Körpersprache erkennen: Interview mit Mentalkünstler Thorsten Havener

Baden-Baden (ela) – Der Mentalkünstler Thorsten Havener hat ein neues Buch geschrieben. Darin erklärt er die Elemente der Körpersprache und gibt Tipps, wie man diese lernen kann.

Thorsten Havener. Foto: Katharina Schwarz

© Katharina Schwarz

Thorsten Havener. Foto: Katharina Schwarz

Um andere zu verstehen, müssen wir zunächst begreifen, wie wir selbst denken. Erst dann, im zweiten Schritt, können wir den Blick auf unsere Mitmenschen richten, heißt es in dem Klappentext zu Thorsten Haveners neuestem Buch. In „Ich sehe das, was du nicht sagst“ stellt der bekannte Autor und Mentalkünstler ein „psychologisches System“ vor, durch das andere Menschen „lesbar“ werden. Über die Bedeutung, die Umsetzung in die Praxis, die Gefahren durch die Corona-Pandemie für ein gutes Miteinander und mehr unterhielt sich BT-Redakteurin Daniela Jörger mit Thorsten Havener.

BT: Herr Havener, Sie arbeiten als Mentalkünstler, das heißt, Sie können die Gedanken anderer Menschen erkennen. Wie lange haben Sie gebraucht, um Ihre Mitmenschen „lesen“ zu können?
Thorsten Havener: Das hat eine sehr lange Geschichte. Im Dezember 1986 hatte ich meinen ersten Auftritt als Zauberkünstler. Schon damals hatte ich eine Nummer im Programm, bei der ich einen Ball finden musste, den zuvor jemand aus dem Publikum versteckt hatte. Ich wollte unbedingt ein guter Zauberer werden und habe früh gemerkt, dass die Tricks alleine nicht reichen, sondern auch die Einschätzung und Reaktion des Publikums wichtig sind. Um diese richtig zu erkennen, habe ich mich intensiv mit den Randgebieten der Zauberei – Suggestion, Gedächtniskunde und Körpersprache – befasst. Es ist ein langer Weg, bis man das kann und viel weiß über Kommunikation jeglicher Art. Das hat mich schon immer fasziniert. Vor allem ist mir das Grundthema, wie wir uns miteinander verbinden, wichtig.

BT: Lernen Sie noch dazu?

Havener: Immer. Das ist ja das Tolle an dem Thema. Je mehr ich lerne, desto mehr sehe ich, was man noch machen kann.

BT: Kann Körpersprache jeder verstehen lernen?
Havener: Das hat jeder von Geburt an schon drauf. Ein Baby erkennt zum Beispiel, ob die Mutter lacht oder böse schaut. Das meiste haben wir intus, es geht darum, es uns bewusst zu machen.

BT: Wenn sich jeder selbst und andere besser versteht, trägt das automatisch zu einem besseren Miteinander bei?

Havener: Ja, das ist das Ziel – mit uns selbst, mit anderen Menschen und mit der Umwelt Harmonie herzustellen. Aber Achtung: Harmonie heißt nicht, dass immer Friede, Freude, Eierkuchen herrscht. Das ist ein großes Missverständnis. Ein Leben ohne Dispute wäre Stillstand und Langweile. Es geht vielmehr um eine „dynamische Harmonie“: In hektische und angespannte Situationen Ruhe und Entspannung reinzubringen, aber auch in zu ruhige wieder Schwung und damit Spannung. Das klappt nie mit Sätzen wie „Beruhige dich“ oder „Ist doch nicht so schlimm“. Es kommt auf meine Haltung an, wie ich in die jeweilige Situation gehe. Die innere Haltung ist auch die äußere. Die vermittle ich über drei Wege: verbal, paraverbal (Betonung) und non-verbal (Körpersprache).

BT: Wird es nicht sehr verkrampft, wenn sich jeder selbst ständig beobachtet und kontrolliert?
Havener: Nein, nonverbale Signale soll man ja nicht bewusst steuern. Deshalb schreibe ich in meinem neuen Buch auch so viel über das Unterbewusstsein. Und deshalb ist es wichtig, an der eigenen Einstellung zu arbeiten – die wirkt dann auf andere. Ich kann immer nur mich selbst beeinflussen – so beeinflusse ich dann auch andere. Für diese Selbstbeeinflussung gibt es viele Hilfsmechanismen, die man lernen kann.

