Kolumne: Blaues Auge für den Veilchen-Kicker

Baden-Baden (moe) – Clemens Fandrich von Erzgebirge Aue ist jüngst einer sehr langen Sperre entgangen – andere Fußballer hatten weniger Glück, wie die BT-Sportkolumne verdeutlicht.

Ungläubiges Staunen: Schiedsrichter Nicolas Winter zeigt Aues Clemens Fandrich die Rote Karte. Foto: Hendrik Schmidt/dpa

© dpa

Ungläubiges Staunen: Schiedsrichter Nicolas Winter zeigt Aues Clemens Fandrich die Rote Karte. Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Clemens Fandrich hätte Geschichte schreiben können. Zugegeben, besonders rühmlich wäre sein Eintrag in die fußballdeutschen Annalen nicht gewesen. Insofern wird der Kicker von Erzgebirge Aue ganz froh gewesen sein, dass im Almanach der Zweitligasaison 2021/22 neben seinem Lausbubengesicht nur eine Sperre von sieben Spielen vermerkt werden wird. Allerdings mit dem expliziten Zusatz, dass er als Teilzeit-Lama ganz schön Schwein gehabt hat.

„Alter! Der spuckt mich an!“ Mit diesen Worten, so berichtet es das Boulevard-Portal „Tag24“ und beruft sich dabei auch „Prozessteilnehmer“, hat Roman Potemkin seiner Empörung Ausdruck verliehen, im Funkverkehr mit Nicolas Winter, dem Schiedsrichter der Zweitligapartie zwischen Erzgebirge Aue und dem FC Ingolstadt. Kurz vor Ende der Begegnung – Aue feierte an jenem Freitagabend Ende Oktober am elften Spieltag den lange ersehnten ersten Saisonsieg – baute sich der Mittelfeldspieler der „Veilchen“ echauffierend vor dem Linienrichter auf. Es flogen Worte. Und offenbar nicht nur das. Zumindest wischte sich Potemkin nach der Fandrich-Fehde durchs Auge. Referee Winter glaubte seinem Assistenten und zückte Rot. Der berühmteste Keller der Nation konnte wenig zur Wahrheitsfindung beitragen, auch die TV-Bilder gaben keinen Aufschluss.

Also Spuckattacke, ja oder nein? Ja! Das sagte zumindest das zuständige Sportgericht nach Beurteilung der vorliegenden Indizien und sperrte den 30-Jährigen für rekordverdächtige sieben Monate. Nach vehementen Dementis des vermeintlichen Übeltäters und ziemlich energischer Intervention seines Clubs, zuvorderst Kay Werner, Rechtsanwalt und FCE-Vorstandsmitglied in Personalunion, wurde das Urteil vor genau einer Woche bei der Berufungsverhandlung vor dem DFB-Bundesgericht höchstinstanzlich kassiert. „Keine geschlossene Indizienkette“, hieß es in bestem Juristendeutsch.

Kaum Punkte auf der offenen Rijkaard-Skala

Aue-Justiziar hatte schon im Vorfeld betont: „Der Zeuge Roman Potemkin hat vor dem Sportgericht nicht ausschließen können, dass der ‚Speicheleintrag‘ im Zusammenhang mit der Ansprache von Clemens Fandrich stand.“ Quasi feuchte Aussprache statt mutwilliger Rotzerei als erfolgreiche Verteidigungsstrategie. Strafmildernd hat sich obendrein ausgewirkt, dass Fandrich durchaus gut beleumundet ist: In bis dato zwölf Profijahren hatte der Defensivstratege bisher nur eine Ampelkarte auf dem Kerbholz.

Auch wenn einige Restzweifel bleiben: Auf der nach oben offenen Rijkaard-Skala hätte Fandrich mit seiner dahingesabberten Schirikritik kaum Punkte gesammelt. Was freilich auch daran liegt, dass das Opfer, also Linienrichter Potemkin, mit seinem akkurat frisierten Seitenscheitel deutlich weniger Angriffsfläche bot, als weiland Rudi Völler mit seinem für damalige Verhältnisse stilbildenden Minipli.

