Künstler aus der NS-Zeit: Schwieriges Erbe

Berlin (kie) – Akteure aus dem Kulturbetrieb des „Dritten Reichs“ waren auch nach dem Krieg aktiv. Das Deutsche Historische Museum in Berlin thematisiert diese Karrieren nun in einer Ausstellung.

Seltenes Beispiel öffentlicher Kritik: Hermann Kaspars „Die Frau Musica“ in der Meistersingerhalle in Nürnberg bei der Enthüllung im Jahr 1970. Foto: Stadtarchiv Nürnberg, E 55 Nr. 176

© Stadtarchiv Nürnberg, E 55 Nr. 176

Seltenes Beispiel öffentlicher Kritik: Hermann Kaspars „Die Frau Musica“ in der Meistersingerhalle in Nürnberg bei der Enthüllung im Jahr 1970. Foto: Stadtarchiv Nürnberg, E 55 Nr. 176

Sie galten als „gottbegnadet“ und wurden deshalb nicht zum Kriegs- oder Arbeitsdienst eingezogen. Die Akteure aus dem Kulturbetrieb, deren Namen ab 1944 auf der sogenannten „Gottbegnadeten-Liste“ standen, waren auch nach dem Krieg tätig, erhielten lukrative Aufträge von Staat, Wirtschaft und Kirche, lehrten an Kunstakademien und stellten ihre Werke aus. Eine Aufarbeitung ihrer Verstrickung in den Nationalsozialismus fand nur in den seltensten Fällen statt. Doch ihre Spuren reichen bis in die Gegenwart – auch in der Region.

Die Nachkriegskarrieren der „Gottbegnadeten“ stehen dem Bild des kunstpolitischen Neuanfangs nach 1945 entgegen, das auch im Zentrum der ersten Documenta 1955 stand. Nun thematisiert das Deutsche Historische Museum (DHM) in Berlin mit der Ausstellung „Die Liste der ‚Gottbegnadeten‘. Künstler des Nationalsozialismus in der Bundesrepublik“ ab 27. August die Nachkriegskarrieren und den fortdauernden Einfluss bekannter Maler, Bildhauer und Architekten, die vom Nationalsozialismus profitierten – darunter etwa Arno Breker, Hermann Kaspar oder Werner Peiner. Die meisten von ihnen waren nach dem Krieg in Nordrhein-Westfalen und Bayern tätig und sind heute wenig bekannt. Auch Namen wie Karl Albiker, Fritz von Graevenitz oder Fritz Behn, deren Werke in Ettlingen, Stuttgart und Trossingen zu finden sind, standen auf der Liste.

„Der kulturelle Komplex hinkt bei der Aufarbeitung hinterher“, sagt Wolfgang Brauneis, Kurator der Ausstellung, mit Blick auf andere Lebens- und Forschungsbereiche wie etwa Medizin, Rechtssprechung oder Politik. Das habe vermutlich mehrere Gründe, doch: „Unterm Strich geht es meist darum, sich um das Gute, das Wahre, das Schöne zu kümmern“. Brauneis nennt das ein „methodisches Problem der Kunstgeschichte“: Es werde in der Regel nicht danach geschaut, was es an Kunst gebe, sondern nur, was an „guter Kunst“ vorhanden sei.

Aufarbeitung wenig offensiv


Auch die „antimodernistische Grundhaltung“ im Deutschland der Nachkriegsjahre sei nicht zu unterschätzen, so der Ausstellungsmacher. Anders als in Österreich würde das schwierige Erbe hierzulande weniger „offensiv kommentiert“ – zu sehen etwa beim Umgang mit dem Werk des österreichischen Malers Rudolf Hermann Eisenmenger. Seine Rolle während des Nationalsozialismus wurde vor allem anhand des 1955 für die Wiener Staatsoper geschaffenen Eisernen Vorhangs thematisiert, der seit 1998 von jährlich wechselnden künstlerischen Gestaltungen überdeckt wird. Ein Wandgemälde aus dem Jahr 1948 ist im Stadtkino im Wiener Künstlerhaus zu finden und offenbart eine Fortführung des formal-ästhetischen Ausdrucks der Vergangenheit.

In Deutschland blieben hingegen Proteste durch die Öffentlichkeit oder Kritik an einzelnen Künstlern größtenteils aus. Nur zwei Beispiele seien ihm überhaupt bekannt, sagt Brauneis: darunter der Wandteppich „Die Frau Musica“ von Hermann Kaspar – ein bayerischer Staatsauftrag, der 1970 in der Meistersingerhalle in Nürnberg und damit in unmittelbarer Nachbarschaft zum Reichsparteitagsgelände enthüllt wurde und zu öffentlicher Kritik führte. Doch das Gemälde hängt bis heute und empfängt die Besucher nach wie vor im Foyer.

