Kunsthalle Karlsruhe feiert die Pflanze und sich selbst

Karlsruhe (cl) – Zum Finale vor der sanierungsbedingten Schließung zeigt die Kunsthalle Karlsruhe eine Fülle der Pflanzen in der Kunst. Mit der Schau „Inventing Nature“ wird das 175-Jährige begangen.

Schönheit der einfachen Pflanzen in der Kunst: Julia Schmids Feldstudien sind in der Ausstellung „Inventing Nature“ der Kunsthalle Karlsruhe bis Ende Oktober zu sehen.  Foto: Uli Deck/dpa

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Schönheit der einfachen Pflanzen in der Kunst: Julia Schmids Feldstudien sind in der Ausstellung „Inventing Nature“ der Kunsthalle Karlsruhe bis Ende Oktober zu sehen. Foto: Uli Deck/dpa

Die Museumssäle sind voller floraler Motive und Pflanzen – Bäume, Halme, Aststrukturen, künstlerisch wertvoll auf Gemälden Alter Meister, auf Reliefs, in modernen Installationen und Videokunst: Diese Schau feiert nicht nur die Pflanzen in der Kunst und die Kunst der Pflanzen, sondern bekennt sich zur Verantwortung gegenüber der Natur, huldigt ihre Schönheit und Größe, ihre Fragilität und Bedrohung. Mit Beispielen aus rund 500 Jahren Kunstgeschichte schärft sie das Auge auch für ökologische Problemlagen der Gegenwart.

Blüten, Blumenbouquets, ganze Wälder und Alpenlandschaften, Menschenbilder, mythische wie christliche, die mit der Natur verwachsen sind, haben die Künstler über die Jahrhunderte hinweg geschaffen – und führen dabei die ewige Wandelbarkeit der Natur und ihre Kraft zur Erneuerung vor Augen. Am diesem Freitag wird die neue Ausstellung unter dem Titel „Inventing Nature“ in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe eröffnet. Die gut 150 Werke stammen etwa zur Hälfte aus den Beständen der Kunsthalle, die bereits von der malenden Markgräfin Karoline Luise im 18. Jahrhundert reich bestückt wurden – und hat Symbiosen und Synergien in der aktuellen Kunst gesucht, ja sogar Paten mit neuen Ideen.

Die Naturerfindung des künstlerischen Dialogs propagiert kein schlichtes „Zurück zur Natur“: Die Ausstellung umreißt mit komplexen Fragestellungen, kunsthistorisch anspruchsvoll und mit Spaßfaktor ein facettenreiches Panorama der Beziehung zwischen Mensch und Pflanze, die auf künstlerischer Seite heute vielleicht noch intimer ist. Mal ganz zart wie bei Christiane Löhr, die aus Zittergrashalmen fragile Rundbogenarchitekturen en miniature erschafft. Oder als hintersinnig-magischen Wildwuchs aus Gemüseresten und knallbunt blühenden Kristallen in der Installation „Pflanzen dichten“ von Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger, die ihre Gebilde auf einem Riesentisch angeordnet haben. Deren Wachstum beschleunigt das gärtnernde Kunsthallen-Team während der Schau beinahe zusehends, angeregt von einem Düngemittel, dem Harnstoff, der täglich verabreicht werden soll.

Ab Ende Oktober schließt das historische Hauptgebäude für viele Jahre

Sinnbildlich steht der üppig gedeckte Tisch mit dieser hintersinnigen Wunderkammer-Präsentation auch für eine Ausstellung, die das vorgesehene Jubiläumsprogramm zum 175-jährigen Bestehen der Kunsthalle ersetzt, weil Corona ein Fest verhindert. Die Schau war fürs Sommerprogramm 2020 vorgesehen, jetzt kann sie „unbeschädigt“ gezeigt werden, wie Kunsthallendirektorin Pia Müller-Tamm beim Rundgang erklärte – „alle Leihgeber haben mitgespielt.“ Müller-Tamm nennt es ein Projekt der Rückkehr nach dem Lockdown und zugleich das Finale, Ouvertüre und Ausklang in einem. Die Kunsthalle Karlsruhe steht vor ihrer Generalsanierung und Erweiterung. Ab Ende Oktober wird das historische Hauptgebäude für viele Jahre geschlossen. Davor wird die hohe Qualität der badischen Staatsgemäldesammlung zumindest in Auszügen präsentiert – ein bisschen anders und anekdotisch, wie Müller-Tamm erklärt.

