Kreis sichert Beratung finanziell ab

Rastatt (as) – Sexueller Missbrauch an Kindern und Jugendlichen nimmt im Kreis Rastatt zu. Der Beratungsbedarf steigt, aber die Beratungsstelle Feuervogel ist unterfinanziert. Nun hilft der Kreis.

Sexueller Missbrauch: Immer mehr Fälle werden publik. Der Landkreis Rastatt reagiert jetzt auf den steigenden Beratungsbedarf. Foto: Patrick Pleul/dpa

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Sexueller Missbrauch: Immer mehr Fälle werden publik. Der Landkreis Rastatt reagiert jetzt auf den steigenden Beratungsbedarf. Foto: Patrick Pleul/dpa

Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen – das Thema hat 2020 im Landkreis Rastatt für Schlagzeilen gesorgt und ist vor allem mit dem Missbrauchsfall in der Kita Wintersdorf in den Fokus der Politik gerückt. Dabei wurde deutlich, dass der Beratungsbedarf hoch ist, das -angebot dem aber nicht gerecht werden kann und trotz einhellig anerkannter Arbeit teilweise auf wackligen finanziellen Füßen steht. Dem soll jetzt mit einem jährlichen 20000-Euro-Zuschuss vom Kreis für den Verein Feuervogel abgeholfen werden, der seit 25 Jahren eine Fachberatungsstelle anbietet.

Zuschuss auf 20.000 Euro erhöht

Unter dem beklemmenden Eindruck von Zahlen und Fakten, die Hildegard Brauers (Psychologische Beratungsstelle des Landkreises), Kriminalhauptkommissarin Christina Deschenes (Kripo Rastatt) und Ulrike Fritsch (Beratungsstelle Feuervogel) in Kurzreferaten vorgetragen hatten, stand das Ob im Jugendhilfeausschuss des Landkreises am Montag nicht infrage. Einstimmig folgte das Gremium dem Antrag der Freien Wähler, den Zuschuss für Feuervogel von 5.000 Euro im Jahr 2019 (vorher 400 Euro jährlich) auf 20.000 Euro jährlich zu erhöhen. „Damit kann eine viertel Stelle zusätzlich finanziert werden“, rechnete FW-Fraktionschef Karsten Mussler vor. Ralf Pinkinelli (Bündnis 90/Grüne) sprach gar von dem „Wunsch, 1,5 Stellen dauerhaft zu finanzieren, um Sicherheit für den Verein zu gewährleisten“.

Auch der Landkreis will das Thema grundlegend überarbeiten. Die Kreisverwaltung wurde beauftragt, ein Konzept für die Beratung von Kindern und Jugendlichen bei sexuellem Missbrauch zu erarbeiten, das Landrat-Stellvertreter Jörg Peter als „Start für eine intensive Bearbeitung des Themas für den Kreis Rastatt“ wertet. Ziel soll sein, das eingespielte Netzwerk aus Psychologischer Beratungsstelle, Kriminalpolizei und Fachberatungsstelle Feuervogel weiter zu stärken.

Arbeitsanfall wird coronabedingt weiter steigen

Denn eins machten die drei Expertinnen im Ausschuss unmissverständlich klar: Der Arbeitsanfall in diesem Bereich wird auch coronabedingt weiter steigen, das sei bereits absehbar und schlage sich in Sachen Kinderpornografie schon in Fallzahlen nieder, so die Kommissarin. Beim Thema sexueller Missbrauch erwarten alle ebenfalls gehäufte Vorkommnisse infolge der Lockdowns.

Coronabedingt steigen auch bei der Kripo in Rastatt jetzt schon die Fälle an Kinderpornografie. Foto: Silas Stein/dpa

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Coronabedingt steigen auch bei der Kripo in Rastatt jetzt schon die Fälle an Kinderpornografie. Foto: Silas Stein/dpa

Ulrike Fritsch verwies zudem auf einen Mehrbedarf infolge gehäufter Aufdeckung von Fällen und eine höhere Sensibilisierung der Öffentlichkeit für das Thema. Denn die Beratung wie im Fall Wintersdorf sei zwar ein wichtiger Aspekt der Arbeit (und habe die Arbeit der Beratungsstelle 2020 verdoppelt), doch unerlässlich seien vor allem Aufklärung und Prävention von Eltern, Kindern und Einrichtungen, die so früh wie möglich ansetzen müssten. Das macht sie am Beispiel eines Kindes deutlich, das nach einer Präventionsveranstaltung in der Grundschule zu ihr gekommen sei mit den Worten: „Also wenn das so ist, dann bin ich missbraucht worden.“

Stadt Rastatt gibt 10.500 Euro

Dazu kommen die Themen sexuelle Übergriffe unter Kindern und Jugendlichen, sexualisierte Gewalt in den neuen Medien sowie die Implementierung von Schutzkonzepten in Institutionen, um die sich die Beratungsstelle kümmert.

