Künstler in lähmender Ungewissheit

Rastatt (as) – Wie kommen professionelle Künstler über die Corona-Durststrecke hinweg? Das BT hat sich in der Region umgehört.

„Es zeigt sich jetzt, was dem Staat die Kunst wirklich wert ist“: Jo Ann Endicott und Ferdinand Grözinger. Foto: Anja Groß

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„Es zeigt sich jetzt, was dem Staat die Kunst wirklich wert ist“: Jo Ann Endicott und Ferdinand Grözinger. Foto: Anja Groß

Kurz und knapp umschreibt Schauspieler Hendrik Pape aus Ötigheim seine Situation in der Corona-Pandemie: „Es ist lähmend, denn man weiß nicht, wann und wie es weitergeht.“ Davon können auch der Pantomime, Clown und Artist Markus Stößer alias Clown Calvero aus Durmersheim sowie Schauspieler Ferdinand Grözinger und Tänzerin Jo Ann Endicott aus Niederbühl ein Lied singen. Dazu kommen finanzielle Unsicherheiten durch fehlende oder abgebrochene Engagements und Aufträge.
„Ich bin grundsätzlich gewohnt, dass es Unsicherheiten gibt“, sagt Pape, der als freischaffender Künstler arbeitet. Sorgen macht ihm eher, wie es überhaupt in der Kulturbranche weitergehen wird, welche Bühnen weiter bestehen können. „Ich bin grundsätzlich sehr solidarisch: Wir müssen das jetzt durchstehen“, will er aber nicht jammern. Dabei war das Corona-Jahr auch für ihn ein Auf und Ab. Beim Lockdown im März wurde eine laufende Produktion abgesagt, „da gab es Kurzarbeitergeld und Ausfallhonorar“, erzählt er. Danach folgte ein „kleiner Lichtblick“ mit seinen Theaterproduktionen bei „Historisch Antik“ in Ötigheim – „man war nicht zum Nichtstun verdammt“. Doch eine Inszenierung in Offenburg wurde ersatzlos gestrichen, und ein Theaterprojekt, das er mit einem Verein vorbereitet, online und im Sommer draußen geprobt hatte, wurde ebenfalls abgesagt. Dann hatte er die Idee für ein Projekt „Kultur mit Abstand“, doch sein Förderantrag wurde vom Land abgelehnt, weil das Programm überzeichnet war. Ein Hoffnungsfunke ist nun eine Inszenierung des Theaters Eurodistrict Baden-Alsace – mit Abstand und Zuschauern in Plexiglaskabinen –, das im März Premiere haben soll.

Carrera-Bahn kommt zu neuen Ehren

„Ich habe nicht permanent Langeweile“, sagt Pape, der es durchaus auch genießt, Zeit für die Familie zu haben. So komme beispielsweise die Carrera-Bahn zu neuen Ehren, „mit der ich zurzeit mehr spiele als mein fünfjähriger Sohn“, wie er augenzwinkernd bekennt. Gleichwohl zerre die Ungewissheit an den Nerven – auch darüber, ob und wie viel er von der versprochenen Novemberhilfe bekommt. Denn bis vor Kurzem konnten noch nicht einmal die Anträge gestellt werden.

Markus Stößer aus Durmersheim, bekannt als Clown Calvero, leidet vor allem darunter, nicht kreativ arbeiten zu können und vermisst das Zusammenspiel mit dem Publikum beim Auftritt. „Ich habe gerade große Mühe, mich zu motivieren“, erzählt der Artist, doch für seine Jonglage-Einlagen sei tägliches Training unerlässlich. Er weigert sich allerdings, ins kollektive Jammern einzustimmen. „Wir haben zu essen, zu trinken und ein Dach über dem Kopf“, lautet die spontane Antwort des alleinerziehenden Vaters auf die Frage, wie es ihm geht.

Er zieht größere Vergleiche: „Wir hatten es 70 Jahre lang gut, erleben keinen Krieg, müssen nicht in wackeligen Booten übers Mittelmeer aus der Heimat fliehen“ – da habe er kein Verständnis für die, die jammern, weil sie einen Mund-Nasenschutz tragen müssen. Es gebe wenige Länder, die die Corona-Pandemie so gut meistern wie Deutschland, findet er, dafür müssten alle einen Preis zahlen. Wenig Hoffnung hat Stößer, dass künstlerisch vor der auf Juli 2021 verschobenen Premiere seines Stücks zum 25-jährigen Bühnenjubiläum irgendetwas passiert.

Trotz seiner schwierigen persönlichen Lage fände er es besser, wenn die Menschen mehr Verständnis füreinander aufbringen würden. Denn dass das Thema Corona Familien und Freunde spaltet, beobachtet er mit großer Sorge. Dabei gehe es jetzt doch vor allem darum, sich gegenseitig zu schützen.

„Wir müssen da durch“, lautet auch das Credo von Tänzerin und Choreografin Jo Ann Endicott und ihrem Mann, Schauspieler Ferdinand Grözinger, die in Niederbühl leben. Offiziell sind zwar beide Rentner, dennoch waren die langjährige Assistentin von Pina Bausch und der unter anderem aus TV-Serien wie „Der Staatsanwalt“ oder „Tatort“ bekannte Schauspieler sehr gefragt –bis die Corona-Pandemie alles lahmlegte. Für Endicott, die im März zehn Tage vor der Aufführung ein Tanzprojekt mit einem Stück von Pina Bausch im Senegal abbrechen musste, sind alle Tourneen ausgefallen. Ihr Mann, der im Karlsruher Sandkorn-Theater „Kunst“ spielen sollte, wurde gleichfalls ausgebremst. „Und auch fürs Fernsehen wird deutlich weniger produziert“, stellt er fest. Zu schaffen macht beiden vor allem, dass sie quasi zum Nichtstun verdammt sind. „Die Disziplin geht flöten“, beobachtet Endicott an sich selbst. Als Tänzerin, und das in ihrem Alter, wie die 70-Jährige selbst sagt, seien tägliche Übungen zwingend, um fit zu bleiben.

Auch wenn Corona ihnen finanzielle Einbußen bringe, stehe das für sie als Rentner nicht so sehr im Vordergrund, sagen die beiden. Einer ihrer Söhne sei da als freischaffender Musiker viel härter betroffen. „Es zeigt sich jetzt, was dem Staat die Kunst wirklich wert ist“, vermisst Grözinger hier eine starke Lobby.


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