Kraken: Intelligente und faszinierende Lebewesen

Karlsruhe (kost) – Im Karlsruher Vivarium lebt derzeit Jungkrake „Thaddäus“. Er ist ein zutraulicher und aufgeweckter Vertreter der ältesten intelligenten Lebewesen der Erde.

Intelligent und zutraulich: Krake „Thaddäus“ im Naturkundemuseum Karlsruhe. Jörg Donecker

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Intelligent und zutraulich: Krake „Thaddäus“ im Naturkundemuseum Karlsruhe. Jörg Donecker

Er besteht nur aus einem Riesenkopf, zwei großen Augen und acht Greifarmen. Das „sackartig“ aussehende Wesen fühlt sich weich und glitschig an. Nur in erfundenen Schauergeschichten erwürgt es Fischer und zieht Schiffe in die Tiefe. Die Menschen mögen dieses intelligente Weichtier – manche auch als Delikatesse auf ihrem Teller. Im vergangenen Jahr erhielt sogar die verfilmte Freundschaft zwischen einem Taucher und einem Kraken („Mein Lehrer, der Krake“) einen Oscar. Spätestens seit Krake „Paul“, der während der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 als Orakel fungierte, schwimmen diese Meeresbewohner auf einer Welle der Sympathie.

Der ganze Körper ist irgendwie Gehirn

„Bei Kraken ist der ganze Körper irgendwie Gehirn“, so Michael Stavaric. Der verhinderte Meeresbiologe hat zusammen mit der Illustratorin Michèle Ganser interessante Fakten zu den Oktopussen – so ihr wissenschaftlicher Name – zusammengetragen. Sein Wissen vermittelt er jetzt mit Spaß und Leichtigkeit in dem Sachbuch „Faszination Krake – Wesen einer unbekannten Welt“ für Kinder, aber auch für Erwachsene. „Kraken haben direkt hinter ihrem Maul ein Zentralgehirn und quasi acht zusätzliche Gehirne in ihren Tentakeln, die mit Hunderten von Saugnäpfen übersät sind. Alle Arme des Kraken wissen zu jeder Zeit, wo sich die anderen Tentakel und Saugnäpfe befinden, und welchen Aufgaben sie gerade nachgehen, auch ohne dessen Zentralgehirn im Kopf“, so Stavaric.

Die Forscherin Ruth Byrne von der Universität Wien fand heraus, dass Kraken theoretisch zwar 448 Kombinationsmöglichkeiten beim Einsatz ihrer Tentakel aufweisen. Beim Betasten von Gegenständen etwa nutzen sie aber lediglich 49 Kombinationen von einem, zwei oder drei Armen.

Mühelos bestehen Tintenfische, zu denen die Kraken und die zehnarmigen Kalmare und Sepien zählen, den „Marshmallow-Test“. Bei diesem Intelligenz-Test bieten Forscher zunächst eine spontane kleinere Belohnung an. Wer allerdings eine geraume Zeit warten kann, erhält eine deutlich größere Belohnung. „Die Tintenfische haben jedenfalls gewartet. Diesen Test bestehen auch Menschenaffen, Hunde und Krähen“, so Stavaric.

Kraken besitzen drei Herzen: ein Hauptherz und zwei unterstützende Kiemenherzen. „Ihrem durchsichtigen bis blaugrünen Blut fehlt Eisen. Deswegen kann es nicht so gut Sauerstoff transportieren wie unser Blut,“ erklärt Stavaric. Neben viel Herz verfügen Kraken auch über starke Muskeln. Der Pazifische Riesenkrake kann mit einem seiner größten Saugnäpfe 16 Kilogramm ziehen oder heben – insgesamt rund das Zwanzigfache seines Körpergewichts. Und: Abgetrennte Tentakel wachsen innerhalb kürzester Zeit nach.

Auf der Flucht verwenden Kraken das „Rückstoßprinzip“, das sich Raketeningenieure von ihnen abgeschaut haben. Sie drücken Wasser durch ihr „Trichterorgan“ nach draußen. So katapultieren sie sich mit dem Körper voran. In einem Aquarium haben Forscher Kraken beobachtet, wie sie einen Wasserstrahl durch ihren Trichter schickten, um damit auf eine Plastikdose zu zielen. Ein anderer Oktopus im Sea Star Aquarium in Coburg war dafür bekannt, dass er Steine gegen die Scheiben des Aquariums warf. Er konnte auch einen Wasserstrahl auf eine Lampe richten, wodurch es regelmäßig zu Kurzschlüssen kam. Kraken hassen grelles Licht.