Um dauerhaft im Landkreis einen guten Schutz gewährleisten zu können, wären vier 75-Prozent-Stellen und eine Verwaltungskraft in der Beratungsstelle notwendig, verdeutlichte Fritsch. Bislang stemmen sie als Halbtagskraft sowie eine Mitarbeiterin auf 450-Euro-Basis die Arbeit mit projektbezogenen Mitarbeiterinnen und Ehrenamtlichen. Der Verein könne dabei kontinuierlich eine viertel Stelle finanzieren, der Rest sei stets nur projektbezogen möglich gewesen. Doch solche Projekte müssen erarbeitet, beantragt, ausgeführt werden – viel Arbeit. Und die Unterstützung durch Spenden sei keine verlässliche Einnahmequelle, bekundete sie ihre Freude über den geplanten festen Zuschuss. Zudem fördert die Stadt Rastatt den Verein mit 10.500 Euro jährlichem Betriebskostenzuschuss.

Missbrauch nicht totschweigen

Jede sexuelle Handlung an oder vor Kindern, um eigene sexuelle Bedürfnisse zu befriedigen, gilt als sexueller Missbrauch – wie Exhibitionismus, Kinderpornografie besitzen oder herstellen, Berührungen im Intimbereich. „Das Thema ist schwer und belastend, keiner beschäftigt sich gerne damit, aber es darf nicht totgeschwiegen werden“ – mit diesen Worten unterstrich Hildegard Brauers von der Psychologischen Beratungsstelle des Landkreises Rastatt die Intention der drei Referentinnen im Jugendhilfeausschuss: Gerade in Sachen Prävention von sexuellem Missbrauch an Kindern und Jugendlichen gebe es noch großen Bedarf, denn „aus Zeit- und Geldgründen“ könnten der Verein Feuervogel, die Kripo und die Psychologische Beratungsstelle bisher nur einen Bruchteil an Schulen und Kitas erreichen.

„Irmi und das Nein“ heißt das Theaterstück für Grundschulen im Kreis Rastatt zur Missbrauchsprävention. Foto: Archiv

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„Irmi und das Nein“ heißt das Theaterstück für Grundschulen im Kreis Rastatt zur Missbrauchsprävention. Foto: Archiv

Dabei sei Aufklärungsarbeit, die sich an Kinder, Eltern und Einrichtungen richtet, einer der wichtigsten Bausteine in diesem Bereich. Denn 80 Prozent des sexuellen Missbrauchs findet im sozialen oder familiären Umfeld statt, untermauert Brauers das mit Zahlen, nur 20 Prozent seien Fremdtäter. Opfer seien zu zwei Dritteln weiblich, die Täter 90 Prozent Männer aus allen gesellschaftlichen Schichten – „oft sympathische Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren“. Der Täter nutze meist seine Machtposition aus und arbeite mit Bedrohung, sprechen die Expertinnen von strategischem Verhalten. Das erfordere auch ein strategisches Vorgehen des Hilfesystems, sagt Ulrike Fritsch (Feuervogel).

Langfristige Folgen

Etwa jeder siebte bis achte Erwachsene in Deutschland hat in seiner Kindheit und Jugend sexuelle Gewalt erlebt, so die Statistik. Neben Misshandlung und Vernachlässigung ist sexueller Missbrauch die dritte Hauptkategorie bei Kindeswohlgefährdung, erläutert Brauers. Die langfristigen Folgen sind fatal: Ängste, posttraumatische Belastungsstörungen, Zwänge, Depressionen, Sucht, Essstörung, Bor-derline-Störung, Selbstmordgefahr, aber auch chronische körperliche Erkrankungen werden genannt. Schutzkonzepte in Institutionen zu erarbeiten, heißt deshalb ein weiterer Baustein der Präventionsarbeit, bei dem Feuervogel unterstützt.

