Krimidebüt spielt im Schwarzwald

Von BT-Redakteurin Daniela Körner

Wildberg (dk) – Die Grünen Männer haben es Helena Reinhardt angetan – so sehr, dass daraus ein Krimi entstand. „Sonnwendtod“ heißt ihr erstes Buch, das in Wildberg spielt.

Krimidebüt spielt im Schwarzwald

Helena Reinhardt. Foto: Angelika Witt-Schomber

Grüne Männer spielen im neuen Schwarzwald-Krimi „Sonnwendtod“ eine tragende Rolle, ein geheimnisvoller Kreis von modernen Hexen, heidnische Bräuche und eine manipulative Persönlichkeit. Silvia Salomon heißt die 60-jährige Ermittlerin, die durch Zufall in diese Rolle gerät. Eigentlich arbeitet die Frau aus dem Ruhrgebiet an einer wissenschaftlichen Schrift über die geheimnisvollen blattumrankten Gesichter, die überall auftauchen – auch in der Klosterkirche von Wildberg. Dort will die Schriftstellerin Fotos machen – und stößt auf eine Tote. Schnell gerät die Schriftstellerin selbst unter Verdacht – und tut alles, um den Fall aufzudecken. Ihr zur Seite steht ein Journalist aus Wildberg. Für die Autorin Helena Reinhardt ist es das erste Buch.Schon beim ersten Versuch fand sie mit Emons einen Verlag, der ihren Krimi veröffentlichte. Mit dem Thema rannte die 60-Jährige bei dem Verlag offene Türen ein. Helena Reinhardt kommt selbst aus dem Ruhrgebiet und lebt inzwischen in Wildberg, dem Schauplatz ihres Krimidebüts. Sie hat sich den „Mörderische Schwestern“ angeschlossen, einem Netzwerk schreibender Frauen. Im Interview mit BT-Redakteurin Daniela Körner erzählt sie über die grünen Männer, übers Schreiben und über ihre Liebe zum Schwarzwald.

In England gibt es Literatur über die Grünen Männer

Badisches Tagblatt: Frau Reinhardt, „Sonnwendtod“ ist Ihr erstes Buch. Wie sind Sie überhaupt zum Schreiben gekommen?Helena Reinhardt: Das ist eine relativ lange Geschichte. Ich habe 2002 in England Grüne Männer entdeckt, wo ich viel in den Kirchen unterwegs war, weil mich die Architektur interessiert. In England sind Blattgesichter weit verbreitet, und dort gibt es auch Literatur darüber. Ich habe dann begonnen, mich einzulesen – auf Englisch – und herauszufinden, was dahintersteckt. Ich fand die Grünen Männer total interessant und fand, man müsste mal darüber ein Buch zu schreiben. Meine Idee war, ein Sachbuch darüber zu schreiben, auch mit Fotos. Doch irgendwann habe ich gemerkt, dass ich damit nirgendwo landen konnte. Im Jahr 2018 fragte mich dann mal eine Freundin: „Hast du mal überlegt, ein Buch zu schreiben?“ Da sind mir dann die Grünen Männer wieder eingefallen. Doch ich beschloss, einen anderen Weg zu gehen, als ein Sachbuch zu schreiben. Eigentlich sind die Grünen Männer ja prädestiniert dafür, eine Krimihandlung drumherum zu schreiben. Sie haben was Geheimnisvolles. Da kann man schön was einbringen, das auch spannend ist. Mein Ziel war aber grundsätzlich, die Grünen Männer in Deutschland bekannter zu machen.

BT: Sind diese Fratzen dann tatsächlich im Schwäbischen aufgetaucht? Haben Sie sie dort wirklich gesehen, oder sind sie Fiktion?Reinhardt: Nein, die gibt es in Deutschland auch, und zwar ganz weit verbreitet vom hohen Norden bis in den tiefen Süden – hauptsächlich in Kirchen. Den Grünen Mann vom Titel meines Buchs habe ich an einem Fachwerkhaus in Nagold fotografiert.

BT: Sind die Abbildungen der Figuren in Deutschland anders als in England?Reinhardt: Letztendlich eigentlich nicht. Man findet welche, die einfach in Stein gehauen sind, oder welche, die golden angemalt sind. Man findet gruselige und freundliche; manche stellen alle vier Jahreszeiten auf ihren Blättern dar, es gibt Darstellungen mit Tieren. Manche sind Frauengestalten, bei manchen weiß man nicht genau, ob sie eine Frau oder einen Mann darstellen. Und das habe ich sowohl in England als auch in Deutschland gefunden.

„Manchmal trifft man keinen Menschen“

BT: Was macht den Schwarzwald zu einem guten Schauplatz für einen Krimi?Reinhardt: Der Schwarzwald hat für mich etwas Urtümliches, etwas Ursprüngliches, hier im Nordschwarzwald gibt es ja nicht die ganz hohen Berge, es ist alles etwas sanfter. Es gibt viele Wälder. Ich gehe auch gerne wandern, und manchmal trifft man keinen Menschen – je nachdem, wo man entlanggeht. Ich fand einfach die Verbindung von Natur, die man hier so vorfindet, als auch die Grünen Männer als Symbole der Natur superpassend.

BT: Und wie kommen Sie auf das Thema „Hexen“?Reinhardt: Ich habe versucht, eine schlüssige Geschichte zu schreiben, in der nicht einfach zufällig ein paar Themen aufgegriffen werden. Der heidnische Glaube ist in einigen Bereichen wieder groß im Kommen. Viele, gerade auch junge, Frauen interpretieren sich selbst ja als Hexen – im guten Sinne. Sie leben eine gewisse Naturverbundenheit aus, indem sie sich in der Natur aufgehoben fühlen. Sie benutzen Kräuter, haben Rituale nach den Jahreszeiten oder nach dem Mond.

