Kubas Hauptstadt Havanna: Stadt der Gegensätze

Havanna (nie) – In Kubas Hauptstadt ist die Geschichte des Landes stets präsent. Nina Ernst hat Havanna 2018, lange vor der Corona-Pandemie, besucht und hat dort so manche Lebensgeschichte entdeckt.

Oltimer stehen vor dem José-Martí-Denkmal. Foto: Nina Ernst

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Oltimer stehen vor dem José-Martí-Denkmal. Foto: Nina Ernst

Schritt für Schritt geht es voran, rund eine Stunde läuft man zu Fuß von Havannas westlichstem Stadtteil Vedado in die Altstadt (Habana Vieja). Und was das für eine Stunde ist: Entlang am Malecón, der Uferpromenade der beeindruckenden Hauptstadt Kubas. Links der Atlantik, rechts die Stadt. Moderne, schöne, große Hotels wechseln sich ab mit heruntergekommenen Kolonialgebäuden, bröckelnden Häuserfassaden und Bauschutt auf der Straße.

Der Spaziergänger setzt seine Füße nicht etwa auf einen bestens asphaltierten Weg. Nein, in Sandalen fühlt es sich an, als würde man barfuß gehen. Schlaglöcher, Unebenheiten, spitze Steine. Je näher man der Altstadt kommt, umso besser wird der Belag. Der Atlantik tobt, immer wieder treten hohe Wellen über die Mauer, der Malecón wird nass. Und mit ihm manches Mal auch die kleinen Gruppen, die dort vor sich hin musizieren und singen – wie an gefühlt jeder Ecke auf der Insel. Entlang des Wegs finden sich außerdem unzählige Fischer ein, überall werfen sie ihre Angeln aus. Sie stehen auf der Mauer oder auf den Steinen direkt im Wasser. Einige lächeln freundlich, andere sind viel zu konzentriert, als dass sie die Fußgänger wahrnehmen.

Der Malécon (Uferpromenade) ist ein beliebter Treffpunkt. Foto: Nina Ernst

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Der Malécon (Uferpromenade) ist ein beliebter Treffpunkt. Foto: Nina Ernst

Wahrnehmen – das Schlagwort für Havanna. Denn „La Habana“ (spanisch), und überhaupt ganz Kuba, ist einfach mit allen Sinnen wahrzunehmen, um richtig eintauchen zu können in das karibische Feeling. Verlässt man sich auf seine Augen, fällt auf, wie bunt Havanna ist. Das liegt auf jeden Fall, aber längst nicht nur, an den unzähligen farbenfrohen Oldtimern – rot, lila-metallic oder türkisfarben. Jeder findet seine Lieblingsfarbe. Sie sind nicht nur ein Klischee von Postkarten und Fotos – sie sind überall. Mit ihnen schmücken sich die Kubaner nicht etwa aus Spaß, sie müssen sie hüten wie ihre Augäpfel. Ersatzteile seien durch das US-Embargo nur schwer zu bekommen, ein neues Auto könnten sich nur die allerwenigsten Kubaner leisten.

Das „Capitolio“ ist ein beeindruckendes Gebäude im Herzen Havannas. Foto: Nina Ernst

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Das „Capitolio“ ist ein beeindruckendes Gebäude im Herzen Havannas. Foto: Nina Ernst

Das weiß Juan zu erzählen. Wenn man Glück hat, dann trifft man auf einen Stadtführer der Extraklasse wie ihn. Und eine Stadtrundfahrt mit dem 70-Jährigen in seinem grasgrünen 1955er Opel Olympia wird zu einer unglaublichen Zeitreise. Denn Juan muss es wissen: Der auf Kuba Geborene erlebte die größten Veränderungen der jüngeren Geschichte des Inselstaats hautnah mit. Mit Juan geht es vorbei an bunten Häusern und belebten Straßen zum großen „Plaza de la Revolución José Martí“ im Westen Havannas. Auch er habe auf dem weitläufigen Platz als kleiner Junge gestanden, als Fidel Castro dort vor dem José-Martí-Denkmal zu Zeiten des Umbruchs in den 1950er und 1960er Jahren seine stundenlangen Reden hielt. Die Menschenmassen hätten dem Regen, der Kälte, der Hitze getrotzt, um ihn, den damaligen Revolutionsführer und Regierungschef, sprechen zu hören, erzählt Juan. Heute prägen riesengroße Bildnisse der Revolutionäre Ernesto „Che“ Guevara und Camilo Cienfuegos zwei Fassaden der Gebäude, die den Platz beschließen.

Che Guevara ist in Kuba allgegenwärtig. Foto: Nina Ernst

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Che Guevara ist in Kuba allgegenwärtig. Foto: Nina Ernst

Überhaupt ist Ches Abbild allgegenwärtig. Auf Taschen, Fahnen, T-Shirts sowie an Brückenpfeilern. Dagegen findet man Fidel und Raul Castro, Camilo Cienfuegos und andere wichtige Personen, die 1959 den Kommunismus ins Land brachten und die Diktatur des Herrschers Fulgencio Batista beendeten, kaum im Stadtbild. Warum? Zwar sind überall Sprüche und Banner zu sehen, die die Revolution loben und preisen. Aber es sei Che, dessen verträumtes charismatisches Gesicht die Touristen sehen wollten, meint Juan. Alles Merchandising.

