„Krankheiten sind keine Strafe“

Baden-Baden (kli) – Hängen Anthroposophie und Impfskepsis zusammen? Eine neue Studie sieht Überschneidungen. BT-Interview mit dem anthroposophischen Mediziner Dr. Thomas Breitkreuz aus Bad Liebenzell.

Schuld an Millionen Ungeimpften? Ein Porträt des Philosophen Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik.      Foto: Uwe Anspach/dpa/Archiv

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Schuld an Millionen Ungeimpften? Ein Porträt des Philosophen Rudolf Steiner, dem Begründer der Anthroposophie und der Waldorfpädagogik. Foto: Uwe Anspach/dpa/Archiv

Corona-Leugner, Impfgegner, Querdenker: Warum gilt Baden-Württemberg als eine Hochburg dieser Bewegung? Eine neue Studie der Soziologen Oliver Nachtwey und Nadine Frei sieht starke Überschneidungen zwischen dem anthroposophischen Milieu und der Querdenker-Szene im Südwesten. Dr. Thomas Breitkreuz, Facharzt für Innere Medizin, Anthroposophische Medizin und Palliativmedizin im Paracelsus-Krankenhaus in Bad Liebenzell, äußert sich im Interview mit BT-Redakteur Dieter Klink über die Zusammenhänge.

BT: Herr Dr. Breitkreuz, wie verbreitet ist Impfskepsis in der anthroposophischen Medizin?
Dr. Thomas Breitkreuz: Auch nicht mehr als anderswo. Die internationale Dachorganisation anthroposophischer Ärzte hat schon früh die Impfungen begrüßt, vor allem um Ältere zu schützen. Ich selbst habe mich schon im Januar impfen lassen und habe viele meiner Mitarbeiter in der Klinik geimpft. Alle anthroposophischen Krankenhäuser engagieren sich sehr für die Impfung. Aber es gibt eben schrille Wortmeldungen einzelner. Eine verschwindend kleine Minderheit sagt: „Das, was wir vertreten, ist der eigentliche Rudolf Steiner.“ Sie setzen manchmal krasse Thesen in die Welt über die Gefährlichkeit der Impfung. Das ist natürlich Nonsens. Es tut mir weh, wenn diese Minderheitenmeinung als repräsentativ für uns Anthroposophen genommen wird.

BT: Die Interpretation von Steiners Lehren, wonach Krankheit eine Bestrafung aus dem letzten Leben ist, ist nicht die Ihre?
Breitkreuz: Absolut nicht. Das ist auch allgemein nicht das Verständnis in der anthroposophischen Medizin. Krankheiten sind keine Strafe. Unsere Intensivstationen sind voll mit Covid-19-Patienten, wir tun alles, um die Krankheit zu überwinden. Die allermeisten niedergelassenen anthroposophischen Ärzte impfen in ihren Praxen.

BT: Dennoch: Kommt die ganzheitliche Medizin, wie Sie sie vertreten, bei einer Pandemie nicht an ihre Grenzen?
Breitkreuz: Ganzheitlichkeit ist immer gut, gerade auch bei Covid-19. Aber, wichtig: Eine rein individuelle Perspektive reicht bei einer Pandemie nicht aus. So geht es bei der Impfung nicht nur um eine Entscheidung für sich selbst, sondern auch um den Schutz der anderen. Corona zwingt uns zu Gemeinsinn, uns zu fragen: Wie kann ich selbst dazu beitragen, dass die Krankheit nicht gefährlich für andere, insbesondere alte und geschwächte Personen wird. Der reine, individuelle Selbstbezug, etwa auf die Stärkung des eigenen Immunsystems, reicht nicht aus. In der Pandemie muss sich jeder mit dem eigenen Verhalten auch für die anderen sorgen – das reicht von der Maske bis zur Impfung.

BT: Wie sehr ärgert Sie die Studie der Soziologen Oliver Nachtwey und Nadine Frei über „Quellen des Querdenkertums?“, in der es um Überschneidungen der Milieus geht. Wie sehr schadet sie Ihnen?
Breitkreuz: Diese Studie hat einzelne inhaltliche Positionierungen untersucht, aber keine repräsentative Stichprobe erhoben. Sie untersucht nicht die Häufigkeit vermeintlicher Überschneidungen. Wie sollten deutschlandweit 12.000 Anthroposophen schuld sein an 15 Millionen Ungeimpften? Zumal die Impfquote in Deutschland aktuell genauso hoch ist wie in Schweden oder Frankreich, wo es kaum Anthroposophen gibt. Das gilt übrigens auch für Sachsen und Thüringen, wo die Impfquote besonders niedrig ist.