Konzentrierte Tinte als Waffe

In einer kleinen Drüse trägt der Krake konzentrierte Tinte mit sich. In bedrohlichen Lagen hinterlässt er damit eine dichte Farbwolke, um den Fressfeind zu irritieren und Zeit zur Flucht zu gewinnen. „Das Sekret enthält unter anderem das Glückshormon Dopamin. Die Feinde des Kraken bekommen so das Gefühl, dass sie ihn längst erwischt oder ihn soeben genüsslich verspeist haben“, so Stavaric. Zudem können Kraken in Windeseile jedes Muster, jede Farbe und Oberfläche ihrer Umgebung annehmen und die Textur ihrer Haut verändern. „Wütende Kraken verfärben sich meistens ziegelrot. Fürchten sie sich, taucht in der Regel ein schwarzer Kreis um ihre Augen auf. Wenn sie rasend schnell hintereinander ihre Farben wechseln, dann denken sie einfach nur über etwas nach“, so Stavaric. Der Tarnweltmeister mit dem Namen „Mimik-Oktopus“ kann als einziges Lebewesen bis zu 15 andere Tierarten täuschend echt nachahmen, etwa Seeschlangen, Meeresschnecken, Muscheln, Rochen, Quallen, Krebse oder Flundern.

Theoretisch kann man mit der Tinte der Kraken schreiben. Sie ist aber zu dickflüssig, um sie in eine Tintenpatrone zu füllen. Die Römer haben aus getrockneten und gemörserten Tintenbeuteln den Farbstoff „Sepia“ gewonnen. Ab 1780 ist das Verwenden von Sepiatinte zum Schreiben belegt. Bis heute wird zum Einfärben von schwarzer Pasta Tintenfischtinte benutzt.

Zurück in die Freiheit

Johann Kirchhauser leitet seit 32 Jahren das Vivarium im Karlsruher Museum für Naturkunde. Er ist ein ausgewiesener Kraken-Fachmann – über die Grenzen Deutschlands hinaus. „Seitdem ich in Karlsruhe bin, ist kein Jahr ohne Krake vergangen“, erzählt der Diplom-Biologe. Seinen Urlaub in den Herbstferien nutzt er regelmäßig, um vor der italienischen Mittelmeerinsel Giglio einen Octopus vulgaris, einen Gewöhnlichen Kraken, für das Vivarium zu fangen.

Diese Kopffüßler-Art kommt weltweit in den Meeren vor. Sie lebt in freier Wildbahn bis zu zwei Jahre, kann jedoch in Gefangenschaft bis zu drei Jahre alt werden. „Nach einem Jahr setze ich unseren Kraken wieder vor Giglio aus, damit er sich dort noch fortpflanzen kann. Im Rückreisegepäck ist dann wieder ein Jungtier für die kommenden zwölf Monate“, erläutert Kirchhauser sein System. Die Aufzucht von Kraken in Gefangenschaft ist bisher noch nirgendwo geglückt.

Das Jahr 2021 verlief unrhythmisch. Krake „Heike“ starb schon im Juli. „Innerhalb von fünf Tagen ist das zuvor topfitte Tier gestorben. Das ist hier noch nie passiert“, zeigt sich Kirchhauser noch immer berührt. Über die Ursache rätselt sein Team weiterhin. Nachdem das Krakenbecken auf den Kopf gestellt worden war, zog im September der Jungkrake „Thaddäus“ ein. „Benannt ist er nach dem Tintenfisch Thaddäus Quentin Tentakel aus der Zeichentrickserie SpongeBob Schwammkopf“, erläutert der Vivariums-Chef. Über den Charakter von „Thaddäus“ kann er noch nicht viel sagen – sehr schnell jedoch ist er zutraulich geworden, sucht den Hautkontakt mit seinen Pflegern und zeigt sich äußerst neugierig.

„Mit Kraken können sie immer was anderes erleben“, schmunzelt Kirchhauser. Da gab es mal die Krakin „Eva“ – ein besonders aufgewecktes Geschöpf. Sehr schnell konnte ihr das Kunststück beigebracht werden, den Deckel einer fest verschlossenen Glasdose mit Futter mit ihren Fangarmen aufzuschrauben. „Kraken sind sehr lernfähig und trainierbar“, so Kirchhauser. Doch „Eva“ war auch ein wahrer Ausbruchskünstler. „Hinter unserem Rücken hat sie die Deckplatte des Aquariums aufgeschoben“, erinnert sich Kirchhauser. Seitdem wird das Becken zusätzlich gesichert.

Der Gewöhnliche Krake ernährt sich hauptsächlich von Krebstieren (Krabben und Hummerartigen) sowie Weichtieren (Muscheln und Schnecken). Die Weibchen etlicher Arten haben den Hang entwickelt, das Männchen nach der Befruchtung aufzufressen. Aus dem Gelege von 120.000 bis 400.000 Eiern werden nur wenige Kraken erwachsen.

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Gelege eines Wunderpus-Kraken: Solche Fotos gelingen selten. Foto: Johann Kirchhauser

© Kirchhauser

Gelege eines Wunderpus-Kraken: Solche Fotos gelingen selten. Foto: Johann Kirchhauser

Farbenprächtig: Der Wunderpus ist eine besonders langarmige Krakenart. Foto: Johann Kirchhauser

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Farbenprächtig: Der Wunderpus ist eine besonders langarmige Krakenart. Foto: Johann Kirchhauser

Ihr Autor

unserem Mitarbeiter Konrad Stammschroer

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Erstellt:
16. Januar 2022, 10:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 33sec

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