Kultureller Stadtrundgang „Freiräume 2021“

Freiburg (kie) – Der städtische Raum als Bühne: Stadt Freiburg holt gerade die Feierlichkeiten zu ihrem 900-jährigen Bestehen nach – dazu gehört auch die Stadtrauminszenierung „Freiräume 2021“.

In der pittoresken Gasse Fischerau zeigen Schauspieler der Freiburger Theater Compagnie Auszüge aus dem Stück „Der Geizige“, das im Oktober im E-Werk zu sehen sein wird. Foto: Franziska Kiedaisch

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In der pittoresken Gasse Fischerau zeigen Schauspieler der Freiburger Theater Compagnie Auszüge aus dem Stück „Der Geizige“, das im Oktober im E-Werk zu sehen sein wird. Foto: Franziska Kiedaisch

Freiburgs Jubiläum anlässlich des 900-jährigen Bestehens der Stadt stand wie so vieles im vergangenen Jahr unter besonderen Zeichen: Die Feierlichkeiten fielen der Pandemie zum Opfer. Nun holt die Stadt mit einem Jahr Verzögerung unter coronakonformen Bedingungen das Festjahr nach. Mit „Freiräume 2021“ – einer Stadtrauminszenierung, bei der Künstler insgesamt zwölf Orte bespielen – gelingt der Stadt Freiburg und dem Verein Pro Kultur unter künstlerischer Leitung von Ralf Buron eine außergewöhnliche, weil fluktuative Veranstaltung, die Fragen nach der künstlerischen Nutzbarmachung urbaner Räume neu stellt und Freiburger Stadtgeschichte mit der Gegenwart verknüpft.

So bewegte sich die sogenannte „Kulturkarawane“ am vergangenen Samstagabend, aufgrund geltender Hygienevorschriften in zwei Kleingruppen unterteilt, innerhalb von zwei Stunden zu sechs verschiedenen Orten, die wohl selten zuvor als Bühne fungiert haben dürften. Am Sonntagabend fand eine zweite „Kulturkarawane“ statt, bei der sechs weitere Orte besucht wurden. Dabei war das Überraschungsmoment dem Rundgang immanent, denn die rund 15 Teilnehmenden wurden im Vorfeld nicht über die einzelnen Veranstaltungen und Spielorte in Kenntnis gesetzt.

Moderne Rezitationen, musikalische Darbietungen oder Tanzperformances waren unter anderem Ziele des Stadtrundgangs durch die Freiburger Altstadt, der von Dietmar Beron-Brena, Stadtführer bei „Freiburg living History“ und im echten Leben freischaffender Regisseur, in der Rolle des vor 500 Jahren lebenden Humanisten und Freiburger Professors Ulrich Zasius, geleitet wurde. Kontinuitäten und historische Brüche wurden durch das Aufspüren der Kunstschaffenden im urbanen Raum mithilfe einer historischen Figur besonders greifbar.

Neue Räume: Laura Heinecke mit ihrer Tanzperformance im Untergeschoss eines Kaufhauses. Foto: Franziska Kiedaisch

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Neue Räume: Laura Heinecke mit ihrer Tanzperformance im Untergeschoss eines Kaufhauses. Foto: Franziska Kiedaisch

Der Rundgang operierte mit zahlreichen Verweisen auf die Geschichte der Stadt, etwa wenn Beron-Brena die Gruppe zum ehemaligen Heiliggeiststift führte und schließlich vor der Betonfassade eines heutigen Kaufhauses Halt machte, das 1977 mit dem Architekturpreis Beton ausgezeichnet worden ist. Im Untergeschoss zwischen Schuhen und Schaufensterpuppen zeigte dann Laura Heinecke einen Ausschnitt aus ihrer ausdrucksstarken Tanzperformance „Fall into Place oder was wa(h)r ist“, die im vergangenen Jahr in Freiburg und Potsdam produziert wurde und bisher nur online zu sehen war.

Direkt im Anschluss offerierten Peter W. Hermanns und Konrad Wiemann unter dem Titel „Egal wie es ausgeht“ makabre Rezitationen mit Gesang, Schlagwerk und Gitarre in einem Lagerraum auf der Rückseite des Gebäudes, das sich in unmittelbarer Nachbarschaft zum Freiburger Münster befindet. In Zeiten des zunehmenden Online-Shoppings bei gleichzeitiger Verödung des innenstädtischen Handels wurde so auch die Frage nach künstlerisch-gestalterischen, alternativen Nutzungskonzepten bestimmter Räume nach der Corona-Pandemie berührt: Können Kaufhäuser punktuell auch zu einer Bühne für Künstler werden?

Dabei war der zugrundegelegte Kulturbegriff des Stadtrundgangs weit gefasst, was sich unter anderem bei der Vorführung der Trachtengruppe Glottertal im Hinterhof des Erzbischöflichen Ordinariats zeigte – auch den Blasmusikern und Volkstänzern fehlten im vergangenen Jahr mit dem Ausbleiben von Dorf- und Volksfesten die Auftrittsmöglichkeiten. Von Folklore bis Avantgarde: „Freiräume 2021“ offenbarte sowohl die breite Palette an künstlerischen Entfaltungsmöglichkeiten im urbanen Raum als auch die Vielgestaltigkeit kultureller Ausdrucksformen.

Neue Zugänge geschaffen

Auf der Rückseite im Garten des Priesterseminars setzten dann Peter Haug-Lamersdorf (Rezitation) und Kerstin Löscher (Klavier) das Melodram „Der traurige Mönch“ nach einem Text von Nikolaus Lenau (Musik: Franz Liszt) gekonnt in Szene. Der Übergang zur Moderne wurde auch hier durch die anschließende chansoneske Darbietung der Zwei-Frauen-Gruppe „Wasser und Öl – Fräulein Mamsell“ (Jana Eberspächer und Natalia Herrera) auf der Dachterrasse eines jungen Start-up-Unternehmens für Künstliche Intelligenz sinnfällig.

Bei der Darstellung der Freiburger Theater Compagnie, die einen Auszug aus dem Stück „Der Geizige“ (frei nach Molière) auf dem Balkon einer Galerie in Richtung der pittoresken Gasse Fischerau zum Besten gab, wurde außerdem deutlich, dass Kunst im öffentlichen Raum auch neue Zugänge schafft: Etliche Passanten hielten spontan inne, um Zeuge des Schauspiels zu werden. Und so zeigte sich einmal mehr, dass der urbane Raum der Kunst gerade in Umbruchzeiten neue Räume bietet. Die Stadt wird zur Bühne und die Bevölkerung erhält damit auch die Option, künstlerisches Schaffen im Vorbeigehen zu erfahren.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Franziska Kiedaisch

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Erstellt:
27. Juli 2021, 13:00 Uhr
Lesedauer:
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