BT: Aber es gibt viele in Baden-Württemberg, und genau da sieht die Studie Verbindungen zu den Querdenkern.
Breitkreuz: Ich sehe nur punktuelle Überlappungen; wir anthroposophischen Ärzte stehen in unseren Verbänden für etwas ganz anderes ein als die „Querdenker“. Andererseits: Es gibt seitens der Querdenker-Szene den Versuch, Menschen, die der Anthroposophie oder der Naturheilkunde nahestehen, für sich zu erobern. Ich sehe diese Aktivität auch bei der AfD. Überzeugte Impfgegner machen in meiner Erfahrung vielleicht fünf Prozent der Bevölkerung aus. Viele noch Ungeimpfte sind ängstlich oder skeptisch, und oft kann man sie im persönlichen Gespräch für das Impfen gewinnen.
BT: Die Frage war, wie sehr diese Skepsis mit dem anthroposophischen Weltbild zusammenhängt.

Breitkreuz: Ich sehe uns Anthroposophen überhaupt nicht als die treibende Kraft bei den Impfverweigerern – bei uns wird viel geimpft. Was die Diskussion über die allgemeine Impfpflicht angeht, setze ich allerdings nach wie vor auf Überzeugungsarbeit und eine freie und zugleich verantwortungsvolle Entscheidung.

BT: Warum?
Breitkreuz: Das Beispiel Bremen zeigt, dass sich mit einer gut gemachten Impfkampagne 92 Prozent der Erwachsenen aus freien Stücken zur Impfung bewegen lassen. Und: Die Diskussion kommt zur Unzeit. Wenn sich bis Frühjahr die Omikron-Variante durchsetzt, wissen wir heute nicht, wie wirksam die Impfungen dann überhaupt sein werden. Bei anderen Erkrankungen wie den Masern bietet die Impfung zu 100 Prozent Schutz. Hier aber wissen wir noch nicht, um welche Effekte es im nächsten Frühjahr gehen wird. Aktuell müssen wir uns auf Kontaktbeschränkungen und das Boostern konzentrieren – das schon viel früher hätte kommen müssen, wenn die Politik nur auf die Wissenschaft gehört hätte.

BT: Rudolf Steiners Ansicht, Impfungen stellten eine Gefahr für die spirituelle Entwicklung des Menschen dar, blenden Sie in Ihrer Tätigkeit aus?
Breitkreuz: Zu Steiners Zeiten gab es nur die Pockenimpfung. Und aus dem Zusammenhang gerissene Zitate von vor 100 Jahren helfen uns heutzutage überhaupt nicht weiter. Wir müssen uns heute für die Fragen unserer Zeit schon selber ein Urteil bilden. Aussagen, dass Impfungen per se die spirituelle Entwicklung gefährden, halte ich in höchstem Maße für unseriös – und auch für unanthroposophisch.

BT: Was sagen Sie zu Negativschlagzeilen aus diversen Waldorfschulen, die ja mit anthroposophischer Pädagogik arbeiten: Wenig Masken, wenig Abstand, viele Infektionen?
Breitkreuz: Ich habe von dem Vorfall in Freiburg-St. Georgen gehört, wo es um falsche Maskenatteste gegangen sein soll. Da frage ich mich: Was ist da schiefgelaufen? Wenn bei uns Patienten am Eingang der Klinik ein Attest vorlegen, wonach sie von der Maskenpflicht befreit sind, sagen wir: „Bei uns gelten nur Atteste, die unsere Chefärzte ausgestellt haben.“ Und davon gibt es bisher kein einziges, weil es den allermeisten Menschen durchaus zuzumuten ist, Maske zu tragen. Wer den Mund-Nasenschutz verweigert, die AHA-Regeln nicht einhält und Impfungen ablehnt, kann sich nicht auf die anthroposophische Medizin berufen. Falls es Einzelfälle gibt, die das anders sehen, kann man dafür nicht die anthroposophische Medizin als solche haftbar machen.

BT: Eine generelle Wissenschaftsablehnung sehen Sie bei Anthroposophen nicht?
Breitkreuz: Nein. Wir sind Teil des Wissenschaftsdiskurses. Wir sind gut ausgebildete Fachärztinnen und Fachärzte, besuchen Fachkongresse, sind Mitglieder in wissenschaftlichen Fachgesellschaften. Es gibt viele Studien und öffentlich geförderte Forschungsprojekte; wir arbeiten hier in Baden-Württemberg zum Beispiel mit den Unikliniken in Freiburg und Tübingen bestens zusammen.

Wir machen wissenschaftsbasierte Medizin und verstehen und als fester Bestandteil der Gesundheitsversorgung in Deutschland. Wir machen auch keine Alternativmedizin, sondern eine erweiterte Medizin, das heißt, wir sehen uns als Ergänzung. Gott sein Dank gibt es heute nicht mehr wie vor 20 Jahren ein Gegeneinander von Schulmedizin und Naturheilkunde. Gerade weil wir gar nicht auf einer Alternativschiene unterwegs sind, schmerzt es mich besonders, wenn uns so ein Querdenker-Fahrwasser unterstellt wird. Denn da wollen wir absolut nicht hin.


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