Kulturgüter der Corona-Krise

Karlsruhe (fh) – Masken, Desinfektionsmittel oder das „Danke“-Transparent: Die Landesmuseen in Baden-Württemberg beschäftigen sich schon heute mit der Corona-Krise und sammeln Objekte für morgen.

Desinfektionsmittel, Blumentöpfe, Mund-Nasen-Schutz gehören zum Corona-Alltag. Foto: Herdrich

© fh

Desinfektionsmittel, Blumentöpfe, Mund-Nasen-Schutz gehören zum Corona-Alltag. Foto: Herdrich

Die Corona-Krise ist noch nicht vorbei und doch schon ein Fall fürs Museum. Das Badische Landesmuseum im Karlsruher Schloss und das Landesmuseum Württemberg sammeln bereits Exponate mit Bezug zur Corona-Pandemie.

Während im zum Landesmuseum Württemberg gehörenden Schloss Waldenbuch bereits ausgewählte Objekte dem Publikum präsentiert werden, liegt eine Schau in Karlsruhe aber noch in der Ferne. „Das wird frühestens in ein paar Jahren der Fall sein“, sagt Brigitte Heck, Oberkonservatorin für Alltags- und Landesgeschichte Badens vom 18. bis 21. Jahrhundert. Sie erklärt aber auch, warum es sich lohnt, schon heute für morgen zu sammeln: Die Corona-Pandemie als Ausnahmesituation, stelle einen Einschnitt dar, den es lohne zu dokumentieren. „Als sich der Shutdown abzeichnete, war uns klar, dass das eine Zäsur für die Gesellschaft wird und dass wir die Transfromation des Alltags, die sich daraus ergibt, beobachten müssen“, sagt Heck.

Klinik für Sammlung sensibilisieren

Anfangs sei eine Flut von Fotos, Videos, Tweets und Memes über das Internet hereingebrochen – für das Landesmuseum eher weniger interessant. Denn Heck sucht hauptsächlich analoge Kulturgüter in 3D – vom Plakat bis zum Blumentopf, vom Odenwald bis zum Bodensee. Damit diese Gegenstände nach der Corona-Pandemie nicht einfach verschwinden, muss sie den Moment abpassen, in dem Dinge außer Gebrauch kommen, erklärt Heck und nennt als Beispiel ein Transparent mit der Aufschrift „Danke“ an einer Karlsruher Klinik. „Das soll natürlich noch eine Weile hängen bleiben“, sagt die Museumsmitarbeiterin, die die Klinik nun für ihre Sammlung sensibilisieren muss – keine leichte Aufgabe angesichts der heutigen Wegwerfkultur.

Das Transparent soll später nicht in der Tonne landen, sondern in der Sammlung des Landesmuseums. Foto: Landesmuseum Württemberg

© pr

Das Transparent soll später nicht in der Tonne landen, sondern in der Sammlung des Landesmuseums. Foto: Landesmuseum Württemberg

Die Expertin für Volkskunde hält die Augen offen, bekommt teilweise aber auch Idee von Privatpersonen zugeschickt. Aufgrund von Social Distancing kann sie aber nur bedingt partizipativ arbeiten. „Es gibt bei den Leuten ein Interesse, sich zu erinnern. Und viele möchten ihre Erinnerungsstücke bei uns gut aufgehoben wissen“, ist Heck überzeugt.

Das haben sich auch ihre Kollegen vom Württembergischen Landesmuseum zunutze gemacht. Sie starteten vor kurzem das Online-Projekt „Corona-Alltag. Dein Objekt für übermorgen“, das ursprünglich dazu gedacht war, die Schließungsphase des Museums zu überbrücken, wie es in einer Mitteilung heißt. 38 Tag lang, vom 7. April bis zum 15. Mai, konnten Senioren, Eltern und Schüler, Berufstätige und Studenten, Wissenschaftler und Kreative – also Menschen aus unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen – ihre Beobachtungen, Erfahrungen oder ideenreiche Schöpfungen aus ihrem neuartigen Corona-Alltag auf Fotos festhalten und diese auf der Projekt-Website hochladen.

