Kunstschreiner Meister alter Schule Deichtmann

Mundolsheim (vkn) – Christian Deichtmann zählt zu einer aussterbenden Zunft. Der 62-Jährige ist einer der letzten Kunstschreiner Frankreichs.

Meister alter Schule: Kunstschreiner Christian Deichtmann erledigt die letzten Handgriffe an einem Sekretär aus dem 19. Jahrhundert. Foto: Volker Knopf

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Meister alter Schule: Kunstschreiner Christian Deichtmann erledigt die letzten Handgriffe an einem Sekretär aus dem 19. Jahrhundert. Foto: Volker Knopf

Zweifellos, der Mann brennt vor Leidenschaft für das Arbeitsmaterial Holz. In seiner Werkstatt in einem alten Backsteinhäuschen in Mundolsheim vor den Toren Straßburgs ist Christian Deichtmann in seinem Element. Es wird gehobelt, poliert, furniert und gedrechselt bis die Späne fliegen. Der 62-Jährige zählt zu einer aussterbenden Zunft. Er ist einer der letzten Kunstschreiner Frankreichs.

Nur noch wenige gehen bei der Grande Nation diesem Metier noch nach. Eine offizielle Ausbildung gibt es nicht mehr. Umso wichtiger ist es dem Elsässer, sein Wissen an die nächste Generation weiterzugeben. Wenn er in Pension geht – was man sich bei dem vor Energie strotzenden Kunsthandwerker nur schwer vorstellen kann –, dann wird sein Sohn Benjamin die Werkstatt übernehmen.Deichtmann ist spezialisiert auf das Restaurieren von antiken und hochwertigen Möbeln. Zu seinen Kunden zählen Botschaften in Straßburg, ebenso wie Präfekturen, Museen, Schlösser oder Kirchen. Auch Privatpersonen mit einem entsprechenden Portemonnaie gönnen sich die Arbeiten des „Ebeniste“, wie seine Profession auf Französisch heißt.

Viele Großprojekte realisiert

„Ich liebe Holz – seine Haptik, seine Lebendigkeit. Es ist ein vitales Material. Ich wusste schon von klein auf, dass ich Schreiner werden will“, sagt der Mann, der aus Huningue im Südelsass stammt. Wenn Aufträge für Arbeiten an Möbeln mit dem Attribut „Monument historique“ in Grand Ést ausgeschrieben werden, dann kommt häufig sein Atelier zum Zuge. Eines seiner jüngsten Großprojekte war die Restaurierung der Chorstühle der Abteikirche von Ebersmunster in der Nähe von Sélestat. Sie gilt als eine der schönsten Barockkirchen im Osten Frankreichs. „Für mich ist die Kathedrale von Ebersmunster das schönste Gotteshaus nach dem Straßburger Münster. Wir hatten die Ehre, die Chorstühle komplett zu restaurieren“, berichtet der Kunstschreiner. Korinthische Säulen samt Ranken und Holzskulpturen mussten restauriert oder komplett neu geschnitzt werden. „Die Stunden darf man nicht zählen und bekommt die in Gänze auch nicht bezahlt. Aber diese Wunder zu bewahren ist ein Privileg“, führt er fort. Den Altar der Kirche von Schorbach in der Nähe von Bitche restaurierte er mit seinen Gesellen ebenso wie den Tabernakel der katholischen Kirche von Sessenheim. Beim Heiligenbild der Abteikirche von Altdorf unweit der Bugatti-Stadt Molsheim musste die Krone überarbeitet werden. Ein Job für den Holzverliebten aus Mundolsheim.

•Furniertes Ambiente mit reichlich Maserung: Die Patisserie Christian in Straßburg stattete der Elsässer aus. Foto: Volker Knopf

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•Furniertes Ambiente mit reichlich Maserung: Die Patisserie Christian in Straßburg stattete der Elsässer aus. Foto: Volker Knopf

Eines der nächsten Großprojekte ist die Bibliothèque patrimoniale Jacques Chirac in Colmar. Rund neun Monate hat er dafür eingeplant, die Bibliothek der Dominikaner aufwendig zu erneuern.

Fast 1.000 Arbeitsstunden benötigte die Schreinerei für das Kaffeehaus der Patisserie Christian in Straßburg. Edles Furnier und seine Maserungen verleihen dem Salon und dem Treppengang eine warme Atmosphäre. Hauchdünn wurde das Furnier auf den massiven Korpus aufgetragen. Stolz ist der Meister auch auf seine „diplomatischen Projekte“, die er mit seiner alten Technik umsetzte. Das deutsche Konsulat in der EU-Kapitale erhielt einen Mahagoni-Tisch, die US-Botschaft eine Kommode im Louis-seize Stil. In seinem Atelier befinden sich etliche Möbelstücke, die nach akribischer Restaurierung auf ihre Besitzer warten. Ein Sekretär um 1900 mit eingelegten Intarsien ebenso wie ein Louis-seize Möbelstück.

Heimische Hölzer und Exotisches

Der 62-Jährige arbeitet oft mit heimischen Hölzern aus dem Haguenauer Forst oder den Vogesen: Eiche, Ahorn, aber auch Olivenholz aus Südeuropa oder Zitronenholz aus Sri Lanka. Er nutzt in seinem Atelier zur Bindung Knochenleim, einen seit Jahrhunderten gebräuchlichen Tischlerleim. Wie anno dazumal sieht es in seiner Werkstatt aus. „Es ist einfach faszinierend, wie die alten Meister gearbeitet haben – wie filigran, wie detailverliebt. Das ist heute so leider gar nicht mehr möglich“, sinniert der Experte, der sich für Art nouveau (Jugendstil) und die Ecole de Nancy begeistert.

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Erstellt:
22. August 2021, 14:00 Uhr
Lesedauer:
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