Kulturgemeinde Gernsbach startet durch

Gernsbach (stj) – Musikalische Premieren und literarische Hochkaräter gastieren ab September in Gernsbach. Die Kulturgemeinde plant das zweite Halbjahr mit vier Konzerten und zwei Lesungen.

Kommt zum ersten Mal nach Gernsbach: Das in Leipzig ansässige Mendelssohn-Kammerorchester. Foto: Matthias Gruner

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Kommt zum ersten Mal nach Gernsbach: Das in Leipzig ansässige Mendelssohn-Kammerorchester. Foto: Matthias Gruner

Die Kulturgemeinde will nach Monaten der Entbehrung ab September wieder hochkarätige Musiker und Literaten nach Gernsbach bringen. Man wage sich wieder, mit Veranstaltungen an die Öffentlichkeit zu treten, „um zu zeigen, dass es uns noch gibt und um den Kulturfreunden etwas zu bieten“. Was das genau sein wird, darauf gingen Professor Dr. Hans-Christoph Graf von Nayhauss und Dr. Wolfgang Tzschaschel in einem Pressegespräch ausführlich ein.

Zunächst hielt man dabei kurz Rückschau, denn die vielen Absagen der vergangenen eineinhalb Jahre haben den rührigen Organisatoren einiges abverlangt. Tzschaschel sprach von zwölf Auftritten, die (teilweise mehrfach) verschoben werden mussten. Dies sei ein nicht zu unterschätzender Verwaltungsaufwand, schließlich gehe es dabei um Verträge, Termine und viele Absprachen. Zwar habe Corona zig Veranstaltungen zunichtegemacht, Arbeit gab es aber trotzdem. Die soll nicht umsonst gewesen sein, denn alle Künstler, die man in Gernsbach begrüßen wollte, werden auch noch in die Papiermacherstadt kommen, kündigen von Nayhauss und Tzschaschel an. Man beginne nun also im September damit, die durch die Pandemie verhinderten Auftritte sukzessive nachzuholen. Deshalb habe man bei den Konzerten neue Anfragen erst einmal zurückstellen müssen.

Auftakt am 19. September

Auch wenn die coronabedingte Ungewissheit bleibt, möchte die Kulturgemeinde am Sonntag, 19. September, erstmals seit vergangenem Herbst wieder zu einem Konzertgenuss in die Stadthalle einladen. Zu Gast sein wird laut Tzschaschel eine ganz außergewöhnliche Pianistin, die im Alter von 26 Jahren eine Verbindung von Jazz und Klassik zu Gehör bringe, die fasziniert. Das Programm der jungen in Berlin lebenden Künstlerin Johanna Summer heißt „Schumann Kaleidoskop“. Allerdings handelt es sich nicht einfach um einen klassischen Klavierabend, denn Summer ist Jazz-Pianistin. In freier Improvisation gelinge es ihr, die romantische Klaviermusik Robert Schumanns nicht nur mit dem Jazz zu verbinden, sondern noch über diesen hinauszuführen. Bei ihrem „virtuosen, flammenden Spiel“ sind die entwickelten Ideen so reich, dass dem Rezensenten der ZEIT „vor Glück schwindelig“ wurde: Man muss tatsächlich kein Jazzfan sein, um sich von dem weiten Bogen mitreißen zu lassen, den Johanna Summer von der Spielkultur und Präzision ihrer klassischen Ausbildung zur Harmonik, Motivik und Freiheit des Jazz spannt.

Nach der jungen Solo-Künstlerin folgt ein schon seit 23 Jahren erfolgreiches Orchester: Das in Leipzig ansässige Ensemble hat es sich unter der Leitung des Cellisten Peter Bruns zur Aufgabe gemacht, als Botschafter des genialen Felix Mendelssohn Bartholdy zu agieren. Dessen Werk wird in den Fokus gesetzt und in die heutige Zeit adaptiert. Überschwängliche Musizierfreude, ausgefeilte Programmkombinationen und ein herausragender, homogener Klang zeichneten dieses Kammerorchester aus. Das für Gernsbach am 10. Oktober vorgesehene Programm zeigt Mendelssohn als Kosmopoliten, mit Werken nicht nur von ihm selbst, sondern darüber hinaus von Komponisten, mit denen er engeren Kontakt hatte – wie etwa Hector Berlioz oder Niels Wilhelm Gade.

Lesung mit Karl-Heinz Ott

Zur ersten Lesung kommt am 24. Oktober der mit dem renommierten Joseph-Breitbach-Preis dekorierte Karl-Heinz Ott in die Stadthalle. Er liest aus seinen Romanen „Die Auferstehung“ und „Jeden Morgen das Meer“. Da Ott auch Musiker ist, wird er im zweiten Teil des Abends am Flügel der Kulturgemeinde sich seinem essayistischen Buch „Rausch und Stille. Beethovens Sinfonien“ zuwenden, wobei es ihm anschaulich und im mutigen Vergleich gelinge, auch dem Laien zu erklären, warum Beethovens Musik so außergewöhnlich ist.

