Knipsen für mehr Selbstliebe

Karlsruhe (for) – Die Karlsruher Fotografin Sabrina Kugler will mit ihren Bildern den gängigen Schönheitsidealen den Kampf ansagen – und so Frauen dabei helfen, sich im eigenen Körper wohlzufühlen und sich selbst zu akzeptieren.

Mit ihrer Kamera will die Karlsruher Fotografin Sabrina Kugler Frauen dabei helfen, sich selbst wertzuschätzen und ihren Körper schön zu finden. Foto: MDD Pictures

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Mit ihrer Kamera will die Karlsruher Fotografin Sabrina Kugler Frauen dabei helfen, sich selbst wertzuschätzen und ihren Körper schön zu finden. Foto: MDD Pictures

„Wenn ich etwas zu sagen habe, dann mache ich das mit Edding, nicht mit Bleistift“, sagt Sabrina Kugler mit einem starren Blick geradeaus. Vor rund zwei Jahren hat die Karlsruherin ihr Talent im Fotografieren entdeckt. „Anfangs war das nur ein Hobby, aber ich habe schnell bemerkt, dass ich durch meine Fotos etwas bewirken kann“, sagt die 30-Jährige. Mittlerweile ist sie nebenberuflich als Fotografin tätig und hat die „Knipserei Karlsruhe“ ins Leben gerufen. Eine Botschaft ist ihr bei ihrer Arbeit besonders wichtig: Selbstakzeptanz. Mit ihrer Kamera will Kugler andere Frauen dazu bringen, sich selbst schön zu finden. „Ich hatte schon immer einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn“, blickt Kugler zurück. „Und je älter ich wurde, desto mehr wurde ich mir meiner Rolle als Frau bewusst.“ Eine Sache habe sie dabei immer mehr gestört: „Ich hatte es irgendwann satt, mir anhören zu müssen, wie eine Frau aussehen muss oder wie sie sich zu verhalten hat.“ Kugler wollte sich dagegen wehren, etwas an der Denkweise der Gesellschaft verändern, „aber ich hatte nie das richtige Werkzeug dazu“, erinnert sie sich. Bis sie schließlich die ersten Frauen abgelichtet habe. „Ich habe schnell bemerkt, dass während der Shootings etwas mit meinen Kundinnen passiert“, erzählt Kugler.

Viele der Mädels und Frauen hätten ihr Selbstbewusstsein durch äußere Einflüsse verloren. „Aber vor der Kamera entwickeln sich die schüchternen, unsicheren Mauerblümchen zu starken, strahlenden und wunderschönen Powerfrauen“, beschreibt Kugler den Prozess, den sie bei jedem einzelnen Shooting beobachten kann. Mit der Fotografie hatte Kugler plötzlich das perfekte Werkzeug gefunden, um den typischen Schönheitsidealen den Kampf anzusagen.

Viele haben Probleme mit dem Gewicht


Im Sommer 2019 hat sie deshalb ihr Herzensprojekt ins Leben gerufen: Unter dem Hashtag „#grlpwr2019“ – einer Abkürzung für das englische Wort „Girlpower“ – rief sie gezielt Frauen, die nicht dem gängigen Schönheitsideal entsprechen, dazu auf, vor die Kamera zu treten – unentgeltlich. Sie bekam viel Zustimmung. „Was ursprünglich nur als kurzzeitiges ,Mini-Projekt‘ angedacht war, entwickelte sich zu meinem Steckenpferd“, sagt Kugler und schmunzelt. „Die Girlpower-Geschichte ist der rote Faden meiner Knipserei“, fügt sie stolz hinzu.

Eine der 54 Frauen, die dem Aufruf bislang gefolgt sind, ist Eva Lindemann. „Ich habe davor noch nie an einem Shooting teilgenommen“, erzählt die 27-Jährige rückblickend. Dementsprechend sei sie zu Beginn ziemlich nervös gewesen. „Aber bei Sabrina habe ich mich sofort wohlgefühlt. Es war super entspannt, so, als ob mich eine Freundin fotografiert hätte.“ Einige Tage später präsentierte Kugler ihr das Ergebnis. Noch heute leuchten Lindemanns Augen auf, als sie sich daran erinnert: „Es tat meinem Herzen so gut. Ich war tatsächlich schön. Ich konnte gar nicht glauben, dass ich das auf den Bildern bin“, sagt sie.

