Kultusministerin Theresa Schopper im BT-Interview

Stuttgart (bjhw) – Theresa Schopper ist die erste grüne Kultusministerin der Landesgeschichte. Im Interview spricht sie über Corona-Bildungslücken, Digitalisierung und über Bildungsgerechtigkeit.

Erste grüne Ministerin im Kultusressort: Theresa Schopper ist seit dem 12. Mai im Amt. Foto: Marijan Murat/dpa

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Erste grüne Ministerin im Kultusressort: Theresa Schopper ist seit dem 12. Mai im Amt. Foto: Marijan Murat/dpa

Sie ist die erste grüne Kultusministerin der Landesgeschichte. Theresa Schopper, bisher engste Mitarbeiterin des Ministerpräsidenten, weiß um die vielen bildungspolitischen Baustellen – von den Corona-Lücken bis zur Digitalisierung des Unterrichts. Auch die Bildungsgerechtigkeit hat sich die 51-Jährige auf die Fahnen geschrieben. Grundschulen in einem leistungsschwächeren Umfeld sollen nicht nur stärker in den Blick genommen, sondern auch besser ausgestattet werden, so die Ministerin im Gespräch mit BT-Korrespondentin Brigitte J. Henkel-Waidhofer.

BT: Frau Schopper, „gute Lehrkräfte“, sagt der Ministerpräsident, „müssen Kinder lieben“. Gilt das auch für Menschen, die sich der Bildungspolitik verschrieben haben?
Theresa Schopper: Das ist auch mein Spruch seit ewigen Zeiten. Denn wenn man Kinder liebt, dann lebt die Begeisterung für die Wissensvermittlung, dafür, die Türen zu öffnen in neue Fachgebiete und Zusammenhänge. Und das geht nicht nach Schema F. Jeder, der sich für ein Lehramtsstudium entscheidet, wird sich fragen, ob er oder sie diese Voraussetzung mitbringt und die Herausforderungen aushält, die die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen bedeutet. Die Arbeit als Lehrer braucht eine große Wertschätzung für Kinder, sonst kann sie nicht gelingen. Meine Maxime als Ministerin heißt: Was muss geschehen, damit Kinder robust und gerüstet für den weiteren Lebensweg aus der Schule kommen? Das gilt auch unabhängig von der Schulart.

BT: Das klingt nach der intensiven Auseinandersetzung der Abiturientin am Gymnasium von Hohenschwangau mit der Frage, ob sie Lehrerin werden soll.
Schopper: Stimmt. Ich wollte lange Zeit Lehrerin werden und habe nur deshalb nicht auf Lehramt studiert, weil es Ende der 70er Jahre hieß, das führe nur in die Arbeitslosigkeit und auf die Payroll vom Arbeitsamt. Davor hatte ich Angst. Aber ich hätte das wirklich sehr gerne gemacht.

BT: Waren Sie eine gute Schülerin?
Schopper: Mündlich war ich immer gut dabei, das merkt man ja heute noch. Und sehr beteiligt war ich auch, weil mich alles interessiert hat. Vor allem bin ich sehr gerne in die Schule gegangen, weil die mir eine Tür ins Leben aufgemacht hat. Ich komme aus einem liebevollen Elternhaus, aber Bildung hat keine dominante Rolle gespielt. Schule war für mich der Zugang zur Welt.

BT: Und waren Sie eine anstrengende Mutter für die Lehrkräfte Ihrer Kinder?
Schopper: Natürlich gab es da auch mal Diskussionen, aber das war eine andere Zeit. Meine Kinder sind inzwischen 26 und 29. Damals gab es Elternabende und mal Rundbriefe oder schriftliche Mitteilungen an die Eltern, und das war’s. Mir war immer wichtig, die Expertise der Lehrkräfte zu respektieren, was schon damals nicht selbstverständlich war. Der Druck von Eltern, Kinder fürs Gymnasium vorzubereiten, war immens, und das hat sich auch auf die Lehrkräfte übertragen. Heute ist das nochmal ganz anders geworden, weil Lehrkräfte mittlerweile sogar befürchten müssen, vor den Kadi gezerrt zu werden. Ich verstehe, dass Eltern das Beste wollen für ihr Kind – aber ich verstehe nicht, wenn das zu solchen Auswüchsen führt.