BT: Was hat Sie in den Schwarzwald verschlagen?Reinhardt: Im Grunde war die Zeit richtig. Ich habe schon seit meiner Schulzeit Freunde, die der Arbeit wegen hierhergezogen waren. Als mein Sohn angefangen hat zu studieren, da habe ich mir überlegt: „Jetzt machst du mal was ganz Neues in deinem Leben.“ Dann bin ich hierhin gegangen. Mir hat es hier immer schon gut gefallen, und ich kann auch wirklich nicht sagen, dass ich ein Großstadtmensch bin.

BT: Ihre Protagonistin Silvia Salomon ist 60 Jahre alt. In den meisten anderen Krimis sind die Heldinnen ja viel jünger. Haben Sie bewusst Ihre eigene Altersgruppe gewählt?Reinhardt: Ja, ich habe es ganz bewusst gemacht. In Krimis ist eine ganze Altersgruppe unterrepräsentiert. Manchmal gibt es zwar alte Kommissare, aber nur ganz wenig Frauen. Wenn überhaupt Frauen, dann sind diese meistens jung. Ich find das gut an der Silvia, dass sie aus einer Lebenserfahrung schöpfen kann. Sie hat schon ganz schön viel hinter sich. Es passte einfach gut, und ich finde es richtig, auch ältere Frauen nach vorne zu bringen, und dass überhaupt die ältere Bevölkerungsgruppe mal dargestellt wird. Vielleicht kennen Sie ja von Marcel Huwyler „Frau Morgenstern“. Die finde ich auch richtig gut – sie ist allerdings ganz anders als meine Silvia Salomon.

„Ich wollte auch noch etwas anderes drum herum hereinbringen“

BT: Was hat denn eine 60-Jährige außer der Lebenserfahrung noch, was eine 25- oder 35-Jährige nicht hat?Reinhardt: Man wird gelassener, weil man ganz andere Themen wichtiger findet als zum Beispiel Kindererziehung, die geleistet werden muss, oder Berufstätigkeit. Man geht anders an Sachen heran. Speziell in meinem Roman fand ich es auch gut, dass meine Protagonistin in dem Alter schon eine erwachsene Tochter haben kann. Da habe ich versucht, den Konflikt, den Mütter und erwachsene Töchter haben können, anklingen zu lassen. Ich wollte mich nicht nur auf das Krimigeschehen spezialisieren, sondern auch noch etwas anderes drum herum hereinbringen. Die Leser sollten merken: Die Figuren entwickeln sich, und man lernt sie kennen. Ich wollte das nicht so flach halten.

BT: Die manipulative Seite des Frang Günther hat sich ja im Laufe des Romans aufgerollt. Am Anfang denkt man: Er ist ein bisschen verrückt, aber ganz nett, aber schließlich entpuppt er sich als gefährlicher Charakter. Wie ist Ihnen die Idee dazu gekommen?Reinhardt: Da habe ich aus meiner eigenen Erfahrung geschöpft. Das ist kein spezieller Mensch, den ich beschreibe. Aber ich habe schon relativ intensiv mit jemandem zu tun gehabt, bei dem ich mich gefragt habe: Was will der eigentlich – und wie schafft er das, einen so an sich zu binden, ohne greifbar zu sein? Das hat auch was Faszinierendes. Da habe ich mich auch psychologisch informiert, um herauszufinden, was dabei so passiert. Ich denke, das ist für die Rolle in dem Krimi auch wirklich die richtige Persönlichkeit. Solche Sektenführer schaffen es einfach, die Menschen für ihre Zwecke zu gebrauchen. Wobei sie sich dann, wenn es brenzlig wird, versuchen, sich zu entziehen.

Charaktere wachsen beim Schreiben

.BT: Und das hat das Mordopfer ja auch versucht. Das finde ich ziemlich geschickt und frage mich, wie Sie darauf gekommen sind...Reinhardt: (lacht) Viele Charaktere und Handlungsstränge haben sich noch beim Schreiben entwickelt. Ich hatte noch kein komplett fertiges Konzept, als ich mit dem Buch anfing. Und das Schöne ist doch: Nichts ist in Stein gemeißelt. Wenn einem etwas nicht gefällt, kann man es einfach wieder umschmeißen und was Neues daraus machen.

BT: Das bedeutet: Sie sitzen am Rechner, und dann fällt Ihnen schon das Passende ein?Reinhardt: Meistens ist das so: Ich sitze am Rechner und schreibe – und bleibe irgendwann stecken. Dann gehe ich erst einmal eine Runde wandern. Dann kommen mir manchmal Ideen – die ich mir ins Handy spreche. Ich habe da so eine Diktierfunktion. Manchmal muss ich das Ganze aber auch einfach mal ein paar Tage ruhen lassen. Das Hirn denkt weiter, auch wenn Sie sich dessen nicht bewusst sind. Und dann wird man um 2 Uhr nachts wach und denkt: „Jau, das isses!“ Das ist wirklich eine erstaunliche Erfahrung, wie so etwas läuft. Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich es ein bisschen ärgerlich finde, dass ich erst so spät angefangen habe zu schreiben. Doch wahrscheinlich hätte es früher noch gar nicht funktioniert.

Helena Reinhardt: „Sonnwendtod – Schwarzwald Krimi“, Emons Verlag, 272 Seiten, 13 Euro.