Kolumne: Rapinoe - Vorzeigekämpferin an allen Fronten

Washington (mi) – Der Einfluss von US-Fußball-Ikone Megan Rapinoe reicht weit über den Rasen hinaus, legt sich die Weltmeisterin doch auch gerne mal mit dem Präsidenten Donald Trump an.

Weltmeisterin, Olympiasiegerin, Frauenrechtlerin, Präsidentenkritikerin und bunter Vogel: Megan Rapinoe. Foto: Fife/AFP

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Weltmeisterin, Olympiasiegerin, Frauenrechtlerin, Präsidentenkritikerin und bunter Vogel: Megan Rapinoe. Foto: Fife/AFP

Möglicherweise wollte Carlos Cordeiro nicht wie Harvey Weinstein enden. Also nicht als gebrochener Mann mit einem Rollator als einzig verbliebener Hilfe sich in den Gerichtssaal mühen und als Verurteilter Selbigen wieder verlassen. Wobei man Cordeiro Unrecht tut, ihn mit dem gefallenen früheren Hollywood-Produzentenmogul direkt in Verbindung zu bringen.

Der 64-jährige Ex-Chef des amerikanischen Fußball-Verbandes hat nicht gegrapscht und schon gar nicht vergewaltigt, er hat aber doch zumindest sexistische Anspielungen gemacht und die mächtigste US-Frauen-Lobby neben der „MeToo-Bewegung“ gegen sich aufgebracht: Die Fußballerinnen, vierfache Weltmeisterinnen, die erst im Sommer 2019 mit dem Pott aus Frankreich in die Heimat zurückkehrten und von Zehntausenden nicht nur weiblichen Fans gefeiert wurden.

Cordeiro vertrat von Verbandsseite beharrlich die Auffassung, dass Frauen körperlich schlicht weniger leisteten und auch weniger Verantwortung trügen als ihre männlichen Kollegen – und somit auch keinen Anspruch auf gleiche Bezahlung hätten. Nur: Im Fußball, in den Vereinigten Staaten Soccer genannt, gibt es normalerweise nichts zu feiern. Zumindest nicht, was die Männer-Nationalmannschaft betrifft. Die Girls Weltmeister, die Boys Kreismeister, so lässt sich das sportliche Missverhältnis bisher prägnant auf den Punkt bringen.

Und so sehen die US-Frauen beim Blick auf ihre erfolglosen Kollegen schon seit geraumer Zeit rot. Die Ehre, die Würde ist verletzt, wenn sie sich die gehaltsmäßigen Diskrepanzen betrachten, die sie vom starken Geschlecht unterscheiden. Die Erfolgsfrauen wollen schlicht mehr Kohle, sprich Dollars.

Cordeiro behauptete indes standhaft, dass die Frauen zwischen 2009 und 2019 mehr verdient hätten, die Männer aber höheren Umsatz generierten. Konkret 185,7 Millionen gegenüber 101,3 Millionen Dollar. Laut Verband also 1:0 für die Herren der Schöpfung.

Blutgrätsche auch gegen Donald Trump

Begonnen hatte der stetig eskalierende Streit nach vergeblichen Schlichtungsversuchen im März 2019, als 28 Nationalspielerinnen eine Bundesklage auf „institutionalisierte geschlechtsspezifische Diskriminierung“ bei einem Gericht in Los Angeles einreichten. Zu den Unterzeichnerinnen gehörten die Führungskräfte Carli Lloyd, Alex Morgan und Kapitänin Megan Rapinoe. Morgan bezeichnete Rapinoe als das „Herz des Teams“.

Die bekennende Lesbe ist eine Vorzeige-Frauenrechtlerin, die moderne Jeanne d’Arc des Sports im erbitterten Kampf gegen den Protagonisten der höchsten US-Fußballinstanz. Sie hebt sich nicht nur fußball-, sondern auch frisurtechnisch vom Rest des Teams ab. Wie sie als Leader of the pack die anderen mit vehementem Einsatz zum WM-Titel mitriss, fährt sie auch abseits des Rasens schweres Geschütz auf und freut sich gar diebisch, wenn sie beim US-Präsidenten zur Blutgrätsche ansetzen kann.

Die von Donald Trump gewöhnlich mit viel Pomp zelebrierte Einladung ins Weiße Haus für alle Champions wies sie entrüstet zurück. „Ich werde nicht in das ‚fucking White House‘ gehen, und jede Mitspielerin, mit der ich darüber gesprochen habe, wird es auch nicht tun“, sagte die 34-Jährige, die vor Länderspielen aus Ablehnung die Nationalhymne nicht mitsingt, bei CNN.

„Ihr schließt mich und farbige Leute aus“

Amerikas Greatest im Fußball kritisierte in TV-Talkshows wiederholt Trumps Standardslogan „Make America great again“. „Ich würde sagen, dass eure Botschaft mich ausschließt. Ihr schließt mich aus, ihr schließt Menschen aus, die wie ich aussehen. Ihr schließt auch farbige Leute aus.“

Die Frontkämpferin, die gerade bei den vielen jungen kickenden Amerikanerinnen mindestens so beliebt ist wie die Popgrößen Pink oder Katy Perry, forderte bei der aus ihrer Sicht finanziellen Geschlechterdiskriminierung eine Rückvergütung des Verbandes in Höhe von 66 Millionen US-Dollar nach dem „Equal Pay Act“. Der Verband will sich darauf nicht einlassen, der mit harten Bandagen und verbalen Giftpfeilen geführte Konflikt schwelt weiter und soll am 5. Mai vor Gericht endlich gelöst werden.

Cordeiro hat den Geschlechterkampf indes schon verloren. Mitte März trat der uneinsichtige Mann von gestern nach nur knapp zwei Jahren als Verbandsboss ab. Seine Abschiedsworte klangen wie die eines Schwächlings. Sie hätten „große Schmerzen verursacht, insbesondere bei unseren außergewöhnlichen Spielerinnen, die es besser verdienen. Es war inakzeptabel und unentschuldbar. Mir ist klar geworden, dass das Beste eine neue Richtung ist“, schlich er sich handzahm vom Feld.

Für die stolzen Weltmeisterinnen gibt es Hoffnung. An die Verbandsspitze wurde in der bisherigen Vizepräsidentin Cindy Parlow Cone erstmals eine Frau gewählt. Cone ist Weltmeisterin von 1999 und zweifache Olympiasiegerin. Ikone Megan Rapinoe, die Weltfußballerin von 2019, und ihre Mitstreiterinnen dürften schon mal das Dollarzeichen in ihren Augen glänzen sehen.

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Erstellt:
22. April 2020, 21:00 Uhr
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