Kritik an Windkraft-Plänen für den Staatswald

Baden-Baden (vn) – Der Bau von Windrädern im Staatswald soll forciert werden. Eine zweite Tranche mit Ausschreibungsflächen ist für Februar vorgesehen. Bei Naturschützern wächst der Widerstand.

Der Wald muss Abstand halten: Blick auf den Fuß eines Windrads auf dem Kandrich im Hunsrück. Foto: Volker Neuwald

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Der Wald muss Abstand halten: Blick auf den Fuß eines Windrads auf dem Kandrich im Hunsrück. Foto: Volker Neuwald

Das Land hat sich verpflichtet, im Laufe der Legislaturperiode 1.000 neue Anlagen aufzustellen, um bei der Windkraft aufzuholen. In einer ersten Tranche hat sich die Landesregierung auf fünf Flächen im Staatswald geeinigt, wo auf einer Fläche von 1.870 Hektar bis zu 90 Windräder gebaut werden sollen. 40 Firmen haben sich beworben. 1.370 Hektar liegen im Altdorfer Wald im Kreis Ravensburg. Inwieweit bei der zweiten Tranche der Schwarzwald tangiert ist, ließ ein Sprecher offen.

Um die biologische Vielfalt zu erhalten, setzt die Landesregierung ein Sonderprogramm mit vielen detaillierten Maßnahmen um. Zugleich will sie mit den neuen Windrädern den Ausbau erneuerbarer Energien forcieren. Einerseits also enorme und teure Anstrengungen für den Artenschutz, während andererseits der Wald an zahlreichen Stellen aufgerissen werden soll. Wie passt das zusammen?
Gar nicht – folgt man der Argumentation des Biologen und Naturschutzethikers Wolfgang Epple. Er nutzt das Wort „Aufreißen“, um vor verheerenden Begleiterscheinungen zu warnen, die der Bau solcher Anlagen im Wald mit sich bringt.

Zerstörung des Waldbodens

Die Staatswälder werden im Auftrag des Volkes und für das Volk verwaltet, wird Epple grundsätzlich. Sie müssten daher im besten Sinne für das Gemeinwohl gepflegt werden. „Die rechtliche Befugnis (...) umfasst sicher nicht deren Rodung zum Zweck einer Industrialisierung mit inzwischen 250 Meter hohen Kolossen aus Stahl, Kunststoff und Beton, die Zerstörung des Waldbodens durch gigantische Fundamente sowie die Störung der Lebensräume und Tötung Abertausender Wildtiere.“ Neben der Rodung hinterlasse das „Ertüchtigen“ von Forststraßen für schwere Transportfahrzeuge dauerhafte Schäden. Nicht recyclingfähige Baustoffe können das Ökosystem Wald schädigen, die Gefährdung des Grundwassers durch Betriebsstoffe sei nicht auszuschließen.

Epple ist gebürtiger Esslinger, Jahrgang 1953, und lebt im Bayerischen Wald. Er beschäftigt sich nach eigenen Angaben seit 50 Jahren mit der Bewahrung der Natur und gilt nicht nur in Fachkreisen als streitbar. Laut Vita war er unter anderem langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter und später Landesgeschäftsführer des NABU Baden-Württemberg, als der Verein noch Deutscher Bund für Vogelschutz hieß.

Im Stuttgarter Forstministerium teilt man die Kritik nicht. Pro Windrad seien es im Durchschnitt dauerhaft knapp 0,5 Hektar Wald, die es zu kompensieren gelte. Hinzu kämen Flächen, die temporär für Baumaßnahmen in Anspruch genommen werden müssten. „Insgesamt halten sich die Belastungen für den Wald in absolut vertretbaren Grenzen“, wird Minister Peter Hauk (CDU) zitiert.

Dichtes Kronenwerk von großer Bedeutung

Dem widerspricht Epple und betont die Vorteile intakter Wälder, was zahllose nationale und internationale Studien bestätigt hätten: Sie sind Lebensraum für eine schier unermessliche Vielfalt von Pflanzen und Tieren, dienen der Luftreinhaltung, der Frischluftanreicherung, dem Schutz des Bodens und der Trinkwasser-Reserven. Ganz wichtig auch: die Klimafunktion. „Ein dichtes Kronenwerk hat positive Auswirkungen auf das Mikroklima der Wälder. Im Wald bleibt es kühler.“ Wälder würden erheblich zum Ausgleich von Temperatur-Extremen beitragen. Das Aufreißen oder Zerstückeln geschlossener Wälder sei nicht nur für die Artenvielfalt schädlich, sondern auch mit Blick auf die Klimaschutzfunktion.

Im Stuttgarter Umweltministerium müssten diese Sachverhalte bekannt sein, doch Kritik an den Windrad-Plänen im Staatswald hat man von dort bislang nicht gehört. „Mir ist ganz wichtig, dass wir beim Ausbau der erneuerbaren Energien den Klimaschutz nicht gegen den Naturschutz ausspielen“ sagte Ministerin Thekla Walker (Grüne) bei den Naturschutztagen von NABU und BUND dieser Tage in Radolfzell. „Wir müssen beide große Krisen unserer Zeit in den Griff bekommen, den Klimawandel und den Erhalt unserer biologischen Vielfalt.“

Die beiden Verbände pochen darauf, dass Artenschutzbelange bei den Planungen nicht unter die Räder kommen dürfen. Ob sie sich im konkreten Einzelfall gegen die Interessen der Anlagenbetreiber durchsetzen können, bleibt abzuwarten.

Immerhin haben sie in Radolfzell einen Kompromissvorschlag vorgelegt: Die Rückkehr zu einer landesweiten Planung von Vorranggebieten für Windenergie auf übergeordneter Ebene. „Es ist bekannt, dass etwa zwei Prozent der Landesfläche ausreichen würden, um die Ausbauziele zu erreichen. Auf diesen zwei Prozent sollte dann auch schneller und unkomplizierter geplant und gebaut werden können. Außerhalb dieser zwei Prozent sollten Windenergieanlagen allerdings tabu sein“, fordert Sylvia Pilarsky-Grosch vom BUND. Die zwei Prozent sollten vorrangig dort gesucht werden, wo möglichst viel Wind weht und wo im Vergleich die geringsten Konflikte mit dem Natur- und Artenschutz zu erwarten sind.

www.wolfgangepplenaturschutzundethik.de

Ihr Autor

BT-Redakteur Volker Neuwald

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Erstellt:
13. Januar 2022, 20:00 Uhr
Lesedauer:
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