Am Beispiel des Wintersdorfer Missbrauchsfalls verdeutlicht Fritsch, welche Auswirkungen auf ihre Arbeit allein dieser Fall hatte: Der Beratungsbedarf verdoppelte sich. Neben der Beratung von Eltern in 36 Fällen aus vier Kitas gab es fünf Elterninfoveranstaltungen in Kooperation mit der Polizei, eine Team-Supervision im Kindergarten Wintersdorf, Beratungsgespräche mit dem Kindergartenträger, einen Runden Tisch zum Thema, Teamberatung in fünf Kitas, die Kinder aus Wintersdorf aufgenommen haben, sowie die Vorbereitung eines Gruppenangebots für betroffene Eltern.

Keine kindgerechten Vernehmungszimmer

Das A und O sei es, als Eltern mit den Kindern im Gespräch zu bleiben, um einen Missbrauch frühzeitig erkennen zu können, unterstreicht Kriminalhauptkommissarin Christina Deschenes, die betont: „Die Täter-Strategie kann man erkennen, das passiert nie von null auf hundert.“ Von Übergriffen unter Jugendlichen bis hin zu einem 93-jährigen Täter reichen ihre Erfahrungen. Und: „Je höher die gesellschaftliche Schicht, desto länger dauert es, bis Opfer sich öffnen“, weiß sie auch. Feuervogel berät beispielsweise als einzige Anlaufstelle weit und breit auch Frauen, die in ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erlebt haben, berichtet Fritsch.

Wo es vor Ort hakt, wurde im Ausschuss auch deutlich: Weder bei der Kriminalpolizei noch bei Staatsanwaltschaft gibt es bisher ein kindgerechtes Vernehmungszimmer. Bei der Kripo sei das geplant, so Deschenes. Zudem müssen Betroffene oft sehr lang auf Behandlungstermine bei Psychologen oder Psychotherapeuten warten. Das erhöht den Druck auf die Beratungsstellen und offenbart ein weiteres Problemfeld im Landkreis: Es gibt zu wenig Therapeuten – und die sind überlaufen.

Kommentar: „Überfälliger Schritt“ von Anja Groß

Um ein Kind zu schützen, braucht man das ganze Dorf“ – mit dieser leicht abgewandelten afrikanischen Weisheit wirbt der Verein Feuervogel für einen systematischen Kinderschutz. Dass der Landkreis sich das nach einem Antrag der Freien Wähler nun zu Herzen nimmt und einklinkt, um die Beratungsstelle finanziell zu stützen und gemeinsam ein Konzept gegen sexuellen Missbrauch auf die Beine zu stellen, ist ein lobenswerter Schritt. Schließlich leisten Beratungsstelle und Verein seit 25 Jahren hoch anerkannte, qualifizierte Arbeit in diesem Bereich. Dass die vom großen Engagement und der Spendenbereitschaft Einzelner abhängig ist und oft auf wackligen finanziellen Füßen steht, ist ein Armutszeugnis in unserer Wohlstandsgesellschaft. Der Weckruf, den Feuervogel vergangenes Jahr mit der Existenzfrage an die Kommunalpolitik aussandte, wurde durch den Missbrauchsfall in Wintersdorf noch einmal dramatisch unterstrichen. Leider braucht es oft solche Schockmomente, um wachzurütteln. Dabei betrifft das Tabuthema uns alle: Jeder Siebte bis Achte in Deutschland war in seiner Kindheit Opfer sexueller Gewalt. Es wird Zeit, dem auch im Landkreis endlich mit einem kompetenten Netzwerk an Prävention, Beratung und Hilfen zu begegnen. Denn dass es solche Vorfälle hier nicht gibt, widerlegt schon ein Blick auf die Schlagzeilen des vergangenen Jahres: Pfadfinderprozess, Suspendierung von zwei Pfarrern im Zusammenhang mit Missbrauchsvorwürfen, ein THW-Betreuer verging sich an Kindern, sexueller Missbrauch an Kindern in Freiolsheim, orthodoxer Priester wegen Missbrauchs verurteilt, 37-Jähriger Familienvater verhaftet. Längst überfällig ist daher, was der Kreistag nun auf den Weg gebracht hat: Eine finanzielle Absicherung der Beratungsstelle. Bleibt zu hoffen, dass die Kreispolitiker bei diesem Thema wachsam bleiben!


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