Kunsthalle Mannheim zeigt Werke von Anselm Kiefer

Mannheim (sfe) – Bewegende Bilder aus Blei, Asche und Lehm: Anselm Kiefer ist ein Virtuose der Überwältigung. Wann die Sonderausstellung für das Publikum öffnen kann, ist noch unklar.

Anselm Kiefers Werk „Palmsonntag“ (2007) ist ein prägendes Element der Sonderausstellung mit Werken des Malers und Bildhauers in der Kunsthalle Mannheim. Foto: Uwe Anspach/dpa

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Anselm Kiefers Werk „Palmsonntag“ (2007) ist ein prägendes Element der Sonderausstellung mit Werken des Malers und Bildhauers in der Kunsthalle Mannheim. Foto: Uwe Anspach/dpa

Anselm Kiefer ist Liebkind in Frankreich. In Deutschland ist das nicht so. Hier teilt sich die Szene in Kiefer-Bewunderer und Kiefer-Hasser. Zuviel deutsche Geschichte, zu viel Holocaust, zu viel Mythen der Welt. Zu verkniffen das Ganze? Der Künstler als humorloser Illustrator historischer Katastrophen?

Kiefers internationalem Renommee hat das Achselzucken in seinem Geburtsland nicht geschadet; er gilt als einer der wichtigsten Künstler der Gegenwart. Manchem ist er als Erneuerer der Historienmaler heilig. Da ist etwas dran. Eine (noch bis auf Weiteres für Publikum geschlossene) Ausstellung in der Mannheimer Kunsthalle kann als schnurgerader Beweis für diese (natürlich umstrittene) These gelesen werden.

Sie speist sich aus der Sammlung des 2019 verstorbenen Kiefer-Enthusiasten Hans Grothe, die seit 2017 dem Haus als Dauerleihgabe zur Verfügung steht. 18 monumentale Schlüsselwerke aus drei Jahrzehnten, von den vier dank einer Kooperation mit dem ZDF virtuell besucht werden können, sind auf vier Säle verteilt und mit Überschriften versehen, die Kiefers Kosmos gut buchhalterisch zusammenfassen: „Gott & Staat“, „Mann & Frau“, „Tod & Stille“, „Himmel & Erde“.

Eintauchen in den Kiefer-Sound

Und wieder heißt es eintauchen in den typischen Kiefer-Sound, die vor sich hin raunende Stimmung, das Ungefähre, die unklaren Bedeutungen. Die Formate riesig, die Farben düster, die Materialien Blei, Sand, Asche, Stroh, Sonnenblumen, Tonerde, Haare, Stofffetzen, verkohltes Holz – und die Metaphysik sozusagen en gros immer mit dabei.

Ja, der Mann ist ein Virtuose der Überwältigung. Und wer auch könnte von einer Arbeit wie dem „Palmsonntag (2007) nicht überwältigt sein? Da schrammt eine 14 Meter lange entwurzelte Palme (täuschend echt, aber aus Kunstharz), von Ziegelsteinen gestützt, quer durch den Raum – ein Bild des finalen Jammers, das einen weiten Horizont von Assoziationen öffnet, der von Jesu Einzug in Jerusalem über Kreuzweg und Kreuzigung (und damit den Kreislauf von Leben, Tod und Auferstehung) das Unvorstellbare als sinnliche Überwältigung in einer gigantischen Metapher vor Augen stellt. Die Begleitmusik liefern 30 Vitrinen aus Stahl, die mit Blei, Erde und Gips überzogene Palmwedel, Sonnenblumen und Rosen als abstrakte Stellvertreter der Menschheit bestückt sind.

Überhaupt: das einst den Alchemisten heilige Blei. Das von Anselm Kiefer verwendete stammt von Dach des Kölner Doms. 40 Lastwagen davon soll der Künstler in seinem südfranzösischen Atelier eingelagert haben. Reicht für Jahre. In Mannheim hat es unter anderem prominente Auftritte in den „Frauen der Antike“ (2006). Das sind leere Roben, auf denen statt des Kopfs ein Stapel zentnerschwerer Bücher aus Blei lastet, eine Hommage an die Frauen als anonyme Bewegerinnen der Geschichte, deren Überlegenheit (so Kiefer) auch faktisch anerkannt werden müsse.

In die Ratlosigkeit entlassen

Angeblich 60 Millionen in einem Container Bleiplatten eingegossene Erbsen werden zum schwergewichtigen Kommentar zur umstrittenen Volkszählung von 1987, lassen aber auch an Bleikammern, die bleierne Zeit von 1977, an Lager und Menschentransporte in Vernichtungslager denken („Volkszählung (Leviathan“, 1987-1989).

Dazu: der raumfüllende, erstmals komplett aufgebaute „Verlorene Buchstabe“ (2011-2017), in dem sich eine demolierte Druckmaschine, Sonnenblumen, Bleilettern und aufgeschlagene Bleibücher ein krudes Stelldichein geben.

Lösen wir uns, als Besucher, vom Blei? Schon. Mit dem „Fruchtbaren Halbmond“ von 2010, einem aus Farbziegeln mehr aufgemauerten als gemalten Monumentalbild eines zerstörten babylonischen Turmes, sind wir in die Ratlosigkeit entlassen. Ja, man kann Anselm Kiefer bewundern. Man muss es aber nicht.

Ihr Autor

Sigrid Feeser

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Erstellt:
18. Februar 2021, 08:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 42sec

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