Kriminalstatistik 2020: Flut von kinderpornografischem Material

Offenburg (naf) – Bei der Kriminalstatistik für 2020 kann das Polizeipräsidium Offenburg in fast allen Bereichen von besseren Zahlen sprechen. Sexualstraftaten und Cyberkriminalität nehmen jedoch zu.

Grafik: Polizeipräsidium Offenburg/Jasmin Vogt

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Grafik: Polizeipräsidium Offenburg/Jasmin Vogt

„Ein einzigartiges Jahr mit Rückgängen historischer Größe“: Polizeipräsident Reinhard Renter verwendete bedeutungsschwere Worte, als er gestern die Kriminalstatistik des vergangenen Jahres vorstellte. Die Auswirkungen der Pandemie spiegeln sich auch in den Zahlen wieder, die einen für das Polizeipräsidium Offenburg „ganz wichtigen“ Rückgang der Wohnungskriminalität verzeichnen. Sorgen bereitet dagegen der sprunghafte Anstieg der Sexualstraftaten.

Erfolgreiche Suche nach dem Schwarzwald-Rambo

Als „Highlight 2020“ bezeichnet Renter die Suchaktion des unter dem Namen Schwarzwald-Rambo bekannten Yves R.. 2.500 Polizisten suchten sechs Tage lang in 850 Hektar Wald nach dem Flüchtigen. Er konnte gefasst werden, lediglich ein Polizist wurde verletzt. Der Einsatz habe gezeigt, „dass vor allem die Zusammenarbeit mit anderen Behörden – egal ob Stadt, Jäger, THW oder Bundespolizei – funktioniert, wenn es darauf ankommt“, betont Renter.

Die Gesamtzahl der Straftaten ist 2020 um 9,1 Prozent auf insgesamt 38.907 gefallen. Dass diese über dem landesweiten Durchschnitt liegt, begründet Renter mit der grenznahen Lage. 3.400 Straftaten betreffen den Grenzübertritt, ergänzt der Leiter der Kriminalpolizeidirektion, Jörn Hinrichsen.

In Baden-Baden gibt es gegensätzlich zum landesweiten Trend einen Rückgang der Sexualdelikte, dafür hatte die Stadt mehr Fahrraddiebstähle. Der Stadtkreis sticht außerdem mit einem einzelnen Straftäter hervor, der sich für rund 1.800 Delikte verantworten muss. Eine BT-Nachfrage bezüglich Details dazu beantwortete das Präsidium mit dem Verweis auf die bevorstehende Vorstellung der Kriminalstatistik des Polizeireviers Baden-Baden.

Unter anderem auch durch diese 1.800 geklärten Straftaten ist die Aufklärungsquote mit 67,3 Prozent „eine sehr erfreuliche Zahl“, meint Renter. „Ich kann mich gar nicht zurückerinnern, dass wir sowas schon einmal hatten.“

Diebstahl: Insbesondere der Ladendiebstahl nahm durch die pandemiebedingten Schließungen ab, sowie auch der Taschendiebstahl durch den Wegfall von Festivitäten. Die Fälle sind um 20 Prozent auf 10.277 gesunken. Es kam jedoch vermehrt zu Trickdiebstählen und Fällen, in denen Geldbeutel aus Auto oder Einkaufswagen entwendet wurden.

Erfolg beim „langjährigen Schwerpunkt“

Wohnungseinbrüche: Einen weiteren positiven Trend kann man bei dem laut Hinrichsen „langjährigen Schwerpunkt“ des Präsidiums erkennen. Musste man im Vorjahr noch 544 Wohnungseinbrüche verzeichnen, so liegt die Zahl 2020 bei 369 – 32,2 Prozent weniger. Natürlich spielt auch hier das vermehrte Homeoffice eine große Rolle. Hinrichsen betont: Sicherheitsberatungen zu diesem Thema kann die kriminalpolizeiliche Beratungsstelle jederzeit durchführen.

Straftaten im öffentlichen Raum: Mit einem Minus von 7,7 Prozent sinken diese auf 19.497. Was die Sicherheit im öffentlichen Raum angeht, ist man sehr vielfältig aufgestellt, erklärt Hinrichsen: „Jedes Revier hat eigene Schwerpunkte in Absprache mit den Kommunen.“

Gewaltkriminalität: Die besonders im Lockdown oft angesprochene Zunahme der häuslichen Gewalt bleibt im Zuständigkeitsbereich der Offenburger aus. Entgegen dem landesweiten Trend sind die Zahlen diesbezüglich „eher gesunken“, sagt der Kriminalpolizist, betont jedoch, dass weniger Anzeigen nicht zwangsläufig weniger Vorkommnisse bedeuten. Die Dunkelziffer sei noch immer sehr hoch. Insgesamt kam es 2020 zu 1.045 Gewaltdelikten, das sind 9,5 Prozent weniger als im Vorjahr.

