Kritiker fühlen sich in ihren Prognosen bestätigt

Rastatt (BNN) – Die Geburtsstation im Rastatter Krankenhaus bleibt geschlossen. Nach dieser Entscheidung des Kreistags wird nun viel Kritik und auch Enttäuschung laut.

Blick in die Kristallkugel: Anja Lehnertz (links) beim Protest gegen die Kreißsaalschließung im vergangenen Juni in Rastatt. Sie warnte schon damals vor einer düsteren Zukunft für den Standort. Foto: Swantje Huse/BNN/av

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Blick in die Kristallkugel: Anja Lehnertz (links) beim Protest gegen die Kreißsaalschließung im vergangenen Juni in Rastatt. Sie warnte schon damals vor einer düsteren Zukunft für den Standort. Foto: Swantje Huse/BNN/av

Joachim Fischer ist am Tag nach der Entscheidung nicht nach Lachen zumute: „Das war ein schlechter Tag für Rastatt.“ Mit diesen Worten kommentiert der Rastatter SPD-Stadtrat den Beschluss des Kreistags, die Geburtshilfe des Klinikums nicht wiederzueröffnen. Als damaliger Fraktionsvorsitzender hatte sich Fischer im Juli 2020 dafür stark gemacht, dass das Gremium eine Resolution für den Erhalt des Standorts verabschiedet. Doch eine deutliche Mehrheit lehnte das mit dem Argument ab, dass zu diesem Zeitpunkt zu wenig Fakten bekannt waren.

Fischer fühlt sich durch die Entwicklung bestätigt. Er warnte bereits damals: „Wir haben Sorge, dass die Sargnägel bereits geschliffen werden – und eingeschlagen, wenn wir keinen Widerstand organisieren.“ Doch statt breitem politischen Widerstand herrschte zumindest im Kreistag am Dienstag politischer Konsens. Bis auf Linken-Kreisrat Dieter Balle stimmten alle Mitglieder für die endgültige Schließung der Station, die bereits seit März 2020 nicht mehr in Betrieb ist.

Auch Fischers Genossen der SPD hoben bei der Abstimmung alle die Hand. Er selbst ist nicht Mitglied des Kreistags, dafür aber die beiden Rastatter SPD-Stadträte Jonas Weber und Laura Bader, die jedoch in der Sitzung fehlten.

Kritik an der Informationspolitik

Weber hatte sich in der Vergangenheit ebenfalls klar für den Erhalt des Kreißsaals positioniert. Der Landtagsabgeordnete ließ sich aus beruflichen Gründen für die Sitzung entschuldigen. Er sagt: „Ich hätte nicht zugestimmt.“ Seine Fraktionskollegen will er für deren Votum aber nicht schelten. Die Argumente der Verantwortlichen des Klinikums Mittelbaden seien durchaus nachvollziehbar. Allerdings übt auch Weber wie andere Kreisräte Kritik an der Informationspolitik: „Wenn die Fakten stimmen, dann hätte man diese Entscheidung auch schon vor drei oder vier Jahren treffen können.“

An diesen Fakten zweifelt nach wie vor Anja Lehnertz vom Verein Motherhood. Die Hebamme engagierte sich gemeinsam mit weiteren Mitstreitern gegen die Schließung und stellte unter anderem im Juni vergangenen Jahres im Vorfeld einer Sitzung des Kreistags eine Kundgebung vor der Badner Halle auf die Beine.

Seit Oktober schien der Weg vorgezeichnet

Vor der entscheidenden Abstimmung am Dienstag gab es allerdings keinen Protest mehr. „Wir haben versucht, alles zu mobilisieren, aber auch durch Corona sind die Menschen müde geworden“, sagt sie. Darüber hinaus habe sich schon nach einer Infoveranstaltung im Oktober in der Veranstaltungshalle in Kuppenheim abgezeichnet, dass die Schlacht geschlagen ist.

Dort hatten die Verantwortlichen des Klinikums erstmals die Argumente öffentlich auf den Tisch gelegt, die aus ihrer Sicht für die Schließung sprachen. Unter anderem führte der medizinische Geschäftsführer Thomas Iber an, dass die Versorgungssicherheit für Mütter und Kinder in größeren Geburtshilfen besser sei. Das gesundheitliche Risiko steige, je kleiner die Station.

Lehnertz hat sich nach eigener Aussage die entsprechende Studie genau angesehen. Diese werde in ähnlichen Situationen auch anderorts immer wieder von Verantwortlichen zitiert. „Damit wird arg Angst geschürt“, sagt sie. Die Aussage sei nur die halbe Wahrheit. Die Studie sage auch, dass das Risiko nicht höher sei – wenn nur das Personal entsprechend geschult ist. Lehnertz‘ Fazit: „Es liegt nicht an der Größe, sondern an den Umständen.“

Kommentar: Frechheit

Von Holger Siebnich

Das Ende war längst absehbar. Die Entscheidung des Kreistags, den Kreißsaal im Klinikum Rastatt dauerhaft zu schließen, ist keine Überraschung. Überraschend war allenfalls die Geschlossenheit, mit der die Mitglieder des Gremiums ihr Urteil fällten. Nur ein Kreisrat stimmte gegen die Empfehlung des Aufsichtsrats des Klinikums.
So harmonisch, wie das Abstimmungsergebnis vermuten lässt, verlief die Debatte allerdings nicht. In der Sache waren sich die Fraktionssprecher zwar weitgehend mit den Verantwortlichen des Klinikums einig, trotzdem hagelte es berechtigte Kritik. Die Informationspolitik des Klinikums seit der Schließung des Kreißsaals im März 2020 war eine Frechheit. Trotz vieler kritischer Nachfragen beharrten die Verantwortlichen auf dem immer unglaubwürdigeren Standpunkt, die Schließung sei nur temporär und Corona geschuldet. Dabei sind die Hauptargumente, den Standort dichtzumachen, unabhängig von der Pandemie und lagen schon längst auf dem Tisch. Die Hinhaltetaktik ist umso unverständlicher, da die Argumente inhaltlich plausibel sind. Im Klinikum in Baden-Baden-Balg ist erst vor Kurzem die neue Geburtshilfe mit fünf Kreißsäle eröffnet worden. Wer Gelegenheit hatte, die moderne Station zu besichtigen, zweifelt nicht daran, dass das Personal dort in der Lage ist, Mütter und Kinder aus ganz Mittelbaden zu versorgen. Mit diesem Pfund hätte das Klinikum wuchern können, anstatt die Öffentlichkeit für dumm zu verkaufen.

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Holger Siebnich

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Erstellt:
16. Dezember 2021, 08:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 26sec

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