Kuratorin Kirsten Voigt hat die vielfältige „Blütenlese“ ersonnen, Entdeckungen aus den Depots geholt und einen „grünen“ Streifzug durch die aktuelle Kunst unternommen – nicht chronologisch, weil das zu überbordend würde, so reich ist die Naturdarstellung in der Kunstgeschichte und so anregend. In diesem spannungsvollen, thematisch klug zusammengestellten Kunstdialog zwischen ästhetischem Ausdruck in der Kunstgeschichte und zeitgenössischen Bilderfindungen bewegt sich die „Erfindung der Natur“ in der Kunst, die von jeher zwischen symbolischer Kraft und ästhetische Wirkung changiert.

Ovids antike Schriften – seine „Metamorphosen“ als ein Hauptthema der Kunstgeschichte der Neuzeit – stehen Pate, wenn sich in der Bildhauerei die mythische Figur der Flora nach einer Gewalttat in die Königin der fruchtbaren Gärten verwandelt, aus deren Worten Frühlingsrosen erblühen. Im Barock wird die Schönheit üppig arrangierter Blumen gefeiert, der Antwerpener Künstler Verbruggen um 1700 stellt der Blütenpracht in „Dame mit Blumenstillleben“ eine junge Frau gegenüber. Aufblühen und Verblühen sind Symbol für die Vergänglichkeit des Irdischen. In der christlichen Kunst steht der Baum für Christus und als Lebenssymbol da, bei Martin Schongauer verwächst er mit dem Heiligen Sebastian. Fast 600 Jahre später dokumentiert die Fotografie auf gespenstische Weise, wie sich die Natur verlassene Wohnblocks nahe des zerstörten Atomkraftwerks Tschernobyl zurückholt. Der österreichische Gegenwartskünstler Erwin Wurm macht dem bemoosten Gesteinsblock Beine – ein Schalk, der Böses dabei denkt. Moose und Flechten sind kaum totzukriegen. Der forschende Blick führt hin zu exotischen Naturentdeckungen im 19. Jahrhundert und zu pflanzlichen Schätzen in Asservatenkammern (von der Baden-Badener Fotografin Simone Demandt) oder zu Feldstudien in Öl (Julia Schmidt).

Baumfäll-Aktionen in virtuos montiertem, grausam erscheinenden Schwarz-Weiß-Film

Von Paradies-Vorstellungen zu dystopischen Verfallsszenarien reicht das Spektrum der Werke, dann verbindet sich beides wie auf der Fotoserie des Tirolers Lois Weinberger, der Bäume im Bergparadies mit dem Plastikmüll dekoriert, den der Inn angespült hat. Sue-Mei Zses Bronze-Baum von 2011, ausgezeichnet mit dem Goldenen Löwen bei der Kunstbiennale von Venedig, ist in seiner kahlen Verästelung anrührend und ambivalent.

Die kontemplative Musik zum poetischen Video der Naturmalerin Joan Jonas begleitet den Rundgang durch die Schau. Dazu passt die Erinnerung an den großen Staubkorn-Sammler Wolfgang Laib aus Tübingen, dessen Kunst momentan in Gläser verpackt ist, als eine der wenigen Naturprodukte in der Schau. Mit ihm zielt die Kunst auf etwas Übergreifendes, Universales, das Leben in seiner Ganzheit.

So endet die Ausstellung zwar mit dem Film von Julian Charrière, der Baumfäll-Aktionen in virtuosen, grausam erscheinenden Schwarz-Weiß-Bildern vorführt, aber sie ist bei aller kritischen Betrachtung unseres Umgangs mit der Natur mehr als ein Themenrundgang gegen Umweltzerstörung. Sinnig hat sie als Plakatmotiv die doppelbödige Fotomontage von Ilkka Halso gewählt, der eine grünsatte Flusslandschaft mit Glaskuppeln beschützt. Damit erschafft er beinahe prophetische Bilder, die suggerieren, wenn die Umweltzerstörung weitergeht, müssen wir die Natur dereinst im Museum bewahren wie Kunstschätze.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
23. Juli 2021, 10:00 Uhr
Lesedauer:
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