Krieg, Puff und Casino: Fulminante „Pique Dame“

Baden-Baden (BT) – Ein gelungenes Spiel mit Wermutstropfen: Die Osterfestspiele in Baden-Baden starten mit Tschaikowskys „Pique Dame“ in einer fulminanten Interpretation der Berliner Philharmoniker.

Rauschendes Fest im Bordell: Für die Tschaikowsky-Oper „Pique Dame“ im Festspielhaus erfindet die Regie stimmige Bilder.  Foto: Monika Rittershaus/Festspiele

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Rauschendes Fest im Bordell: Für die Tschaikowsky-Oper „Pique Dame“ im Festspielhaus erfindet die Regie stimmige Bilder. Foto: Monika Rittershaus/Festspiele

Ein Abend, zwei Osterfestspiele, viele Zeichen und ein bitterer Beigeschmack. In Salzburg, wo die Berliner Philharmoniker bis 2012 residierten, hat am Samstag die letzte Saison mit dem Dirigenten Christian Thielemann und der Sächsischen Staatskapelle Dresden begonnen, die das Festival an der Salzach seit 2013 prägten. Mit Richard Wagners „Lohengrin“ steht zwar kein kritisches Werk auf dem Programm. Gleichwohl betont Intendant Nikolaus Bachler vor dem Hintergrund der russischen Invasion in der Ukraine, dass Haltung zwar immer gefragt sei, man den Kulturschaffenden aber zugestehen müsse, dass sie sich mit künstlerischen Mitteln äußern statt sich politisch vereinnahmen zu lassen.

Ähnlich sieht man das in Baden-Baden, wo die Berliner seit 2013 und nach fast drei Jahren pandemiebedingter Pause nun erstmals wieder ihre Osterfestspiele im Festspielhaus begehen. Doch ist der Erklärungsbedarf dort größer: Die Festspiele stehen ganz im Zeichen russischer Musik.

Der Auftakt ist eine wahre Pracht und vom Publikum entsprechend gefeiert. Kirill Petrenko, der nur noch in Baden-Baden Neuproduktionen leitet, dirigiert zum Niederknien überwältigend eine auch in der Regie gelungene Inszenierung von Peter Tschaikowskys „Pique Dame“. Petrenko, selbst Russe, hatte vorab die Invasion in der Ukraine verurteilt und eine große Spendenkampagne für ukrainische Geflüchtete protegiert. Zum russischen Repertoire, das von langer Hand geplant war, steht auch Intendant Benedikt Stampa im BT-Interview mit den Worten: „Jetzt haben wir damit in Baden-Baden einen wichtigen Beitrag für das Hochhalten der Freiheit.“ Bevor sich der Vorhang hebt, erklärt er an der Rampe: „Tschaikowsky wurde schon gespielt, da gab es Putin noch gar nicht.“

Prachtvoller Auftakt vom Publikum umjubelt

Der Teufel steckt aber im Kleingedruckten. Denn im Libretto von Modest Tschaikowsky nach der Novelle von Alexander Puschkin steht eine Passage, die momentan niemand hören will, der mit der Ukraine fühlt. Für die man aber durchaus eine Lösung oder Erklärung hätte finden können und müssen. Ungefiltert besingen marschierende Knaben in der Eingangsszene russische Kampfeslust. „Achtung! Gewehr nach vorn! Fassen am Lauf! Gewehr bei Fuss!“, so der kommandierende Junge, und weiter: „Wir sind hier alle versammelt, den russischen Feinden zur Abschreckung. Böser Gegner, hüte dich. Mach dich davon mit deinen üblen Absichten, oder unterwirf dich! Hurra!“ Das ist bitter.

Rufe der Empörung gibt es an anderer Stelle für etwas Anderes, und zwar prompt: Die Pastorale im üppig ausgestatteten rauschenden Maskenball ist fulminant. Für die sanften homophilen Szenen, die in der Inszenierung Tschaikowskys eigenes Dilemma versinnbildlichen, kassiert die Regie umgehend Buhs.

