Kretschmann baut auf naturwissenschaftliches Wissen

Stuttgart (bjhw) – Landtagswahl in Baden-Württemberg: Grüner Real-Politiker und Landesvater hat gute Chancen auf Wiederwahl.

Mit Leidenschaft für Botanik und für Wissenschaft: Ministerpräsident Kretschmann.  Foto: Thomas Kienzle/AFP

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Mit Leidenschaft für Botanik und für Wissenschaft: Ministerpräsident Kretschmann. Foto: Thomas Kienzle/AFP

Aus Liebe zur Natur, wiederholt Winfried Kretschmann gern, hat er 1979 in Karlsruhe seine Grünen mitgegründet. Vor zehn Jahren versprach er, den Naturschutz und den Kampf gegen Erderwärmung und Artensterben mit ins Zentrum der Landespolitik zu rücken. Nicht nur aktuell, in der nach dem Zustrom von Flüchtlingen zweiten großen Krise seiner Amtszeit, baut er auch auf sein naturwissenschaftliches Wissen.

Coronaviren seien durch Impfungen in den Griff zu kriegen, im Kampf gegen die Erderwärmung aber „noch ganz andere Kräfte für die tiefe Umgestaltung der Industriegesellschaft nötig“.

Leidenschaft fürs Botanisieren

Rainer Haseloff, sein Amtskollege in Sachsen-Anhalt, und die Kanzlerin sind beide Physiker, erinnert der Grüne, „und das merkt man sofort an der Herangehensweise bei der Bekämpfung der Pandemie“. Stundenlang wird unter den Regierungschefs gerungen, erzählt Kretschmann. Dezente Kritik, ohne Namen zu nennen: „Manchen fällt es einfach schwer, Zahlen und Fakten zu akzeptieren.“ Für sich selbst nimmt er diesen Sinn für die Realität sehr wohl in Anspruch. Schon am 27. Dezember, beim landesweiten Impfstart, hat er alle Fragen danach, wie er denn jetzt Tempo machen wolle, mit einem seiner Lieblingssätze quittiert: „Gras wächst auch nicht schneller, wenn man daran zieht.“

Er weiß ganz genau, wovon er spricht. Der 72-Jährige hat schon Delegationsreisen gesprengt mit seiner Leidenschaft fürs Botanisieren. Im Westjordanland konnte er einst eine kleine lila Blüte benennen, von der keiner der Gastgeber den Namen kannte. Gern zieht er auf Wanderungen inzwischen das Handy aus der Hosentasche, um Gewächse zu bestimmen. Er könne „gar nicht unbefangen durch die Gegend gehen, sondern ich gucke immer, was ich sehe“.

Verschrien unter Klimaaktivisten

In der Politik steht am Ende der Suche nicht nur die Lösung, sondern im Idealfall die Umsetzung. Für entsprechende Mehrheiten hätte er schon 2006 gesorgt, als Juniorpartner in einer von Günther Oettinger geführten schwarz-grünen Landesregierung. Die CDU entschied sich aber für die FDP. Auch vor zehn Jahren hätte sich Kretschmann als stellvertretender Ministerpräsident in einer SPD-Koalition wohlgefühlt. Aber dann lagen die Grünen gut einen Prozentpunkt vor den Sozialdemokraten, und der knorrige Ex-Studienrat startete seine Landesvater-Laufbahn. Anfangs schwärmte er mit einer Prise Ironie „fast von einer Liebesheirat“. Heute sagt er, das Regieren mit der SPD dürfe „jetzt bitte auch nicht verklärt werden“.

Jetzt, nach fünf Jahren Grün-Schwarz, will der leidenschaftliche Handwerker mit dem Lieblingswerkzeug Stichsäge seine dritte Amtszeit angehen. Ausgerechnet bei grünen Kernthemen steht er jedoch besonders unter Druck, ist regelrecht verschrien unter Klimaaktivisten als allzu industriefreundlich und beeinflusst von der Autolobby. „Der Vorwurf, dass wir in der Umweltpolitik zu langsam sind, stimmt“, bekennt Kretschmann schnörkellos, „und die Forderung, wir müssten das ändern auch – ich würde nur gerne wissen, wie.“

Ungewöhnliche Doppelbelastung

Jedenfalls schweift der Blick in diesen ersten Märztagen nicht nur nach Frühblütlern, sondern bereits nach den künftigen parlamentarischen Möglichkeiten. Vorsorglich haben die Grünen ihr Team für die angestrebten Sondierungsgespräche benannt, mit Kretschmann an der Spitze. Der sieht sich in den kommenden Wochen pandemiebedingt einer ungewöhnlichen Doppelbelastung gegenüber. Denn während er – sollten die Umfragen Realität werden – über eine neue Regierung verhandelt, muss die alte handlungsfähig bleiben, um weitere Corona-Maßnahmen umzusetzen.

Ihr Autor

BT-Korrespondentin Brigitte J. Henkel-Waidhofer

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Erstellt:
9. März 2021, 08:00 Uhr
Lesedauer:
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