Rauschgift: Den Rückgang um 29,7 Prozent auf 2.807 Fälle erklärt Kriminaldirektor Wolfgang Jaeger mit dem „einfachen Grund, dass es 2018 und 2019 einen deutlichen Anstieg gegeben hatte“. Man habe 2020 dann zwar zehn Rauschgiftgroßhändler in Haft gebracht, trotzdem gebe es nach wie vor Handlungsbedarf.

„Ein großes Problem“

Straftaten gegen sexuelle Selbstbestimmung: „Ein großes Problem“ nennt Jaeger den „bedauerlichen Anstieg“ in dieser Kategorie. Mit einem plus von 31,1 Prozent steigt die Zahl auf 633, vor zehn Jahren waren es noch 333 Fälle. Die Aufklärungsquote beträgt zwar 87 Prozent, als „große Herausforderung“ bezeichnet Jaeger jedoch die Fälle, bei denen es um den sexuellen Missbrauch von Kindern geht.

Auch bei der Kinderpornografie erlebt das Präsidium eine „richtige Welle“. Fast wöchentlich habe man etliche neue Fälle auf dem Tisch, dabei gehe es nicht nur um die Verbreitung von Videos, sondern auch um direkte Missbrauchsfälle. Zur Aufarbeitung hat man nun eine Ermittlungsgruppe eingerichtet.

Für Aufsehen in Offenburg sorgt außerdem, wie die Beamten vermuten, ein einzelner Exhibitionist, der für rund 20 Strafanzeigen verantwortlich ist.

Vermögens- und Fälschungsdelikte: Meistens betroffen sind laut Jaeger „gutgläubige Opfer, die besonders schützenswert sind“. Zwar gibt es mit den 8.280 Fällen einen „erfreulichen Rückgang“ von 12,5 Prozent, jedoch will das Präsidium hier weiterhin einen Schwerpunkt setzen. Vor allem Rentner werden mit Anrufen von vermeintlichen Verwandten gelockt. Auch Anrufe zu angeblichen Corona-Impfterminen sollen ihnen Geld aus der Tasche ziehen. Ein anderes Phänomen sind Liebespartner, die den Opfern Summen zwischen 20.000 und 100.000 Euro entlocken. Da die meisten Strippenzieher sich im Ausland befinden, ist es „sehr schwierig, da ranzukommen“, so Jaeger.

Cyberkriminalität: Vorwiegend Sexualdelikte aber auch Bedrohungen übers Netz und Hasspostings nehmen zu. Während Baden-Württemberg ein Plus von 16 Prozent verzeichnet, präsentieren die Offenburger Beamten zehn Prozent mehr Fälle und damit 1.754. Besonders erfolgreich sind E-Mails mit der Drohung, dass der Absender „brisante Daten“ auf dem Computer des Empfängers entdeckt habe und Geld fordere, um sie zu löschen. Jaeger weiß: „Hier wird bereitwillig gezahlt.“

Gewalt gegen Polizeibeamte: Wie Renter betont, handle es sich bei den 364 Fällen (plus zehn Prozent) nicht um Beleidigungen, sondern um tatsächliche Gewalt. In Baden-Württemberg beträgt die Zunahme lediglich drei Prozent.

Tatverdächtige: Von 18.303 Tatverdächtigen haben 8.792 nicht die deutsche Staatsangehörigkeit. Viele dieser Straftaten gehen lediglich auf illegale Grenzübertritte zurück und haben damit weniger Auswirkung auf das Sicherheitsgefühl, so Renter. Bei 4.236 Tätern handelte es sich um Asylbewerber.

Schwerpunkte 2021: Neben der Sicherheit im öffentlichen Raum bleiben Anrufstraftaten und die Eigentumskriminalität im Fokus der Beamten. Auch auf Sexualdelikte im öffentlichen Raum sowie die Eindämmung der häuslichen Gewalt wolle man sich konzentrieren, um dem hohen Dunkelzifferbereich entgegenzuwirken.

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