Konzertideen für Corona-Zeiten

Davos/Luzern (sr) – Die meisten Klassikfestivals sind diesen Sommer ausgefallen. In der Schweiz hat man versucht, mit ungewöhnlichen Formaten doch ein bisschen Festivalstimmung zu zaubern.

Wanderung oder  Festivalbrunch – es gibt viele Wege zur Open-air-Musik.  Foto: Yannick Andrea/Davos Festival

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Wanderung oder Festivalbrunch – es gibt viele Wege zur Open-air-Musik. Foto: Yannick Andrea/Davos Festival

Davos/Luzern – Treten Sie näher, aber immer mit Abstand“, sagt Chorleiter Andreas Felber mitten auf einer Wiese, umgeben von Bergspitzen und einem rauschenden Wildbach. Schon einige Höhenmeter hat die 60-köpfige Gruppe zurückgelegt. Beim Start der traditionellen Wanderung des Davos Festivals am Bahnhof Wiesen hatte noch das exzellente Colores-Trio vor einem Holzstapel zu Kaffee und Gipfeli groovende Rhythmen auf Marimba und Congas gespielt. Jetzt sind die Festivalbesucher selbst gefordert und stimmen gemeinsam mit den Profisängern des Festivalchores die indianische Volksweise „Evening rise“ an. „Offenes Singen“ heißt das Format, das auch jeden Festivalmorgen im Kirchner Park zu erleben ist.

Die Distanz zwischen Künstler und Publikum wird aufgelöst – Teilhabe als fester Programmpunkt. Eigentlich ist Andreas Felber Professor für Chorleitung an der Musikhochschule Hannover. Hier in Davos sorgt er mit dem 13-köpfigen Festival-Kammerchor für echte Sternstunden wie beim sich in extremste Regionen der Stimme vorwagenden, zwölfstimmigen „Le Cantique des cantiques“ von Jean-Yves Daniel-Lesur, das in der St. Johann-Kirche tief berührt. Der Spitzenchor ist aber auch Brückenbauer zu den vielen Musikliebhabern, die sich im Publikum finden. Während vielerorts in Coronazeiten Singen wegen der Aerosolbildung als Gefahr gesehen wird und man das Publikum möglichst kontaktlos in Konzerte hinein- und hinausschleust, erlebt man in Davos Gesang als gemeinschaftsbildende Kraft und ein berührbares Publikum, das gemeinsam wandert und sich austauscht über das Erlebte. Die Kreativität der Veranstalter in der Programm- und Raumgestaltung trifft auf eine hohe Selbstverantwortung der Besucher. In Davos treten keine internationalen Stars mit Standardwerken auf, sondern jedes Programm wird von rund 90 jungen Musiker vor Ort produziert.

Programme immer ohne Pause

„Von Sinnen“ heißt in diesem Jahr das vom neuen Intendanten Marco Amherd festgelegte, schön mehrdeutige Festivalmotto, das in den einzelnen Konzerten lustvoll durchdekliniert wird. Bernd Frankes expressives Werk „On the Dignity of Man“ über die Würde des Menschen wird beim mit „Tiefsinn“ überschriebenen Konzert in der Kirche Sankt Johann vom jungen Sibja Saxophon Quartet und dem Davos Festival ganz plastisch vor Ohren geführt. Das Simply Quartet lässt beim „Liebessinn“-Abend Robert Schumanns A-Dur Streichquartett op. 41 Nr. 3 auf höchstem Niveau schmachten, während Schauspieler Elias Reichert in Roberts Briefen an Clara den fordernden Gefühlen nachspürt: „Es muss werden. Vergessen Sie das Ja nicht.“

Einst hatte Michael Haefliger das „Davos Festival – Young artists in concert“ 1986 gegründet. Seit 1999 leitet er mit dem Lucerne Festival eines der größten und wichtigsten Klassikfestivals weltweit. Nachdem Haefliger Ende April die diesjährige Festivalausgabe bereits abgesagt hatte, stellte er doch noch ein neues, zehntägiges Festival auf die Beine. Bis auf eine Komposition für Kirchenglocken von Peter Conradin Zumthor und einer Open-Air-Bühne mit Weltmusik im Stadthauspark fanden alle Konzert im Kultur-und Kongresszentrum Luzern (KKL) statt, das bei strenger Maskenpflicht für das Publikum zu 50 Prozent belegt werden durfte. Weiter galt die Auflage, die Konzerte ohne Pause zu veranstalten, was Igor Levit bei seinem intensiven Beethovenabend mit vier höchst anspruchsvollen Klaviersonaten vor eine enorme Herausforderung stellt.

Igor Levit wird immer besser

Fast scheint es, als hätte der Pianist, der den Corona-Shutdown durch Twitterkonzerte aus seinem Wohnzimmer überbrückte, durch die Bühnenpause noch an Intensität und Charakterisierungskraft zugelegt. Nicht wie ein Perpetuum mobile lässt er das Finale der „Sturm-Sonate“ op. 31 Nr. 2 dahinrollen, sondern gestaltet es als Agitato, das er immer neu belebt. Das Adagio aus der Sonate in C-Dur op. 2 Nr. 3 ist ein entrückter Legatotraum. Beim Lucerne Festival, das eine Auslastung von 87 Prozent erreicht, kann man in diesem Sommer aber nicht nur die große, heilige Kunst erleben, sondern mit Cecilia Bartoli und ihrem Opernabend „What Passion Cannot Music Raise“ auch Leichtigkeit, Witz und Show. Mit ihrem Orchester Les Musiciens du Prince-Monaco (Leitung: Gianluca Capuano) schafft die italienische Mezzosopranistin größere musikalische Szenen.

Cecilia Bartoli flirtet wie gewohnt mit dem Publikum. Im vierteiligen Zugabenblock kulminiert die Vitalität. Zu Händels „Dopo notte“ steckt sich die Sängerin mitten in den Koloraturen während einer kurzen Atempause einen Zigarillo an und pustet ein paar Ringe in die Luft. In Agostino Steffanis „A facile vittoria“ schlägt sie den tapferen Trompeter im Koloratur-Battle. „Life is live“ – das Motto des Lucerne Festivals wird Wirklichkeit.

Ihr Autor

Georg Rudiger

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Erstellt:
25. August 2020, 19:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 12sec

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