BT: Die neue Landesregierung hat sich auf eine sozialindexbasierte Ressourcenverteilung verständigt. Zu Deutsch: Mehr Aufwand bei Personal und Ausstattung für Schulen in einem leistungsschwächeren Umfeld. Das könnte zu erheblichem Ärger führen.
Schopper: Es ist wirklich wichtig, den Bildungserfolg von der sozialen Herkunft zu entkoppeln. Baden-Württemberg liefert da schon lange zu schlechte Ergebnisse in allen Vergleichsstudien. Dabei ist Bildungsaufstieg der Schlüssel für das weitere Leben. Da gehören der Ausbau des Ganztags dazu, die frühkindliche Bildung, die sprachliche Förderung oder die Basiskompetenzen in Deutsch und Mathe zu legen. Die sozialindexbasierte Ressourcenverteilung haben wir im Koalitionsvertrag vereinbart. Hier erarbeiten wir ein Konzept, wie wir das für die Grundschulen umsetzen werden.

Keine neuen Strukturdebatten

BT: Schneiden Gemeinschaftsschulen in der Regel in diesem Punkt besser ab?
Schopper: Auf jeden Fall bekommen auch die Gemeinschaftsschulen im Land viele Preise. Sie sind inklusiv, ganzheitlich und überzeugen mit ihren Ergebnissen. Wir wollen aber keine neuen Strukturdebatten. Auch Realschulen müssen mit sehr unterschiedlichen Schülergruppen umgehen. Und die Übergangsquoten insgesamt zeigen, dass es das Ziel vieler Eltern ist, dass ihre Kinder aufs Gymnasium gehen.

BT: Wäre es also in der gegenwärtigen Debatte um die Weiterentwicklung der Schuldenbremse nicht geradezu zwingend, den Fokus auch auf die Bildungspolitik zu richten?
Schopper: Es fließt schon heute jeder vierte Euro aus dem Landeshaushalt in den Bildungsbereich. Wo es neue Ressourcen braucht, das kann ich nach erst vier Wochen im Amt noch nicht sagen. Meine Vorgängerin Susanne Eisenmann hat auch sehr gut mit der Finanzministerin verhandelt und Stellen herausgeholt, die wir ob des Lehrkräftemangels allerdings erst einmal besetzen müssen. Es wird Bereiche geben, wo wir mehr Mittel brauchen, und da werde ich in harte Gespräche mit dem Finanzminister einsteigen. Um sie zum Erfolg zu führen, hilft es aber nicht, generell und unbegründet an den Finanzminister heranzutreten und zu sagen, da oder dort brauche ich noch mehr. Das wäre wie vor einem vollen Kleiderschrank zu stehen mit der Klage: Ich habe nichts zum Anziehen.

BT: Lässt sich denn nach vier Wochen im Amt sagen, welche Bedeutung es hat, dass das Kultusministerium erstmals grün-geführt ist?
Schopper: Es gibt große Herausforderungen, die ganz unabhängig davon, welche Farbe das Ministerium hat, bewältigt werden müssen. Ein Beispiel ist die Umsetzung der Digitalisierung. Durch Corona ist hier der Nachholbedarf sehr ins Blickfeld gekommen. Dabei geht es nicht nur um die Infrastruktur, um W-LAN oder Tablets, sondern vor allem um die pädagogischen Konzepte – auch im Präsenzunterricht. Da sind wir auch schon wieder beim Stichwort Bildungsgerechtigkeit. Mit digitaler Unterstützung kann die Binnendifferenzierung in den Klassen besser gelingen, wenn parallel die sehr guten Schüler oder jene mit Förderbedarf, die wieder in die Spur finden müssen, unterschiedliche Aufgaben in ein und derselben Stunde lösen. Aber klar ist auch: Es gibt viele Erwartungen an ein grün geführtes Kultusministerium, und hier haben wir einen Koalitionsvertrag als Richtschnur, in dem viele grüne Belange aufgenommen sind, wenn wir auch vereinbart haben, keine Strukturdebatten zu führen.

Ihr Autor

BT-Korrespondentin Brigitte J. Henkel-Waidhofer

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Erstellt:
12. Juni 2021, 07:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 04sec

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