Drei Mitglieder der Philharmonie Baden-Baden setzen am 14. November den Konzertreigen fort. Das Trio, dessen Besetzung eher seltene, aber umso reizvollere Klangfarben verspricht, besteht aus der Pianistin Song Yi Chae, dem Oboisten Young-Guk Lee und dem Fagottisten Pol Centelles. Sie spielen seit sieben Jahren in dieser kammermusikalischen Formation. Einen besonderen Schwerpunkt setzt das Jolivet-Trio auf französische Komponisten des 20. Jahrhunderts. Das Konzert in der Stadthalle umfasst unter anderem Werke von Saint-Saëns, Debussy und dem Namensgeber des Trios, André Jolivet.

Ein Heimspiel hat am 24. November Professor von Nayhauss bei seiner Lesung aus seinem neuen Buch „Wege mit Kafka – Wege der Literaturwissenschaft“. In seinen Aufsätzen über einige Texte Kafkas zeige sich der Wandel literaturwissenschaftlicher Methoden von der Werkimmanenz bis zum Abschied von Bemühungen um eine Text-Aussage in der Biographik. Mit dem Blick auf die Kabbala gelinge es dem Verfasser schließlich, das „Geheimnis Kafka“ ein wenig zu lüften, heißt es in der Ankündigung.

Zum Abschluss des Programms der Kulturgemeinde in der zweiten Jahreshälfte 2021 gibt es erneut einen Bezug zu Felix Mendelssohn Bartholdy, an dessen zweihundertstem Geburtstag Anke Dill und Ulf Schneider (Violine), Barbara Westphal und Volker Jacobsen (Viola) sowie Gustav Rivinius (Violoncello) die Gründung ihres Streichquintetts beschlossen hatten: Dank der kontinuierlichen und intensiven gemeinsamen Arbeit, die auch zwei CDs hervorgebracht hat, gelingen dem Ensemble Interpretationen größter Homogenität und Virtuosität. Das Bartholdy-Quintett wird in Gernsbach neben Mozarts C-Dur-Quintett zwei Sätze von Alexander Zemlinsky und Bruckners großes Streichquintett spielen.

Vier Konzerte in der Stadthalle

Für alle vier Konzerte der Kulturgemeinde Gernsbach gilt im Vorverkauf der Eintrittspreis von 18 Euro (Mitglieder 15 Euro, Schüler und Studierende acht Euro; Kinder unter 15 Jahren zahlen keinen Eintritt). An der Abendkasse kosten die Eintrittskarten 20 (beziehungsweise 17 oder zehn) Euro. Eventuelle coronabedingte Einschränkungen oder Registrierungserfordernisse sind jetzt noch nicht absehbar, werden aber vor den jeweiligen Auftritten in der Tagespresse rechtzeitig bekannt gegeben, kündigt der Veranstalter an. Die Konzerte beginnen jeweils um 18 Uhr, mit Ausnahme des Mendelssohn-Kammerorchesters, das am 10. Oktober bereits um 19 Uhr loslegt. Unterstützt wird die Kulturgemeinde in der Finanzierung der Konzerte von der Stadt Gernsbach und der Sparkasse Rastatt-Gernsbach.

Zwei Lesungen im Herbst

Bei den zwei Lesungen am Sonntag, 24. Oktober (Karl-Heinz Ott), und am Sonntag, 24. November (Professor Dr. Hans-Christoph Graf von Nayhauss), kostet der Eintritt an der Abendkasse jeweils zwölf Euro (Mitglieder zehn, Schüler und Studierende sechs Euro; Kinder unter 15 Jahren zahlen keinen Eintritt).

Zum Programm von September bis Dezember hat die etwas mehr als 200 Mitglieder zählende Kulturgemeinde einen Flyer aufgelegt. Er liegt für Interessierte in der Tourist-Info im Rathaus bereit. Zudem kann er auch über die Kulturgemeinde direkt bezogen werden. www.kulturgemeinde-gernsbach.de

„Man braucht jetzt den Optimismus“

Zwar bestehe aufgrund von Corona nach wie vor ein bisschen Ungewissheit, ob die Kultur wieder so richtig Fahrt aufnehmen kann im Herbst, aber „wir brauchen jetzt diesen Optimismus“. Von daher sei bei den Veranstaltern der Kulturgemeinde die Hoffnung groß, dass die Konzerte und Lesungen wie geplant stattfinden können, wenn möglich ohne große Publikumsbeschränkungen in der Stadthalle. Für diese habe die Stadt ein gut funktionierendes Hygienekonzept erarbeitet, das sich bei den bislang letzten Veranstaltungen der Kulturgemeinde bewährt habe. „Das hat sehr gut geklappt, die Leute waren sehr froh, dass es wieder Kultur gab“, blickt Dr. Wolfgang Tzschaschel auf den vergangenen Oktober zurück, als Quatuor Modigliani in Gernsbach zu Gast war.

Die Berliner Jazz-Pianistin Johanna Summer gastiert bei der Kulturgemeinde. Foto: Gregor Hohenberg

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Die Berliner Jazz-Pianistin Johanna Summer gastiert bei der Kulturgemeinde. Foto: Gregor Hohenberg

Einen Schwerpunkt setzt das Jolivet-Trio auf französische Komponisten des 20. Jahrhunderts. Foto: Jolivet-Trio

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Einen Schwerpunkt setzt das Jolivet-Trio auf französische Komponisten des 20. Jahrhunderts. Foto: Jolivet-Trio

Ihr Autor

BT-Redakteur Stephan Juch

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Erstellt:
2. August 2021, 16:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 31sec

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