Kneipenlärm raubt Gaggenauerin den Schlaf

Gaggenau (BNN) – Marion Philipps wohnt im Zentrum Gaggenaus gegenüber einer Kneipe und kommt nicht zum Schlafen. Stadt und Polizei sehen kein besonderes Problem. Was sagt der Betreiber?

Will durchschlafen: Anwohnerin Marion Philipps klagt über Lärm, wenn Gäste die Bar nachts verlassen. Foto: Swantje Huse/BNN

Will durchschlafen: Anwohnerin Marion Philipps klagt über Lärm, wenn Gäste die Bar nachts verlassen. Foto: Swantje Huse/BNN

Marion Philipps ist müde. Nicht, weil sie zu spät ins Bett gegangen ist oder zu früh raus musste. Sondern weil sie nicht durchschlafen kann. Philipps wohnt im Herzen Gaggenaus, an der Kreuzung von Schul-, Konrad-Adenauer- und Amalienbergstraße. Doch es ist nicht der Autolärm, der sie wach hält. Sondern die „Easy Bar“ gegenüber. Die Cocktail-Lounge hat bis in die frühen Morgenstunden geöffnet. Das ist Marion Philipps ein Dorn im Auge.

Bis 23 Uhr sei es „relativ ruhig“, sagt die genervte Anwohnerin. Dann gehe es „so richtig los“: Die Barbesucher brüllten sich lauthals über die Straße Verabschiedungen zu, Türen würden geschlagen, Hupen zum Abschied gedrückt, die rollende Disco angeworfen. „Es ist ein Unding“, so Philipps. Bis nachts um 4 Uhr gehe das so.

Auch Stadtverwaltung und Polizei seien keine Hilfe, beklagt Philipps. Sie habe Unterschriften von betroffenen Anwohnern gesammelt und bei der Stadt eingereicht – aber nie eine Antwort erhalten. Und auch die Polizei komme erst gar nicht, wenn sie angerufen werde. Philipps Frust ist groß: „Die haben mehr Rechte als wir, die hier schlafen wollen.“

Will keinen Streit: Wirt Müslüm Özdemir von der Easy Bar liegt daran, gut mit der Nachbarschaft auszukommen und trotzdem seinen Job zu machen. Foto: Swantje Huse/BNN

Will keinen Streit: Wirt Müslüm Özdemir von der Easy Bar liegt daran, gut mit der Nachbarschaft auszukommen und trotzdem seinen Job zu machen. Foto: Swantje Huse/BNN

Bürgermeister Michael Pfeiffer (parteilos) zeigt Verständnis für Marion Philipps. Ihren Vorwürfen widerspricht er allerdings. „Wir haben auf Ihre Anfragen reagiert und es sind auch Antworten rausgegangen“, betont er. Ebenso sei mit dem Gastronom gesprochen worden. „Mehr können wir nicht machen“, so Pfeiffer, auch weil die Sperrzeitregelungen recht weit gefasst seien.

Auch Harald Dieterle vom Polizeirevier Gaggenau sagt: „Es ist für mich durchaus nachvollziehbar, dass das Wohnen neben einer Gaststätte oder Bar nicht unbedingt Vorzüge hat und dass eine ungestörte Nachtruhe ein hohes Gut ist.“ Deshalb sei es auch selbstverständlich, dass eine Streife vor Ort geschickt würde, wenn entsprechende Beschwerden eingehen.

Dies sei im Fall der „Easy Bar“ allerdings nur sehr selten der Fall gewesen, so Dieterle. Lediglich ein Mal sei eine Anwohnerbeschwerde wegen ruhestörenden Lärms in diesem Jahr bei der Polizei eingegangen – und problemlos im Gespräch mit dem Wirt gelöst worden.

Gastwirt kennt das Problem und will den Streit beenden

Der Betreiber der Cocktail-Lounge „Easy Bar“ ist Müslüm Özdemir. Und auch er ist müde – im übertragenden Sinn: „Wir kennen das Problem. Und wir geben unser Bestes, um es zu lösen.“

Wegen Corona war Özdemirs Bar monatelang geschlossen. Seit fast genau einem Jahr kann er wieder Gäste begrüßen und tut das auch: sonntags bis donnerstags bis Mitternacht, freitags und samstags sogar bis 5 Uhr in der Früh.

Die langen Öffnungszeiten sind wichtig, vor allem nach den Lockdowns, erklärt Özdemir. „Wir überleben dadurch, dass wir längere Öffnungszeiten haben. Wir müssen ja auch von etwas leben.“ Allerdings würden die Zeiten oft nicht ausgereizt, freitags und samstags sei durchaus auch schon mal früher Schluss.

Bruchsaler Wirte beklagen Konkurrenz vorm eigenen Biergarten

Um die Lärmbelastung der Anwohner so gering wie möglich zu halten, schließe er die Fenster, auch wenn noch Gäste da seien. „Ich laufe sogar um die Bar herum, falls Gäste draußen sind.“ Zusätzlich habe er mit allen Barbesuchern gesprochen und sie gebeten, sich nachts draußen leise zu verhalten. „Sie kennen das Problem“, sagt Wirt Özdemir. Und: „Aber die komplette Straße kontrollieren, das kann ich nicht.“

Auch ihm ist daran gelegen, den Streit endlich zu beenden. „Immer bin ich schuld“, beklagt Özdemir. Sein Eindruck ist allerdings, dass die meisten Anwohner gar keine Schwierigkeiten mit seiner Bar haben. „Direkt über uns wohnt eine Familie mit Kindern, die haben mir gesagt, dass sie noch nie Probleme gehabt hätten“, sagt Özdemir. Um sich ein umfassendes Bild zu machen, plant er nun, die Nachbarschaft einzuladen und nach Feedback zu fragen.

Ein Signal, das auch Marion Philipps freuen wird. Denn sie weiß natürlich: „Ich wohne in der Stadt, hier kann keine Grabesruhe sein.“ Schlafen wolle sie aber dennoch in der Nacht. Und im Zweifel würde sie dafür sogar wegziehen.

Zum Thema:

Sperrzeiten: Nach der Gaststättenverordnung der Landesregierung zur Ausübung des Gaststättengesetzes (GastVO) gelten in Baden-Württemberg seit dem 1. Januar 2010 folgende Sperrzeiten: Die Sperrzeit für Schank- und Speisewirtschaften sowie für öffentliche Vergnügungsstätten beginnt um 3 Uhr. In der Nacht zum Samstag und Sonntag beginnt die Sperrzeit um 5 Uhr, in Kur- und Erholungsorten um 3 Uhr.

Gaststättenlärm: Immer wieder sorgt Gaststättenlärm für Nachbarschaftsstreitigkeiten. Dies betonen zahlreiche Anwaltsportale. Ist das Lärmproblem nachweisbar, können die Behörden die Gaststättenkonzession mit Auflagen verbinden. Neben den Öffnungszeiten können diese auch die Begrenzung der Sitz- und Stehplätze betreffen.

Ihr Autor

BNN-Redakteurin Swantje Huse

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Erstellt:
19. Mai 2022, 14:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 18sec

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