Kümmern kann vor Schlaganfall schützen

Gernsbach (ueb) – Zum bundesweiten „Tag gegen den Schlaganfall“ am 10. Mai unterstreicht Neurologe Dr. Christian Wolf die Bedeutung einer heimatnahen Reha.

Dr. Christian Wolf, Chefarzt der Fachklinik für Neurologie des Gernsbacher Reha-Zentrums Mediclin. Foto: Jörg Wilhelm

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Dr. Christian Wolf, Chefarzt der Fachklinik für Neurologie des Gernsbacher Reha-Zentrums Mediclin. Foto: Jörg Wilhelm

2021 steht der bundesweite „Tag gegen den Schlaganfall“ heute unter einem besonderen Motto: „Erst einsam, dann krank – Kümmern schützt vor Schlaganfall“. Aus diesem Anlass nahm sich der Chefarzt der Fachklinik für Neurologie des Gernsbacher Reha-Zentrums Mediclin, Dr. Christian Wolf, Zeit für ein Gespräch mit dem Badischen Tagblatt.

„Die Pandemie führt in vielen Situationen zu Einsamkeit und beeinflusst somit unser Wohlbefinden und unser Verhalten. Ganz bestimmt entstehen dadurch auch Situationen, in denen beispielsweise zu spät auf die Schlaganfallsymptome reagiert wird“, sagt Wolf. Deshalb sei es umso wichtiger, auch zunächst kleine Symptome (Seh- und Sprachstörungen, Lähmung und Taubheitsgefühl, Schwindel mit Gangunsicherheit, starker Kopfschmerz) ernst zu nehmen und den Notruf (112) zu verständigen.

„Bei der Akutbehandlung des Schlaganfalls“, so Wolf weiter, „zählt jede Minute.“ Denn bereits nach wenigen Stunden seien die Schlaganfallfolgen nicht mehr rückgängig zu machen, dauerhafte Behinderungen könnten eintreten. Dafür seien in Deutschland sehr effektive und flächendeckende Versorgungsstrukturen geschaffen worden, um die Schlaganfallbehandlung zu optimieren.

„Wichtig für die Akutbehandlung ist die standortnahe Versorgung“

Wichtig für die Akutbehandlung sei standortnahe Versorgung ohne lange Transportwege. Unumgänglich dabei sei die Nähe zu „Stroke Units“, auf die schnelle Behandlung von Patienten mit Schlaganfall oder Verdacht darauf spezialisierte Abteilungen eines Krankenhauses. Diese Schlaganfallstationen sicherten ein umfangreiches und leistungsfähiges medizinisches Angebot zur Notfallbehandlung, zur Klärung von Diagnosen, Durchführung von Eingriffen.

Dennoch treten viele Herausforderungen erst dann auf, wenn der Betroffene nach Akut-Behandlung die Klinik verlassen kann, um baldmöglichst wieder in sein gewohntes Umfeld zurückkehren zu können. Hier seien die Rehabilitationskliniken besonders wichtig. Die Rehabilitation diene der Behandlung der schlaganfall-bedingten Behinderungen. Die Betroffenen sollen optimal auf die Rückkehr in Alltag und Beruf vorbereitet werden. Und auch unterstützende Angehörige müssen auf ihre neuen Aufgaben vorbereitet werden. Rehabilitationsangebote werden sowohl in Ballungszentren als auch in ländlichen Regionen benötigt.

„Wichtig ist aber“, so Wolf, „dass eine neurologische Rehaklinik mit nahe gelegenen Akutkrankenhäusern gut vernetzt ist. Zum einen ermöglicht das die heimatnahe Behandlung, zum anderen kann sich die Notwendigkeit einer erneuten Akutbehandlung und damit erneuter Krankenhauseinweisung ergeben.“ Und dazu ergänzend: „Die fachärztliche Weiterbehandlung und insbesondere die Reha sollten dabei möglichst heimatnah erfolgen, damit Patienten nicht aus ihren sozialen Netzwerken gerissen werden.“ Für 69 Prozent der Patienten, die 2020 für ihre Rehabilitation nach Gernsbach kamen, treffe das in besonderer Weise zu: Sie haben im Murgtal, im Landkreis Rastatt und dem Stadtkreis Baden-Baden ihren Wohnsitz.

Und nun Corona. Dr. Wolf, auf Besonderheiten in Pandemie-Zeiten angesprochen: „Für uns ergeben sich für die Aufrechterhaltung aller notwendig medizinischen Maßnahmen vielfältige Hürden. Der Hygieneaufwand ist groß. Mitarbeiter haben hierdurch viele zusätzliche Aufgaben.“ Der Personalausfall aufgrund von Corona-Fällen oder Kontaktisolierung sei hoch, manche Verlegungen könnten nicht mehr spontan, sondern nur nach vorheriger Virus-PCR, erfolgen. Vor allem die Patienten seien durch die Kontaktbeschränkungen, Besuchsverbote und das Einhalten von Hygienevorschriften stark belastet.

Besuche unterliegen strengen Regeln

Trotz strenger Besucherregelungen ermöglicht die Gernsbacher Klinik in besonderen Fällen persönliche Kontakte vor Ort und bietet Unterstützung hinsichtlich Telefonaten mit Angehörigen. Darüber hinaus wolle sie mit Hilfen für Patienten und Angehörige durch Sozialdienst und Psychologen dazu beitragen, dass das Gefühl der Einsamkeit nicht zwangsläufig in Krankheit mündet. Diese Aufgabe bleibe nach Beendigung des Klinik-Aufenthalts bestehen. Nach Wochen aus der Gemeinschaft nach Hause entlassen, führen der Verlust an Mobilität und Sprachstörungen manchmal dazu, sich zurückzuziehen. Daher sollten Schlaganfall-Betroffene Angebote, Einsamkeit zu verhindern, nutzen, um das Risiko für Folge-Schlaganfälle zu reduzieren.


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