Kolumne: Das stille Ende der Magier?

Baden-Baden (rap) – Die Rückennummer 10 umweht einen ganz eigenen Mythos, von Zauberer Pelé bis Feldherr Zidane. Im modernen Tempo-Fußball gehen die Freigeister aber immer häufiger unter.

Auf dem Abstellgleis: Mesut Özil pendelte zuletzt bei Arsenal zwischen Ersatzbank und Tribüne. Foto: Joe Giddens/PA Wire/dpa

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Auf dem Abstellgleis: Mesut Özil pendelte zuletzt bei Arsenal zwischen Ersatzbank und Tribüne. Foto: Joe Giddens/PA Wire/dpa

Mario Götze – ein WM-Held auf der Suche nach einem neuen Arbeitgeber. Mesut Özil – Bankdrücker mit Sonnenschirm in der Hand, statt genialer Dirigent im Arsenal-Orchester. Philippe Coutinho – in Liverpool noch gefeierter Zauberer, nun nicht mal mehr Mitläufer im Münchner Starensemble. Drei Fußballer mit der Rückennummer zehn, drei Schicksale, die zeigen: Die Freigeister, die den Ball streicheln wie andere ihre Frau und die den eingebauten Blick für den tödlichen Pass haben, sterben aus. Gerade in der heutigen Zeit, in der Mentalität Magie schlägt und Athletik, Pressing und Umschaltspiel zu den Lieblingsvokabeln der neuen Trainergeneration gehören.

Es ist der 29. Juni 1958, ein verregneter Tag in Stockholm – und obendrein Ort des WM-Finales. Ein 17-jähriger Brasilianer namens Edson Arantes do Nascimento, später der Fußballgemeinde von Island bis Australien bestens bekannt als Pelé, zele-

briert im Endspiel gegen Schweden Fußball vom Feinsten, verzückt die Zuschauer im Stadion und vor den Schwarz-weiß-Fernsehgeräten in den Wohnzimmern mit zwei Toren und einer bis dato kaum gesehenen Leichtigkeit. Fast im Alleingang sorgt Pelé für den 5:2-Erfolg der Südamerikaner. Es ist der (endgültige) Startschuss für seine Weltkarriere – und ab diesem Tag auch ungeschriebenes Gesetz: Das Trikot mit der Nummer zehn gehört in jeder Mannschaft, ob bei einer Fußball-WM oder in den Niederungen der Kreisliga auf dem Tennenplatz, dem besten Fußballer – meist gleichbedeutend mit dem Spielmacher. Also derjenige, der auf dem Feld die Fäden zieht, der mit einer Aktion, ja oft nur mit einer Ballberührung seine Mitspieler in einem besseren Licht erscheinen lässt. Der mit millimetergenauen Zuspielen über 50 Meter die gegnerischen Abwehrketten seziert – der tödliche Pass als ein Symbol der Freiheit, als ein Kunstwerk für sich.

Die Geburtsstunde der Falschen Neun

Doch wo sind die Magier und Philosophen geblieben? In einer Zeit, in der der Fußball immer schneller, immer dynamischer wird, in der Zweikampf auf Zweikampf, Gegenpressing auf Pressing folgt, ist es kaum mehr möglich, „aus der Tiefe des Raumes“ – Gruß an Günter Netzer – zu kommen. Also lautet doch die Frage: Gibt es die Nummer zehn im modernen Fußball überhaupt noch? Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ kam bereits 1998 nach der WM in Frankreich zu folgendem Schluss: „Die glorreiche Zehn verblasst im Nummernsalat des modernen Fußballs, die Zeit der Strategen ist vorbei.“ Und das, obwohl wenige Wochen zuvor ein gewisser Zinedine Zidane die Grande Nation im Stile eines Feldherrn zum WM-Titel führte: Als Taktgeber, mit dem Überblick über das Geschehen auf dem Rasen. „Zizou“ vereinte den Freiheitsdrang der Nummer fünf und die Torgefahr der Neun. Während Ronaldo, der Brasilianer wohlgemerkt, nicht der muskelbepackte Portugiese, im Finale ein Schatten seiner Selbst war, köpfte Zidane mit einem Doppelpack Frankreich in den Fußball-Olymp. Vier Jahre später dirigierte der Franzose – mittlerweile mit der Nummer fünf auf dem Rücken – die Galaktischen von Real Madrid ins Champions-League-Finale gegen Leverkusen (was für verrückte Zeiten) und traf die Pillenkicker mit seinem Geniestreich (Direktabnahme aus 16 Metern nach hoher Flanke von Roberto Carlos) mitten ins Herz.