Oh Herr, lass’ Haar regnen: Nemanja Vucicevic. Mittlerweile hat sich der Fußballer in sein haarloses Schicksal gefügt. Foto: Matthias Schrader/dpa

© picture-alliance/ dpa/dpaweb

Oh Herr, lass’ Haar regnen: Nemanja Vucicevic. Mittlerweile hat sich der Fußballer in sein haarloses Schicksal gefügt. Foto: Matthias Schrader/dpa

Apropos Haarpracht – oder genauer gesagt: das Fehlen selbiger. Szenekenner werden sich vielleicht noch an Nemanja Vucicevic erinnern. Der Serbe dribbelte in der Saison 2005/06 durch das Mittelfeld von 1860 München, zu einer Zeit also, in der die Löwen zwar schon mittelschwer skandalträchtig, vor allem aber noch erstligatauglich waren. Weil Vucicevic wie viele junge Männer in ihren Zwanzigern einigermaßen eitel, aber nicht mehr mit dichtem Haupthaar gesegnet war, griff der kahle Kicker zu wachstumssteigernden Mitteln. Vielleicht hatte er den Slogan eines bekannten Herstellers in den freiliegenden Ohren, der bekanntlich folgendermaßen wirbt: „Doping für die Haare. Nur für die Haare.“

Das Problem: In Vucicevics Präparat war der Wirkstoff Finsterid enthalten. Haare hin, Glatze her – das Mittel steht ganz real auf der Dopingliste, weshalb der mittlerweile 42-Jährige, der seinen zugegeben ziemlich wohlgeformten Schädel seit geraumer Zeit kahl zur Schau stellt, für sage und schreibe sechs Monate gesperrt wurde. Insgesamt hatte Vucicevic sogar noch Glück, denn Dopingvergehen sind – quer durch alle Sportarten – für die längsten Sperren verantwortlich. Sp(r)itzenreiter im kickenden Gewerbe: Arijan Ademi. Der Makedone wurde von der UEFA im November 2015 für vier Jahre aus dem Ballverkehr gezogen. Im Nachhinein konnte Ademi aber aufatmen, weil seine Sperre nachträglich mehr als halbiert wurde. Seit Oktober 2017 ist er wieder spielberechtigt – und heute sogar Kapitän von Dinamo Zagreb. Was ein Vorbild ...

Nur myofunktionelle Störung, keine Attacke

Gar nicht nett war der Grund für die ebenso lange Sperre von Friedhelm Konietzka, wie Vucicevic ein Altvorderer der Münchner Löwen. Am 24. August 1963 war er der erste Torschütze der neugegründeten Bundesliga, drei Jahre später – am 8. Oktober 1966 – sorgte er allerdings für negative Schlagzeilen: Nach einem der zwei Gegentore bei der 1:2-Niederlage gegen Borussia Dortmund wurde Konietzka, der sich später wegen seiner Ähnlichkeit mit dem Russen-General Timoschenko offiziell in Timo umbenennen ließ, gegenüber Schiedsrichter Max Spindler handgreiflich: „Stoß vor die Brust, Tritt gegen das Schienbein, Wegschlagen der Trillerpfeife“, lautete damals der Tatvorwurf. Konietzka dementierte beharrlich, was ihn freilich nicht vor einer satten Strafe bewahrte: sechs Monate Sperre.

Derart abstoßende Übergriffe gegen Unparteiische – wahlweise auch Gegenspieler – gibt es unschönerweise einige in der deutschen Sperrenstatistik. Levan Kobiashivili etwa musste nach seinem Faustschlag gegen Schiedsrichter Wolfgang Stark in den Wirrungen des skandalösen Relegations-Rückspiels zwischen seiner Hertha und Fortuna Düsseldorf rekordverdächtige siebeneinhalb Monate zuschauen.

Maier und Streit als Laiendarsteller

Ein seltenes – besser gesagt selten dämliches Schauspiel – gaben im Dezember 2005 Norbert Meier und Albert Streit – in diesem Fall war der Name Programm – zum Besten. Die Protagonisten – Meier war Trainer beim MSV Duisburg, Streit Spieler beim 1. FC Köln – gerieten an der Außenlinie aneinander, ziemlich dicht, um nicht zu sagen Kopf an Kopf. Meier sackte plötzlich zusammen, alles deutete zunächst auf eine klare Tätlichkeit des FC-Profis hin. Die Krux: Im Gegensatz zur Causa Fandrich war auf den TV-Bildern eindeutig zu erkennen – der entlarvenden Zeitlupe sei Dank –, dass der Laiendarsteller in Diensten der Zebras eine Schwalbe imitierte. Folgender Dreiklang war die logische Konsequenz: Suspendierung, 12.500 Euro Strafe, drei Monate Sperre.

Clemens Fandrich darf übrigens Mitte Januar, also auswärts beim FC. St. Pauli, wieder gegen den Ball treten. Die Sperre wurde von sieben Monaten auf lediglich sieben Spiele reduziert. Sportjuristisch lag keine Tätlich-, sondern nur eine Unsportlichkeit vor. Man könnte also sagen, der Veilchen-Profi ist mit einem blauen Auge davongekommen. Für die Zukunft an dieser Stelle noch ein Tipp aus der BT-Sportredaktion: Mit Logopädie kann man die feuchte Aussprache – meist Symptom einer myofunktionellen Störung – ganz gut therapieren.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.