Dabei treffen Moshe Leiser und Patrice Caurier mit ihrer Inszenierung in jeder Minute den Nerv dieser Oper, die vom Spielwahn handelt und in ihrer Deutung zum Panorama des Nihilismus wird. Schnöder kann man seine Geliebte auch kaum im Stich lassen: Für einen Kick im Casino zieht der desillusionierte Hermann es vor, einer alten Gräfin das Geheimnis um drei siegreiche Karten zu entlocken und mit ihnen am Ende dann doch ins Verderben zu rennen und vorher Lisa aus dem Weg zu schaffen, statt sie zu heiraten. Arsen Soghomonyan (Hermann) mit viel Kraft und herrlich dunklem Timbre und Elena Stikhina (Lisa), die als Einspringerin für die erkrankte Elena Bezgodkova ein absoluter Glücksfall ist, sind die herausragenden Protagonisten in einer auch sonst festspielwürdigen Besetzung.

Gelungene Inszenierung trifft Nerv der Musik

Bühne und Kostüme führen ins Jahr der Uraufführung 1890 am Mariinsky Theater in St. Petersburg. Dem schon damals als repräsentatives Ausstattungsstück gedachten Werk macht das französisch-belgische Regie-Duo alle Ehre. Roter Samt und detailverliebte Kostüme (Bühne: Christian Fenouillat, Kostüme: Agostino Cavalca), stimmungsvoll ausgeleuchtet (Christophe Forey), geben dem Geschehen Glanz und einen Hauch von Erotik. Bei Leiser und Caurier wohnt Lisa nämlich im Bordell. Die Enkelin der mondänen Gräfin ist eine Prostituierte. Und gibt dem Fürsten (Boris Pinkhasovich) vor versammelter Ballgesellschaft den Laufpass.

Warum ein Fürst eine Prostituierte heiraten will? Will er gar nicht. Sein Liebesschwur geschieht hier nicht in der Öffentlichkeit, sondern auf dem Zimmer und äußert sich in sadistischem Sex. Immer wieder arbeiten Leiser und Caurier dezente Parallelen zwischen Musik und Handlung heraus. Zum Beispiel greifen sie das wunderschöne Duett von Lisa und Polina in einem homoerotischen Gute-Nacht-Kuss auf. Fantastisch harmonieren der glühende Sopran von Elena Stikhina und der süffig dunkle Mezzosopran von Aigul Akhmetshin.

Petrenko entfacht Leidenschaft

Überhaupt: Das Warten in der Pandemie hat sich gelohnt. Wie gut Kirill Petrenko und die Berliner Philharmoniker nach nun bald drei Jahren miteinander reifen, ist mit jeder Note auch und besonders in diesem Opern-Debüt zu erleben. Mal stockt der Atem, wenn Doris Soffel in der Arie der Gräfin kaum mehr als flüsternd schwermütig in alten Zeiten schwelgt („Je sens mon coeur qui bat“) und die Streicher dies mit tieftraurigem Seufzen untermalen. Dann wieder die große Geste für den süffigen Sound Tschaikowskys, mit der Dirigent und Orchester ihre Leidenschaft für diese Musik unterstreichen.

Abermals erweist sich die Karlsruher Singschule Cantus Juvenum als erste Wahl für den Einsatz von Mädchen- und Knabenchören in der Region. Eine Wucht der slawisch getränkte Klang des Slowakischen Philharmonischen Chores. Die beeindruckende Schlussszene am Spieltisch mit dem Männerchor fegt wie ein musikalischer Orkan über die Ränge. Großartig. Der bittere Beigeschmack aber bleibt.

Ihr Autor

Von unserer Mitarbeiterin Isabel Steppeler

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Erstellt:
10. April 2022, 18:15 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 41sec

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