Feldherr auf dem Platz: Frankreichs Zinedine Zidane (rechts). Foto: Oliver Berg/dpa

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Feldherr auf dem Platz: Frankreichs Zinedine Zidane (rechts). Foto: Oliver Berg/dpa

Doch schon damals gehörte „Zizou“ zu einer aussterbenden Spezies. Die Overaths, Netzers, Cruyffs (wenn auch mit der Nummer 14), Maradonas und Ronaldinhos wurden allmählich von der fußballerischen Evolution geschluckt, an ihre Stelle traten im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends die athletischeren Ballacks, Gerrards, Lampards. Die vergangene Dekade gehörte dann Lionel Messi und Ronaldo (ja der Portugiese!). Während Messi unter Trainer Pep Guardiola zum Inbegriff der Falschen Neun, also zu einem Hybrid aus Spielmacher und Torjäger wurde, besticht der Portugiese auch noch im hohen Fußballeralter mit einer schier unmenschlichen Athletik und Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor. Lediglich Spanien in seiner Blütezeit (2008-2012) mit den Spielgestaltern Andres Iniesta und Xavi stemmte sich erfolgreich gegen den Trend. Die Dirigenten früherer Zeiten verschwinden aber zunehmend in den „Tiefen des Raumes“ – geschluckt von Tempo, Taktik, Trainervorgaben.

Jeder Magier hat seinen persönlichen Wasserträger

Ein Grund dafür könnte in der fußballerischen DNA der Zehner liegen. Ihnen haftet schließlich gerne das Stigma an, nicht gerade Laufwunder zu sein, außerdem sollen sie der Sage nach Zweikämpfe scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Rückwärtsbewegung und Defensivverhalten kommen in ihrem Wörterbuch ohnehin nicht vor.

Warum auch? Schließlich „besaß“ früher jeder Magier seinen ganz persönlichen Wasserträger: Netzer hatte in Gladbach Herbert Wimmer für die Drecksarbeit, Franz Beckenbauer wurde in München von Georg „Katsche“ Schwarzenbeck protegiert und Didier Deschamps hielt „Zizou“ im französischen Starensemble stets den Rücken frei. Im modernen, laufintensiven Fußball sind solche Auszeiten nicht mehr denkbar. Es wird zusammen verteidigt, zusammen die Räume zugestellt, jeder muss sich an die taktischen Vorgaben des Trainers halten. Das schöne Spiel fällt immer mehr der Effizienz zum Opfer.

Manche Spielertypen sind schlicht nicht mehr gefragt, sie wirken wie ein Relikt vergangener Tage. Prominentestes Beispiel derzeit: Mesut Özil. Aus der Schalker Knappenschmiede kommend, reifte der Deutsch-Türke in Bremen, was jeher eine Oase für Fußball-Zauberer war, erinnert sei an Johan Micoud und Diego, zu einem Regisseur auf dem Feld. Es folgten erfolgreiche Jahre in Madrid, und auch bei Arsenal London legte Özil die Abwehrreihen mit tödlichen Pässen reihenweise lahm. Doch mit der Grusel-WM 2018 und dem Ende des Ballbesitz-Fußballs ist auch die Schaffenskraft des gebürtigen Gelsenkircheners nahezu zum Erliegen gekommen. Aus dem einstmals gefeierten Arsenal-Dirigenten ist ein Bankdrücker mit Sonnenschirm geworden, der mit Häme übergossen wird. „Wenn er nicht den Ball hat, ist er einer der schlechtesten Spieler der Welt. Nennt mir einen schlechteren“, urteilte jüngst „Gunners“-Legende Paul Merson. „Wenn du den Ball nicht hast, wird er ihn dir nicht zurückgewinnen. Weder für Liebe noch für Geld.“

Der deutsche Messi scheitert grandios

Ein ähnliches Schicksal droht auch Mario Götze. Unter Jürgen Klopp ging der Stern des späteren WM-Helden bei Borussia Dortmund 2010 auf. Mit Finten, Tempodribblings und genialen Pässen verzückte der junge Götze Mitspieler und Fans. Nach verkorksten drei Jahren an der Münchener Säbener kehrte er an die alte Wohlfühloase im Ruhrpott zurück. Dort sollte er als deutscher Messi, also als Falsche Neun, endlich wieder seiner Kreativität freien Lauf lassen. Das Experiment scheiterte grandios, Götze ist nun auf der Suche nach einem neuen Arbeitgeber. Ein Spielmacher a.D. also.

Dass die Zehn Gefahr läuft, im Nummernsalat, wo Spieler gerne mal mit der 31, 47 oder 69 auflaufen, zu verschwinden und an Bedeutung zu verlieren, zeigt etwa ein Blick in die DFB-Historie. 2002 trug Lars Ricken bei der WM in Asien die Zehn auf der Auswechselbank spazieren, vier Jahre später beim Sommermärchen hatte Nachrücker Oliver Neuville die prestigeträchtige Nummer inne – weil diese sonst niemand haben wollte. 2010 und 2014 ging Stürmer Lukas Podolski damit auf Torejagd. Erst 2018 trug mit Özil wieder ein Spielgestalter das Trikot mit der Zehn.

Auf die Frage, was so faszinierend an der Nummer sei, erklärte Özil einst: „Sie steckt voller Mythen. Und wenn man in die Kabine geht, und dann hängt da dein Trikot mit der Zehn, dann sagst du dir: ,Okay. Läuft bei dir.‘“ Derzeit stockt Özils Karriere aber gewaltig – ein Beispiel für das stille Ende der Magier?


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