Kostümbildner mit Siebenmeilenstiefeln

Ötigheim (manu) – In der Alternativsaison der Volksschauspiele Ötigheim muss es in der Schneiderei schneller gehen als sonst. Erst Ende Februar wurde mit der Arbeit begonnen.

Glamouröse Roben mit Glitzertüll, Pailletten, Perlen und fragilem Spitzengewebe kreieren Patricia Krebs, Petra Schorpp, Ulli Kremer, Ellen Bolender und Karel Spanhak (von links). Foto: Manuela Behrendt

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Glamouröse Roben mit Glitzertüll, Pailletten, Perlen und fragilem Spitzengewebe kreieren Patricia Krebs, Petra Schorpp, Ulli Kremer, Ellen Bolender und Karel Spanhak (von links). Foto: Manuela Behrendt

„Mit Schnappatmung rennen wir gegen die Zeit und fragen uns: Kann alles rechtzeitig fertig werden?“, beschreibt Kostümbildnerin Ulli Kremer die prekäre Lage in der Nähstube der Volksschauspiele Ötigheim (VSÖ).
Ende Februar ging es ans Einkleiden der Agierenden. „Im normalen Rhythmus beginnen wir damit im Oktober“, informiert Karel Spanhak. Er entwarf die Kostüme für die sozialkritische Komödie „Das Haus in Montevideo“ im Stil der 1930er Jahre mit Orientierung am Curt-Goetz-Originalfilm von 1951.

Kleidung spiegelt Persönlichkeit

In vielen Gesprächen mit den Regisseuren wuchsen die ersten Ideen für die drei Produktionen, die im Sommer auf der Freilichtbühne zu sehen sind. Die erfahrenen Profikostümbildner lehnen sich an die Inhalte der Geschichten, die Epoche und Örtlichkeit des Geschehens sowie an die vorgegebenen Charaktereigenschaften der Figuren an.

Die Kleidung spiegelt die Persönlichkeit. Dazu kommen die Darstellerinnen und Darsteller als Individuen. „Ein Outfit muss auch mit dem Einzelnen harmonieren“, weiß Spanhak.

Zunächst fertigt man Entwurfszeichnungen. Diesen Figurinen ordnet man im Team mit der hauseigenen VSÖ-Schneiderei Materialien und Accessoires zu. Was ist im VSÖ-Lager vorhanden? Was ist einzukaufen? Was ist wo ausleihbar?

Details und Feinheiten entstehen in Zusammenarbeit mit der Besetzung der Nähstube. Ellen Bolender, Patricia Krebs und Petra Schorpp bringen wertvolle Anregungen ein. „Ohne sie geht gar nichts“, sind sich Kremer und Spanhak einig. Das Kostümbild ist ein stetiger Austausch- und Kreativprozess, den man in der Alternativsaison mit Siebenmeilenstiefeln und durchgängig hohem Adrenalinspiegel bewerkstelligt.

Pandemie erschwert das Ausleihen

Nach ältlichen Utensilien stöbert Ulli Kremer gern in Trödelläden oder nutzt ihr Ausleihnetzwerk bei Staatstheatern. „Alles dicht in Deutschland; das hat uns das Leben nicht leicht gemacht“, stellt sie fest. „Also ging ich in Rotkreuz-Kleiderkammern und bei der Caritas antichambrieren“. Da Kremer in Trier lebt und im nahen Luxemburg seit Januar „alles geöffnet ist trotz Corona“, ging sie im Nachbarland für die VSÖ-Sommersaison shoppen.

„Wir machen für diese Spielzeit alles neu für alle drei Produktionen; es kommt so gut wie nichts aus dem Fundus, weil so ein Programm auf der Naturbühne noch nie da war“, sagt Karel Spanhak. Da ist ein bisschen Stolz in Blick und Stimme mit drin; ein Hauch von „Wir kriegen das trotzdem hin!“

Schrill und farbenfroh

Das Musical „Der kleine Horrorladen“ von Alan Menken und Howard Ashman ist stilistisch in den 1960er Jahren zu Hause. „Kenner der herrlich schrägen Show mit lauter und bunter Optik werden ihre Lieblingsfiguren sofort identifizieren“, schwärmt Kremer.

Im Wilhelm-Busch-Familienabenteuer „Max und Moritz“ sind die Figuren „ein bisschen überzeichnet, gehen in Richtung Comics“. Starke Akzente in Farben und Muster setzen die Solisten. „Reich bebildert“ seien alle drei Geschichten in Bezug auf das Kostümdesign.

„Wir haben hier in Ötigheim großes Breitbandkino“, erklärt Spanhak. Bei den Klamotten darf es deshalb ausladend, schrill, farbenfroh, glamourös und auffallend sein. Und wer denkt, es gebe für alle Arbeiten technische Hilfsmittel, der irrt. „Sehr vieles wird in reiner Handarbeit genäht“, betont Kremer mit Blick auf den straffen Zeitfaktor.

Auch Kleiderspenden (30er- bis 60er-Jahre) sind willkommen, wie es in einem Aufruf der VSÖ heißt. Die Schneiderei ist unter Telefon (07222) 6 9513 erreichbar.

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