Sport in Zeiten von Corona: Museumsmitarbeiter wählen immer wieder ein „Objekt des Tages aus“. Foto: Landesmuseum Württemberg

© pr

Sport in Zeiten von Corona: Museumsmitarbeiter wählen immer wieder ein „Objekt des Tages aus“. Foto: Landesmuseum Württemberg

Täglich wählten die Museumsmitarbeiter aus den mehr als 600 Einsendungen ein „Objekt des Tages“ aus – von den gehamsterten Vorräten über das Homeoffice mit Laufband bis zur Bäckertüte, die zur Solidarität aufruft – und stellten es durch Videos, Texte oder Audioformate in einen kulturgeschichtlichen Kontext.

Auch weiterhin haben Besucher freitagnachmittags die Möglichkeit, in Schloss Waldenbuch im „Amt für Corona-Angelegenheiten“ Geschichten aus dem Alltag mit Covid-19 zu erzählen und ein passendes Objekt mitzubringen.+

Prägend für kollektives Gedächtnis

Denn kein Gegenstand der beiden Sammlungen existiert einfach so für sich. „Ein Autoschlüssel kann im Kontext von Corona eine neue Bedeutung bekommen, da die Menschen gezwungen sind, wieder mehr Auto zu fahren“, nennt Brigitte Heck von Badischen Landesmuseum ein Beispiel. Das Objekt hat ihr zufolge im Idealfall einen „dichten Hintergrund“. Diese persönliche Geschichte oder Zeitzeugenaussage wird in einer Verwaltungsstruktur über eine Nummer hinterlegt, damit sie nicht verloren geht.

Die meisten Dinge erscheinen auf den ersten Blick banal, wie eine Auswahl von Heck aus ihrer Sammlung zeigt. Anhand dieser signifikanten Alltagsgegenstände lässt sich aber das Lebensgefühl der vergangenen drei Monate gut nachvollziehen.

Flyer, Plakate, Sticker und Buttons: Anfang März, als Corona vielen noch weit weg erschien, machte die Stadt Bruchsal mit Plakaten auf das Virus aufmerksam. „Das war eine sehr sympathische Kampagne im öffentlichen Raum, die den Menschen lange im Gedächtnis bleiben wird“, ist Heck sicher. Sie sei stil- und erinnerungsprägend gewesen für die Stadt und damit ein signifikantes Beispiel.

Auch andere Informationsmedien aus der Corona-Anfangsphase beinhaltet ihre Auswahl, ein Flyer und ein Sticker etwa. „Corona-Besieger“ steht auf einem grünen Button. Er sollte, so die Idee des Herstellers im März, an Patienten verteilt werden, die sich von Covid-19 erholt haben. Doch die Kampagne läuft laut Heck schleppend. Das Objekt wirft für sie darum die Frage auf, wie die Gesellschaft mit den Genesenen umgeht, denn eine Kultur der stolzen Überlebenden habe sich bisher nicht eingestellt.

Desinfektionsmittel und Gin: Zu Beginn der Pandemie stehen eher Schutz und Hygiene im Mittelpunkt. Das Desinfektionsmittel etwa war vielerorts ausverkauft, erinnert Heck und stellt eine weiße Plastikflasche auf den Tisch. Ein Karlsruher Ginproduzent hatte – wie auch andere Brauereien und Spirituosenhersteller – auf den Bedarf reagiert und dieses angenehm duftende Desinfektionsmittel entwickelt. Das Gegenstück dazu bildet eine weitere Flasche, diesmal aus Glas: der „Quarantini – Social Dry Gin“. Kunden können mit dem Kauf des „Produkts der Begierde“, so Heck, eine Bar ihrer Wahl unterstützen. Das Objekt steht damit auch sinnbildlich für die Schließung der gastronomischen Betriebe.

Brigitte Heck sucht nach signifikanten Gegenständen. Eine Ethno-Maske gefällt ihr besonders gut. Foto: Herdrich

© fh

Brigitte Heck sucht nach signifikanten Gegenständen. Eine Ethno-Maske gefällt ihr besonders gut. Foto: Herdrich

Masken: Mittlerweile hat eine andere Art von Schutz dem Desinfektionsmittel den Rang abgelaufen und ist zum Corona-Objekt schlechthin avanciert: Die Maske gehört heute zum Alltag mit dem Virus. Heck hat schon vor zwei Monaten bei einer Schneiderei, die den Mund-Nasen-Schutz zu diesem Zeitpunkt noch als Auftragsarbeit nähte, ein Exemplar angefragt. Besonders clever findet sie eine Ethnomaske, die durch ihre besondere Form mehr Freiheit beim Sprechen lässt.