BT: Die Verbundenheit mit anderen Menschen ist Ihr zentrales Anliegen. Gelingt Ihnen das immer?

Havener: Nein, das wäre ja übernatürlich. Aber ich will mich immer dem Ideal annähern und kann manches steuern. Lernen wir einen Menschen kennen, entscheiden wir oft spontan: sympathisch oder unsympathisch. Doch diese Kategorisierung spielt eigentlich keine Rolle, ich kann sie hinten anstellen. Wirkt jemand auf uns unsympathisch, liegt das oft daran, dass wir selbst gestresst sind. Ich versuche, alles in mir zu harmonisieren – und damit auch um mich herum.

Bei Hausaufgaben gelernt

BT: War und ist Ihre Familie eine Art Testzentrum?
Havener (lacht): Ich habe viel gelernt, als ich mit meinen Kindern Hausaufgaben gemacht habe. Wenn sie sich zum Beispiel über die Menge an Aufgaben beschwert haben, habe ich mir zunächst angeschaut, ob es wirklich zu viel ist. Sie könnten ja auch recht haben. Wenn nicht, habe ich gefragt, ob sie es denn wirklich so viel finden. Wenn nichts geholfen hat, habe ich gebeten, sich einen Gegenstand im Raum genau anzuschauen – und habe sie damit aus ihren Tagträumen geholt. Denn nur im Hier und Jetzt ist Handeln möglich. Ein Ortswechsel kann ebenfalls helfen, auch im Disput zum Beispiel mit dem Partner. Wenn ich mich äußerlich verändere, hat das auch einen Einfluss auf mein Inneres.

BT: Nicht jeder will gerne durchschaut werden. Dürfen die Menschen nicht ihre kleinen und großen Geheimnisse behalten?
Havener: Aber natürlich. Ich entschlüssele nicht die Geheimnisse anderer. Die zwei Elemente der Körpersprache sind Spannung und Entspannung. So ist es zum Beispiel ein großer Vorteil zu erkennen, wenn jemand zumacht (anspannt) und nicht weiter über ein Thema reden möchte.

BT: Augen, Mimik, Gestik, Atmung, Fußhaltung und mehr – es gibt viele Faktoren der Körpersprache. Sind alle gleich wichtig?
Havener: Das kommt immer auf die Situation an. Derzeit halte ich gerade viele Online-Seminare ab. Da spielen Schultern, Augen, Mund und Nase natürlich die entscheidende Rolle.

BT: Wie sehr behindert das Tragen von Mund-Nase-Masken die Wahrnehmung?
Havener: Sehr. Für unsere Kommunikation brauchen wir das ganze Gesicht, Mund und Nase spielen eine sehr große Rolle. Dass das derzeit oft verborgen ist, trägt nicht zum seelischen Wohlbefinden bei, wir können uns schlecht mit dem jeweils anderen harmonisch verbinden.

BT: Wie erleben Sie die Gesellschaft derzeit?
Havener: Angespannt und aggressiver als sonst. Zu Spannung tragen stets vier Elemente bei: Angst, Zweifel, Unsicherheit und Stress. Davon haben wir ja derzeit jede Menge. Und wer angespannt ist, geht auf Distanz. Die ist ja im Moment sowieso angesagt. Das heißt, die Menschen können nicht oder nur schlecht in Verbindung miteinander treten. Das sorgt für große Probleme abseits der medizinischen Aspekte.

Und wir haben derzeit sogar Angst vor dem jeweils anderen, er könnte ja eine Virenquelle sein. Und Angst erzeugt Verschlossenheit, das Ganze potenziert sich. Es ist zu befürchten, dass als Folge der Corona-Krise viele Traumata zutage treten.

BT: Verändert sich unsere Gesellschaft gerade?
Havener: Sie hat sich schon erstaunlich schnell verändert. Das ist keine Kritik, sondern nur meine Beobachtung. Die langfristigen Veränderungen werden eventuell mehr technischer Natur sein – es wird mehr über Soziale Netzwerke etc. passieren. Das kann gefährlich werden, weil wir uns weniger begegnen – und austauschen.

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Erstellt:
28. November 2020, 09:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 21sec

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