Klischees aus der Scheinwelt

Karlsruhe (nl) – Mit der musikalischen Komödie „Oh Alpenglühn!“ hat das Kammertheater Karlsruhe die neue Spielzeit eröffnet.

Das Zwei-Personen-Stück lebt von der Spielfreude der Schauspieler Charlotte Heinke und Benjamin Sommerfeld. Foto: Robert Jentzsch

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Das Zwei-Personen-Stück lebt von der Spielfreude der Schauspieler Charlotte Heinke und Benjamin Sommerfeld. Foto: Robert Jentzsch

Vor den verschneiten Gipfeln steht die Berghütte mit Esstisch und Sitzbank im Freien für die Brotzeit. Die perfekte Alpenidylle. Nur von dem Wellnesshotel, das Schlagerdiva Charlotte sucht, ist weit und breit nichts zu sehen. Zufall oder ein finsterer Plan? Das wird sich im Verlauf des Stückes „Oh Alpenglühn!“ noch zeigen.

Erst einmal lernt man hier den Poldi kennen. Benjamin Sommerfeld gibt ihn mit strahlendem Lächeln als unbekümmerten Naturburschen. Singen kann er auch noch – was will man mehr? Die Schlagerdiva, die auf Stilettoabsätzen, den Koffer hinter sich her ziehend, mit der Trittsicherheit einer Bergziege die Stufen des Karlsruher Kammertheaters herunter springt, will eindeutig mehr. Charlotte Heinke gibt mit Gusto herrlich überzogen den Star im pinkfarbenen Kostüm. Ständig hat sie das Handy am Ohr, um ihren Manager fertigzumachen, dessen Geliebter Fernando statt Wellnesshotel die Berghütte für sie gebucht hat. Charlotte und Poldi, Welten prallen aufeinander. Heinke und Sommerfeld schlagen als Vollblutschauspieler aus dieser Situation Funken, sehr zur Freude des Publikums.

Persiflage auf Volksmusik-Sendungen aus dem Fernsehen

„Glamour, Gaudi und Gesang“ verspricht das Stück, eine Kooperation des Karlsruher Kammertheaters mit der Komödie Dresden. Und tatsächlich erweist sich das fröhliche Spielen mit sämtlichen Klischees der Schlager- und Alpenwelt als sangesfreudige Gaudi, die mit jeder bissigen Pointe und jedem absichtlich überzogenen Gag die Scheinwelt der Volksmusik- und Schlagersendungen des Fernsehens vorführt.

Die Musikauswahl reicht von Oldies wie „Baden mit und ohne“ bis zu Lady Gagas „Bad Romance“. Heinke hat die Stimme dafür, und dank ihrer Tanzausbildung kann sie das in der Popkultur übliche Hinternwackeln so überzeichnen, dass der Saal tobt.

„Oh Alpenglühn!“ lebt als Zwei-Personen-Stück davon, dass Heinke und Sommerfeld voller Spiellaune dem Affen Zucker geben. Beide haben selbst so viel Spaß, dass sie munter improvisieren und das Publikum einbeziehen. Am Premierenabend wurde viel gelacht, mitgeklatscht und mitgesungen. Das Stück selbst und Nik Breidenbachs temporeiche Inszenierung jonglieren gekonnt nicht nur mit der Alpenromantik, sondern allem, was die Popkultur so hergibt.

Dank der punktgenau arbeitenden Technik ertönt bei jeder Nennung des Namens Fernando der gleichnamige Song von ABBA. Zum Besuch von Charlottes Noch-Ehemann auf der Alm wird das unverkennbare Motiv von „Spiel mir das Lied vom Tod“ eingespielt. Heinke soll in Hut und Trenchcoat ihren eigenen Mann darstellen, worüber sie selbst lachen muss. Trotzdem kann es im Showdown zwischen Poldi und Ehemann am Ende nur einen geben. Das ist natürlich Poldi, der schon lange Charlottes größter Fan ist und sie gezielt zu sich auf die einsame Berghütte gelockt hat.

Aber warum spricht Poldis Mutter aus dem Bildstock? Ist sie wirklich tot? Gibt es eine gemeinsame Zukunft für Poldi und Charlotte?

Bis zum 3. Oktober tobt der Wahnsinn der Gefühle (fühle fühle fühle) im Karlsruher Kammertheater.

Ihr Autor

Nike Luber

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Erstellt:
21. September 2021, 19:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 26sec

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