Kreislauf des Lebens zu einem Miteinander umgestalten

Baden-Baden (wofr) – Weihnachten ist die Zeit der Familie. Wolfram Frietsch hat sich darum zu Gedanken über ein besseres Miteinander und das Vermitteln von Werten an künftige Generationen gemacht.

Der Sohn mit dem Vater und dem Enkelkind: Die Geschichte stellt die Frage nach dem Zusammenleben. Foto: Christin Klose/dpa

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Der Sohn mit dem Vater und dem Enkelkind: Die Geschichte stellt die Frage nach dem Zusammenleben. Foto: Christin Klose/dpa

Der Opa lebt beim Sohn, der Schwiegertochter und dem kleinen Enkel. Das Essen fällt ihm schwer. Er verschüttet vieles und ab und zu zerbricht er ein Glas oder einen Teller. Sein Sohn wird immer ungehaltener und gibt ihm eine Schale, einen Becher und einen Löffel aus Holz. Essen muss der alte Mann an einem kleinen Tisch in der Ecke, separat von der Familie. Eines Tages sitzt der kleine Junge auf den Boden und schnitzt an einem Stück Holz. Seine Eltern fragen ihn, was er da mache. Er antwortet, dass er eine Holzschale für sie schnitzen würde, für später, wenn sie einmal alt sind. Die Eltern verstehen, dass es ihnen einmal so ergehen könnte wie dem Opa, und essen wieder gemeinsam und kümmern sich mehr um ihn.

Die Reaktion des Sohnes, seinen alten Vater aus seinem Leben wegzuschieben, lässt uns stutzen. Vergisst er nicht dabei, was seine Eltern für ihn getan haben, als er noch ein Kind war, um ihm Starthilfe zu geben, damit auch er sein Leben leben und eine Familie gründen kann? Aber auch der alte Vater hat anscheinend versagt, denn er hat es nicht verstanden, seinem Sohn Werte zu vermitteln. Kurzum: Versagt die Jugend, hat auch die Generation davor versagt.

In dieser Geschichte geht es aber um noch mehr, denn sie stellt uns die Frage nach dem Zusammenleben: Wie möchte man miteinander alt werden? Wie wollen wir miteinander umgehen? Wie lerne ich, meine Macht nicht zu missbrauchen, obwohl ich es könnte?

Der Berufsalltag gibt dafür ein gutes Beispiel. Junge dynamische Kräfte sollen eine Firma weiterbringen. Die älteren Mitarbeiter, so heißt es, stehen dabei im Weg. Irgendwann sind die einst jungen, fortschrittlichen Kräfte selbst älter geworden und werden durch jüngere Kräfte ersetzt. Nicht umsonst schnitzt der Enkel in der Geschichte das Holzbesteck für seine Eltern. Er hat gelernt, dass es einen Kreislauf der Ausgrenzung und Abschiebung gibt. Was sollte daran falsch sein?

Der Sohn sieht seinen Vater nicht mehr als einen Menschen, sondern als Objekt der Störung. Seine Lösung ist es, die Störung zu beseitigen. Der alte Mann wird zu einem Objekt, das hin- und hergeschoben wird, ohne seine Persönlichkeit zu akzeptieren. Wie steht es dabei um die Selbstbestimmung des Anderen? Ignoriere ich sie, um meine Ziele durchzusetzen? Rechtfertigt dies eine solche Handlung? Missachte ich den Anderen in seinem Anderssein, so respektiere ich seine Würde nicht, was Rückschlüsse auf meine Ziele zulässt.

Die wesentliche Erkenntnis ist somit nicht die, dass so etwas wie dem alten Mann auch mir passieren kann. Wesentlicher ist vielmehr, welches Menschenbild ich durch mein Tun vermittle. Will ich etwas erreichen, sollte ich das so tun, dass ich dem anderen weder schade noch ihn übergehe oder herabsetze. Das Leben bildet einen Kreislauf, der sich aus dem Leben ergibt und bei dem man immer auf andere angewiesen ist. Um den scheinbaren Kreislauf des ewigen Werdens und Vergehens zu durchbrechen, gibt es die Möglichkeit, sich gegenseitig zu unterstützen, miteinander zu reden, zu leben und zu arbeiten. Dann wird der Kreislauf der ständigen Erneuerung zu einem Miteinander umgestaltet.

Das geht aber nur gemeinsam. Eine allgemein gültige Regel kann es dabei nicht geben. Daher ist es angebracht, im Kleinen zu handeln und im eigenen alltäglichen Umfeld tätig zu sein. Dann wird die Welt spürbar besser und lebenswerter, so wie es wohl für jeden vorgesehen ist.

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Erstellt:
26. Dezember 2020, 07:00 Uhr
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