Auch die badischen Fußballvereine haben den Mund-Nasen-Schutz schnell als Träger für ihre Logos entdeckt, und Heck hat sowohl Fanartikel als auch Spielermasken aus Karlsruhe, Freiburg, Heidenheim, Hoffenheim und Konstanz in ihre Sammlung aufgenommen.

T-Shirt und Beutel: Während die Fußballfreunde langsam wieder auf ihre Kosten kommen, sieht es für Musik- und Kulturliebhaber in Zeiten von Corona eher mau aus. Große Events, Konzerte und Festivals sind abgesagt. „Seit kurzem ist aber klar, dass ,Das Fest‘ komplett auf 2021 verlegt werden kann“, sagt Heck und präsentiert ein schwarzes Shirt mit buntem Aufdruck, mit dem man für 20,20 Euro seine Solidarität mit dem Karlsruher Festival zeigen kann. Aus dem Bereich Musik hat sie auch einen Rucksackbeutel ausgewählt. Auf ihm steht „United we stream“. Dahinter verbirgt sich ein Live-Streaming-Angebot verschiedener Kulturschaffender. Somit steht der Beutel in der Sammlung als analoges Objekt für eine digitale Bewegung.

Blumentopf und Puzzle: Aber wie beschäftigen sich die Menschen, wenn alles geschlossen hat oder abgesagt wurde? Dafür hat Brigitte Heck zwei Objekte ausgewählt, die augenscheinlich erst mal nichts mit Corona zu tun haben: Einen Tontopf und ein Puzzle, das ein Motiv aus Amsterdam zeigt. Dabei steckt in ihnen so viel.

Sogenanntes Urban Gardening, Stadtgärtnern, erfährt während der Corona-Krise einen Aufschwung – einerseits weil viele Leute mehr Zeit haben, andererseits werden manche in der Isolation laut Heck sogar zu Selbstversorgern und pflanzen Gemüsen eben im Tontopf an, um den Gang zum Supermarkt zu vermeiden. „Die Menschen werden kreativ und kochen auch wieder verstärkt selbst und frisch. Mehl und Hefe waren ja zeitweise ausverkauft wie sonst nur vor Weihnachten“, sagt sie.

Ruhe ist schwer im Gegenstand zu fassen

Eine weitere Möglichkeit der Freizeitgestaltung, die durch das Virus wieder auflebt, sind Puzzle-Spiele. „Viele sind durch Corona zur Ruhe gekommen. Das ist schwer in einen Gegenstand zu fassen“, erklärt die Museumsmitarbeiterin. Puzzeln erfordert diese Ruhe und eine gewisse Konzentration. Der Zeitvertreib für Kinder habe sich wie eine Welle besonders unter Studenten ausgebreitet. Großer Beliebtheit bei den großen Herstellern Schmidt und Ravensburger erfreuen sich derzeit Motive aus Paris, London und eben Amsterdam. „Das ist auch Kompensation für den vielleicht ausgefallenen Urlaub. Gerade die grünen Ufer der Grachten zeigen die Sehnsucht nach Natur und Kultur“, sagt Heck.

Kreidebotschaften und andere Fotos: Ein paar Corona-Erinnerungen werden in Karlsruhe nur als Fotografie in die Sammlung Einzug halten. Denn die Geburtstagsgrüße, die Freunde einem Mädchen mit Straßenkreide auf dem Asphalt unter ihrem Fenster hinterlassen haben, sind anders nicht zu archivieren. Hier reiht sich auch die Aufnahme einer völlig leeren Autobahn ein, ebenso wie ein Graffito, das an der Fassade des Karlsruher Schlosses auf einen Youtube-Kanal zum Thema Corona hinweist. Kurz nachdem die Kreide das erste Mal entfernt worden war, taucht die Botschaft erneut auf. Auf Fotos sind beide Graffiti nun für die Sammlung festgehalten.

Zum Artikel

Erstellt:
30. Mai 2020, 13:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 5min 17sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.