Das „Capitolio“ ist ein beeindruckendes Gebäude im Herzen Havannas. Foto: Nina Ernst

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Das „Capitolio“ ist ein beeindruckendes Gebäude im Herzen Havannas. Foto: Nina Ernst

Zurück im Zentrum Havannas sticht das große „Capitolio“ ins Auge. Nicht nur der Name des Natursteingebäudes erinnert an das Bauwerk in Washington, auch sein Aussehen – wurde es doch auch nach amerikanischem Vorbild im Jahr 1929 errichtet. „Aber größer“, merkt Juan nicht ohne Stolz an. Während das Kapitol Anfang 2017 nach jahrelangen Renovierungsarbeiten wieder für Besucher eröffnet wurde, fristen unzählige andere Gebäude in den belebten Straßen der Stadt ein trostloses Dasein. Juan zeigt hier und dort aus dem Fenster seines „Oldies“ und deutet auf ehemalige ehrwürdige Hotels, die längst zerfallen sind. So ergibt sich ein Flickenteppich sondergleichen – aus kunterbunten Häuschen und Ruinen.

In den engen Gassen von Havannas Altstadt bestätigt sich ein weiteres Bild, das beim Gedanken an Kuba unweigerlich in den Köpfen vieler Menschen ist: Zigarren und Rum sind nicht nur in der Zweimillionen Stadt, sondern auch im ganzen Land allgegenwärtig. Männer, die ihre Zigarren lässig im Mundwinkel hängen haben? Ja, überall. Mittags einen Mojito? Warum nicht! Wenn sich eins in den fast immer nahezu leer gefegten Regalen in Supermärkten findet, dann sind es Rum-Flaschen.

Auf dem Plaza Vieja in Havannas Altstadt ist zu jeder Zeit etwas los. Foto: Nina Ernst

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Auf dem Plaza Vieja in Havannas Altstadt ist zu jeder Zeit etwas los. Foto: Nina Ernst

In den engen Gassen der Altstadt, wo sich zu jeder Tages- und Nachtzeit Touristen und Einheimische tummeln (Im Rahmen des Throwback Thursday, einer Reihe des BT-Instagram-Teams, haben wir den Artikel aus dem Archiv gekramt, Anm. d. Red.), stößt man aber nicht nur auf die zutreffenden Klischees. Es sind auch Lebensgeschichten von Menschen, die dort zu entdecken sind.

So spricht einen plötzlich ein Eisverkäufer an der Ecke des belebten Platzes Plaza Vieja an. Zwischen Livemusik, Touristen, Souvenirshops und Restaurants steht der 32-jährige Héctor und erklärt in perfektem Deutsch: „Kommunismus ist scheiße.“ Er kann es laut sagen, kein Einheimischer versteht es, auf Spanisch würde er es allerdings nicht laut aussprechen.

Héctor hat studiert, ist Psychologe, kennt die politische Lage in Deutschland, liebt Madonna, Katie Perry und am meisten Taylor Swift, spricht Englisch, Deutsch, Russisch und Spanisch – und hat einen Traum: Raus aus Kuba, etwas aus seinem Leben machen, etwas erreichen. Für seine Fähigkeiten belohnt werden. Héctor redet sich in Rage: Als Psychologe könne er nicht überleben. Ebenso wie ein Arzt verdiene er rund 50 CUC (50 US Dollar) im Monat. Zum Leben reiche das nicht, selbst wenn er durch das kubanische Recht keine Miete zu zahlen habe, Essen für wenig Geld über Essensmarken kaufen könne, nichts für Gesundheitssystem und Bildung zahlen müsse. Zu Geld komme man nur im Tourismusgeschäft, durch Trinkgelder lasse sich der ein oder andere Traum erfüllen, viele andere bleiben Träume.

Lebensfreude findet Ausdruck in der Musik

Eine Straße weiter sitzt der 36-jährige Alex in seinem Souvenir-Shop. Der gelernte Chemieingenieur spricht Spanisch, Französisch und Englisch. Er war schon in Nürnberg auf Geschäftsreise – aber das sei Vergangenheit. Damit er sich um seine Frau und seine kleine, eineinhalb Jahre alte Tochter kümmern könne, brauche er Geld – und das mache er nur in den Gassen von Havanna.

Havanna ist geprägt von Gegensätzen – nicht nur baulichen. Auf der einen Seite haben die Kubaner viel Lebensfreude, die in der Musik ihren Ausdruck findet. Im Restaurant, auf der Straße, am Strand – zu jeder Gelegenheit machen oder hören die Menschen Musik. Sie singen, spielen und: tanzen. Alleine, Mann mit Mann, Frau mit Mann, noch in den Kinderschuhen oder gezeichnet vom Alter: Alles tanzt Salsa. Auf der anderen Seite stecken hinter den fröhlichen Gesichtern oft traurige Geschichten. Es scheint, als singen und tanzen die Kubaner ihre Sorgen weg.

Die Oldtimer sind nicht nur ein Klischee von Postkarten und Fotos. Die Kubaner hüten sie wie ihre Augäpfel. Foto: Nina Ernst

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Die Oldtimer sind nicht nur ein Klischee von Postkarten und Fotos. Die Kubaner hüten sie wie ihre Augäpfel. Foto: Nina Ernst


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