zugleich warben Architekten, Stadtplaner und Klimaforscher schon damals vehement für diese und andere Maßnahmen. Und die LUBW versuchte, mit Fakten durchzudringen.

„Die Verdunstung von Pflanzen trägt zu Abkühlung bei, begrünte Flächen dienen der Versickerung von Niederschlag“, heißt es in einer Analyse vor sechs Jahren. Der Entsiegelung und Begrünung von Flächen wie Parkplätzen, Innenhöfen etc. komme daher „maßgebliche Bedeutung zu, zudem sollten Dächer und Fassaden baulicher Anlagen verstärkt bepflanzt und begrünt werden“. Der Maßnahme wird nicht nur eine hohe Dringlichkeit bescheinigt, sondern zugleich, dass sie kurzfristig umsetzbar ist. „Inzwischen“, weiß auch Thekla Walker, „wird wenigstens nicht mehr darüber gestritten.“

Konkrete Auswirkungen des Klimawandels hierzulande haben jedenfalls Verantwortliche in 95 Prozent der Kommunen wahrgenommen. Und 90 Prozent erwarten, dass Wald-, Forst- und Landwirtschaft sowie der Wasserhaushalt künftig noch viel stärker darunter leiden werden. Diese Zahlen hat die LUBW ebenfalls erhoben, ebenso die vielfachen Aktivitäten von Städten und Landkreisen. Kleinere Kommunen benötigten noch mehr Unterstützung, etwa bei der Anpassung an Starkregenfälle und Überschwemmungen. Die nähmen zu, schreibt der Weltklimarat, vor allem in West- und Zentraleuropa. Und damit einhergehend Dürren und Trockenstress für immer mehr Arten.

Klimakollaps „nicht auszuschließen“

Überhaupt hat sich der IPCC erstmals intensiv mit der sogenannten regionalen Modellierung befasst. In den Alpen gehen danach die Gletscher noch schneller als ohnehin schon befürchtet zurück. Im Mittelmeerraum wird es mehr Brandkatastrophen geben, weil sich Erwärmung und Trockenheit potenzieren. Gerade wurde allein auf der griechischen Insel Euböa eine Fläche drei Mal so groß wie Baden-Baden ein Raub der Flammen. Die Fachleute vergessen in ihrem Bericht nicht darauf hinzuweisen, dass sich Katastrophen wie die gegenwärtigen selbst bei sofortigem Handeln über Jahre nicht verhindern lassen. Ein Klimakollaps sei „relativ unwahrscheinlich“, aber nicht auszuschließen.

Im November findet in Glasgow die coronabedingt um ein Jahr verschobene UN-Klimakonferenz statt, die 26. ihrer Art, die sich auch mit den insgesamt fünf jetzt vom IPCC vorgelegten Szenarien befassen. Die gute Nachricht: Bei konsequentem Umsteuern könnte es sein, dass die Welt bis 2050 klimaneutral wird und danach mehr CO2 speichert als ausgestoßen wird. Die schlechte: Wird der Ausstoß der Emissionen bis 2050 nicht signifikant reduziert, würde die Temperatur zum Ende des Jahrhunderts um bis zu 3,5 Grad über dem vorindustriellen Niveau liegen. Steigt er sogar noch, ist eine Zunahme von bis zu 5,7 Grad möglich.

Und die früher so gerne gerühmte „Wärmegunst“ der Rheinscheine mutiert zum Dauersommer mit Heißen Tagen und Extremereignissen vom frühen Frühling bis in den späten Herbst.


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