Künftige Studentin als Lebensretterin

Baden-Baden (mi) – Die angehende Medizinstudentin Nadia Popovici hat dem Eishockey-Zeugwart der Vancouver Canucks, Brian Hamilton, das Leben gerettet. Mit einer Krebs-Ferndiagnose im Eisstadion.

 Nadia Popovici (links), Fan der Seattle Kraken, macht Brian „Red“ Hamilton auf dessen krebsartigen Leberfleck in seinem Nacken aufmerksam: Foto: Ted S. Warren/dpa

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Nadia Popovici (links), Fan der Seattle Kraken, macht Brian „Red“ Hamilton auf dessen krebsartigen Leberfleck in seinem Nacken aufmerksam: Foto: Ted S. Warren/dpa

Wer weit unten sitzt, ist ganz nah dran. Und bekommt fast alles mit. Jubelschreie, Wutausbrüche, Gestik und Mimik der Spieler und Trainer. Wer im Eishockey direkt hinter der Plexiglasscheibe sitzt und vor sich die gegnerische Bank hat, hat den vollen Überblick und offenbart seine Missgunst gegenüber dem Gästeteam gerne auch drastisch. „Fuck you, you bastards“, wird da gerne kraftmeierisch der Bank verbal entgegengeschleudert oder gar plakativ auf einem Transparent die Missgunst offenbart – damit es auch keiner überhört.
Brian Hamilton ignorierte im Oktober beim ersten Heimspiel des neuen NHL-Expansionsteams Seattle Kraken zunächst das entgegengestreckte Display des Smartphones einer jungen Frau mit Maske. Was will die mir wohl mitteilen, dachte sich der Zeugwart der Vancouver Canucks im ersten Moment, zumal sie auch noch ein Kraken-Trikot trug. So würdigte er sie beim Verlassen der Bank nach dem Eröffnungsdrittel keines Blickes.

Doch Nadia Popovici ließ nicht locker, immer wieder wedelte sie mit ihrem Handy, und irgendwann hatte sie trotz des Lärmpegels in der Riesenarena ihr Ziel erreicht: Hamilton nahm sie bewusst wahr. Was der 47-jährige Betreuer, der seit fast zwei Jahrzehnten treu seinen Dienst im Namen der Canucks verrichtet, nicht wissen konnte: Das junge, aufsässige Fräulein rettete gerade sein Leben. Denn was sie ihm in fetten, farbigen Buchstaben auf ihrem Handy mitteilte, war nicht etwa, dass er und sein Tross aus dem schönen Vancouver sich zum Teufel scheren solle, sondern dass sie beim Blick auf seinen Nacken ein seltsames Muttermal mit einer schwarzen Farbe erspähte und sie ihm deshalb die Textnachricht zukommen ließ: „Das Muttermal ist eventuell Krebs. Bitte gehen Sie zum Arzt.“

„Das sieht seltsam aus“

Hamilton hatte im Eifer des Gefechts zunächst Besseres zu tun: „Ich zuckte nur mit den Schultern und machte weiter.“ Trinkflaschen, Handtücher, neue Schläger an die Stars verteilen. Am nächsten Morgen beim Frühstück erinnerte sich der Betreuer an die Nachricht und bat seine Frau, einen Blick auf seinen Hals zu werfen. „Das sieht seltsam aus“, bestätigte die Gattin. Canucks-Teamarzt Jim Bovard führte eine Biopsie durch. Danach wurde bestätigt, was Popovici mit Argusaugen aus vier Metern Entfernung hinter Glas sogleich diagnostiziert hatte: „Wow, wenn es jemals ein perfektes Bild eines malignen Melanoms gab, dann war es das: die unregelmäßigen Ränder, die erhabene Oberfläche, die Verfärbung, der große Durchmesser.“

Wobei an dieser Stelle zu erwähnen sei, dass die forsche junge Lady, die sich wie ihre Mutter für Eishockey begeistert, nicht etwa als erfahrene Ärztin arbeitet, sondern ein Medizinstudium überhaupt erst im Sommer aufnehmen will. Als fleißige, ehrgeizige angehende Frau Doktor hatte sie bislang ehrenamtlich in Krankenhäusern gearbeitet, unter anderem in der Onkologie. Zum Glück für Hamilton waren die Krebszellen noch nicht in seine untere Hautschicht vorgedrungen, als das Melanom entfernt wurde.

„Aus loderndem Feuer geholt“

„Sie hat mir das Leben gerettet. Ich weiß nicht, wie sie es erkannt hat. Das Ding war so klein, und ich habe eine Jacke getragen. Sie hat mich nicht aus einem brennenden Auto gezogen, aber sie hat mich aus einem langsam lodernden Feuer geholt“, erklärte der Familienvater, den wegen seiner rötlichen Hautfarbe alle „Red“ nennen, fast poetisch. Und wusste nur zu gut, was die schicksalshafte Plexiglas-Bekanntschaft für ihn bedeutete: „Die Ärzte bestätigten mir, wenn ich das noch vier oder fünf Jahre ignoriert hätte, wäre ich bald nicht mehr am Leben.“

Triefend vor Dankbarkeit, schrieb er der unbekannten Lebensretterin, die zum Glück nicht im Oberrang saß, einen Brief („Thank you so very much. Ich will Dich finden“), der per Twitter viral ging. Innerhalb einer Stunde war der junge Gutmensch, der in Tacoma 50 Kilometer südlich von Seattle lebt, gefunden. Yukyung Nelsen, die Socia-Media-Beaufragte der Kraken, stellte den Kontakt zwischen den Beiden her.

Ausgerechnet am Neujahrstag gastierten die Canucks erneut in Seattle – mit Popovici und Hamilton als Protagonisten, die sich erstmals und für die Medien entsprechend heldenhaft aufbereitet persönlich trafen. „Ich bin so glücklich, dass Du den Check-up hast machen lassen. Großartig, dass Dich Deine Frau gedrängt hat, zum Arzt zu gehen“, strahlte Popovici mit dem gesunden Hamilton um die Wette. Ihren Samariter-Dienst sieht sie als „unglaubliche Art, meinen Weg in die medizinische Fakultät zu starten. Das ist unschätzbar wertvoll.“

Amerika wäre nicht stets auch eine gute Portion Hollywood, wenn nicht noch ein zweites filmreifes Happy End vor Spielbeginn geschehen wäre. Unter den stehenden Ovationen der Zuschauer wurde der um Fassung ringenden Heldin von beiden Vereinen ein Stipendium von je 10.000 Dollar geschenkt. Brian Hamilton lebt, und Nadia Popovici kann sich ihren Berufswunsch erfüllen. Im Spiel selbst richtete sie ihre Aufmerksamkeit übrigens diesmal auf was anderes, kleines Schwarzes: den Puck.

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Von BT-Redakteur Michael Ihringer

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Erstellt:
13. Januar 2022, 05:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 27sec

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