Kaspar war als Freund Albert Speers unter anderem für die Gestaltung der Aufmärsche und Festumzüge zum „Tag der Deutschen Kunst“ in München – einer kitschigen Präsentation völkisch geprägten, künstlerischen Selbstverständnisses – 1937 und 1938 verantwortlich. Vor allem seine Hakenkreuz-Mosaike waren bekannt. Ab 1938 erhielt Kaspar an der Münchner Kunstakademie eine Professur für monumentale Malerei und wurde ab 1957 wieder als Professor für Malerei angestellt. In der DDR gab es hingegen kaum Kontinuitäten aus der NS-Zeit: „Es gab eher den Versuch, Künstler aus dem Exil zurückzuholen, während das in München kaum einen Menschen interessiert hat“, so Brauneis.

Wer arbeiten wollte, musste sich anpassen


Bildende Künste und Architektur nahmen eine tragende Rolle bei der Symbolisierung der NS-Ideologie ein. Als Gegensatz zur sogenannten „entarteten Kunst“ wurde die „artreine Kunst“ entworfen. Moderne Stilrichtungen wie beispielsweise Expressionismus, Neue Sachlichkeit, Surrealismus oder Kubismus wurden diskreditiert. Auch Künstler, deren Namen auf der „Gottbegnadeten-Liste“ standen – darunter 114 Bildhauer und Maler –, mussten auf entsprechende Gestaltungsweisen verzichten. Monumentalbauten und heroische Darstellungen wurden zu leitenden Motiven; wer arbeiten wollte, musste sich anpassen.

Besonders anschaulich werde die Veränderung des künstlerischen Ausdrucks laut Brauneis bei Landschaftsmalern. Schließlich hätten sich aber „so gut wie alle ein- oder zweimal angepasst“, sagt der Kurator – zunächst für den Nationalsozialismus und danach ein zweites Mal. Besonders in den figürlichen Darstellungen sei dies augenfällig, wenn beispielsweise durch die Gestaltung der Frisur eine weibliche Figur nicht mehr neutral erscheint, sondern plötzlich eine deutsch-nationale Konnotation erfährt.

„Hat so gut wie niemanden interessiert“


Unter Architekten treten die Verstrickungen besonders deutlich hervor: Bereits 1943 wurde der „Arbeitsstab für den Wiederaufbau bombenzerstörter Städte“ unter Leitung von Speer ins Leben gerufen. Systemkonforme Architekten, die den Aufbau der im Krieg zerstörten Städte planen und koordinieren sollten, organisierten sich hier. Einige der Persönlichkeiten fanden nach dem Krieg Anstellungen bei Baudezernaten oder -ämtern und verschafften ihren früheren Weggefährten öffentliche Aufträge. Ihre Spuren sind bis heute in den Städten zu sehen.

So auch jene von Karl Albiker: Zwei Nachkriegswerke des „gottbegnadeten“ Bildhauers finden sich etwa in Ettlingen: die Skulptur „Junge Alb“ in der Grünanlage an der Friedrichstraße und ein Wandrelief im Treppenhaus der Pestalozzischule, das von der Karlsruher Majolika-Manufaktur ausgeführt wurde. Albiker ist seit 1951 Ehrenbürger der Stadt und erhielt 1957 das Große Bundesverdienstkreuz. Eine Aufarbeitung seines Erbes steht jedoch bislang aus.

Auch den Kunstbetrieb in Karlsruhe „könnte man sich mal genauer anschauen“, sagt Brauneis, der darauf hofft, in Zukunft weitere Recherchen zum Thema auch im Südwesten anstellen zu können, die bislang coronabedingt nur eingeschränkt hätten stattfinden können.

Dabei sei für die aktuelle Ausstellung die Frage unerheblich gewesen, ob die Künstler tatsächlich von der NS-Ideologie überzeugt waren: „Wir versuchen, nicht darüber zu spekulieren, denn das wäre eine andere Ebene“, sagt Brauneis. Begrifflichkeiten wie „NS-Kunst“ oder „Nazi-Kunst“ würden deshalb in der Ausstellung nicht verwendet. Doch vom System profitierten alle Künstler auf der Liste – und das Überdauern ihrer Karrieren wurde nicht unterbunden: „Wenn man wirklich gewollt hätte, hätte man das verhindern können“, gibt Brauneis zu bedenken – „aber es hat so gut wie niemanden interessiert“.

Fortführung des formal-ästhetischen Ausdrucks der Vergangenheit: Rudolf Hermann Eisenmengers Gemälde im Stadtkino im Wiener Künstlerhaus (1948). Foto: DHM/Eric Tschernow

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Fortführung des formal-ästhetischen Ausdrucks der Vergangenheit: Rudolf Hermann Eisenmengers Gemälde im Stadtkino im Wiener Künstlerhaus (1948). Foto: DHM/Eric Tschernow

Ihr Autor

BT-Redakteurin Franziska Kiedaisch

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Erstellt:
17. Juli 2021, 07:00 Uhr
Lesedauer:
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