So wie Lindemann gehe es den meisten Frauen, weiß Kugler aus Erfahrung: „Sie sind anfangs unfassbar aufgeregt, deshalb werden die ersten zehn Bilder eigentlich nie gut.“ Die meisten seien aufgrund ihres Gewichts verunsichert, bei vielen sei aber auch einfach die Selbstwahrnehmung gestört. „Ich gebe ihnen immer wieder Rückmeldung, indem ich ihnen die Fotos zeige.“ Irgendwann fielen dann Sätze wie „Oh mein Gott, das bin ja ich“ oder „So hässlich bin ich ja gar nicht“. Das sei der Moment, in dem der Knoten platze, sagt Kugler. Fast alle Kundinnen hätten neben dem Fotoshooting auch das Bedürfnis, sich ihr mitzuteilen. „Man kann schon sagen, dass die Knipserei auch eine Art Therapie ist – für beide Seiten“, merkt Kugler an. „Mir geht das Herz auf, wenn Frauen sich plötzlich gut fühlen und ich einen Teil dazu beitragen konnte. Das macht auch mir selbst Mut und gibt mir die Bestätigung für das, was ich tue.“

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„Es hat meinem Herzen so gut getan“, sagt Eva Lindemann nach dem Fotoshooting mit Sabrina Kugler. Foto: Knipserei Karlsruhe

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Sahra Gräßer wurde von einigen Fotografen mit den Worten „Du hast nicht die richtigen Maße“ abgewimmelt. Foto: Knipserei Karlsruhe

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Lange Zeit hat sich die Karlsruherin in kurzen Hosen unwohl gefühlt. Dank Kugler ist sie über ihren Schatten gesprungen. Foto: Knipserei Karlsruhe

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„Vielen Frauen haben ihr Selbstbewusstsein durch äußere Einflüsse verloren“, sagt Sabrina Kugler. Foto: Knipserei Karlsruhe

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Bestätigung, die Kugler an gewissen Tagen brauche, denn auch sie sei nicht immer frei von Selbstzweifeln. „Auch für mich gibt es manchmal Momente, in denen ich mich zu dick, zu klein, zu unsportlich fühle. Ich glaube, das kennt jede Frau.“ Mittlerweile habe sie gelernt, die Komplexe weitgehend abzulegen. „Aber es gab Zeiten in meiner Jugend, da habe ich mich gehasst“, sagt Kugler mit ernster Stimme, während ihr Blick auf das Tattoo an ihrer linken Hand fällt. „Love yourself“ („Liebe dich selbst“) steht dort in geschwungener Schrift auf ihrem kleinen Finger. Ein „simples Zitat mit viel Bedeutung“, wie Kugler meint. Es erinnere sie an ihre Oma, die ihr damals einen Ring an den Finger gesteckt und zu ihr gesagt habe: „Solange du dich nicht selbst lieben kannst, tue ich es für zwei.“

Kugler kann sich in alle Frauen, die Krieg mit sich selbst führen, hineinversetzen. Und das sei ein großer Vorteil, meint Sahra Gräßer. Auch sie hat sich von Kugler ablichten lassen. Gräßer hatte bereits Erfahrung mit Shootings. „Leider gab es auch Fotografen, die mich mit de Worten ,du hast nicht die richtigen Maße dazu‘ abgewimmelt haben“, erzählt sie. Bei Sabrina sei das anders: „Wenn man mit ihr shootet, ist das wie in einer Blase. Du fühlst dich gut, gehst mit einem unglaublichen Selbstvertrauen nach Hause“, fügt sie an.

Kalenderprojekt läuft

Auf ihrer Instagram-Seite zeigt Kugler auch Bilder von sich selbst, präsentiert offen ihre Kurven und auch ihre Dellen: „Ich kann andere Frauen nicht dazu auffordern, ihren Körper so zu lieben, wie er ist, wenn ich mich selbst verstecke“, sagt sie.

Auch in diesem Jahr arbeitet Kugler an einem großen Projekt zum Thema „Body Positivity“. Sie möchte einen Kalender herausbringen – mit ganz alltäglichen Frauen, die sich etwas freizügiger zeigen – „nicht pornografisch, sondern ästethisch“, betont Kugler. Die Kalender möchte sie dann verkaufen. Der Erlös soll wohltätigen Zwecken gespendet werden, beispielsweise einem Frauenhaus in der Region oder einer Organisation, die sich für Mädchen einsetzt. Für Kugler ist es längst an der Zeit, dass „der Kampf zwischen Frauen untereinander aufhört und wir uns stattdessen gegenseitig aufbauen.“

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Erstellt:
2. April 2020, 06:00 Uhr
Lesedauer:
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„Es hat meinem Herzen so gut getan“, sagt Eva Lindemann nach dem Fotoshooting mit Sabrina Kugler. Foto: Knipserei Karlsruhe

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Sahra Gräßer wurde von einigen Fotografen mit den Worten „Du hast nicht die richtigen Maße“ abgewimmelt. Foto: Knipserei Karlsruhe

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