Kuppenheimer Ehepaar rettet Mutter aus der Ukraine

Kuppenheim (sawe) – Der Kuppenheimer Bernd Hoffmann hat erst den Kilimandscharo bestiegen und wenige Tage später zusammen mit seiner Frau seine Schwiegermutter aus der Ukraine gerettet.

Geschafft: Bernd Hoffmann grüßt von der Gipfelspitze das Badische Tagblatt auf einem Plakat. Foto: Hani Shennib

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Geschafft: Bernd Hoffmann grüßt von der Gipfelspitze das Badische Tagblatt auf einem Plakat. Foto: Hani Shennib

Die Anstrengungen der vergangenen Tage sind ihnen anzusehen. „Wir sind müde und erschöpft“, bestätigt Bernd Hoffmann und versucht dennoch ein zaghaftes Lächeln. Seine Frau berichtet mit traurigen Augen, dass ihre Mutter immer noch unter Schock stehe angesichts der Ereignisse in ihrem Heimatland Ukraine, das sie wegen des Kriegs fluchtartig verlassen musste. Das Ehepaar Hoffmann hat sie gerettet und in Sicherheit ins Badische gebracht. Nur wenige Tage zuvor stand der Kuppenheimer, der sich immer wieder neuen Herausforderungen stellt, noch auf dem höchsten Berg Afrikas, hatte den 5.895 Meter hohen Kilimandscharo bezwungen: „Das waren die härtesten acht Tage meines Lebens,“ sagt er.

Überwältigendes Gefühl auf dem Gipfel

Der 66-Jährige verfügt zwar über eine gute Kondition und ging das Trekking-Abenteuer gut vorbereitet mit zwei Freunden aus den USA und Kuwait an, räumt aber rückblickend ein: „Jeder Tag war eine Herausforderung. Ich bin an meine körperlichen Grenzen gegangen.“ Übernachtet und gegessen wurde in Zelten, für die Mahlzeiten und den Zeltaufbau sorgte ein Begleitteam. Selbst tragen mussten die Abenteurer ihren Rucksack mit Kleidung, Regencape und Sonnencreme. Je höher sie kamen, desto kälter wurde es – vor allem auch in den Nächten. Schlafen im Schlafsack bei minus neun Grad ist nur etwas für Hartgesottene. Er habe am Ende „fünf Lagen an Kleidung übereinander gezogen“. Höhepunkt und zugleich anstrengendste Etappe war der steile Aufstieg zur Gipfelspitze – das Trio startete mit Stirnlampe um Mitternacht, um rechtzeitig zum Sonnenaufgang oben zu stehen. Das Atmen fiel schwer, die Bewegungen wurden zeitlupenhaft. Dann war das Ziel erreicht, und das Gefühl, es geschafft zu haben, überwältigend schön. „Ich war glücklich“, so Hoffmann.

Zum Kraftschöpfen bleibt nicht viel Zeit

Wieder zurück in Kuppenheim bleibt zum Kraftschöpfen nicht viel Zeit. Seine Frau, die aus der Ukraine stammt und namentlich nicht genannt werden will, berichtet an jenem Donnerstagmorgen voller Furcht vom Kriegsausbruch. Sie hat Angst um ihre Mutter, die in der Stadt Brody wohnt. Dort sei eine Hubschrauberstaffel stationiert – ein Ziel der feindlichen Truppen. Ihre Mutter habe ihr am Telefon von Detonationen erzählt. Die Tochter hat Angst, dass der Eiserne Vorhang wieder fällt und sie ihre Mutter nie mehr wiedersehen wird. „Wir holen sie da raus“, beschließt das Ehepaar Hoffmann nach kurzer Lagebesprechung, packt Getränke und Proviant ein und fährt los – 1.354 Kilometer bis zur polnisch-ukrainischen Grenze Medyka-Schehyni. Der 66-Jährige steuert den Wagen, seine 47-jährige Ehefrau versucht unterdessen, die Flucht und eine Transportmöglichkeit für die Mutter zu organisieren. Dies gelingt schließlich über eine App, über die man Beförderungsmöglichkeiten reservieren kann. Die Mutter packt das Allernotwendigste in einen Koffer, sorgt sich aber um ihre Hühner, die sie zurücklassen muss. Wer kümmert sich denn nun um die Tiere?

Mit dem Alternativ-Taxi startet die Mutter um 15 Uhr zusammen mit anderen Flüchtlingen in Richtung der 180 Kilometer entfernten ukrainisch-polnischen Grenze. Doch zehn Kilometer vor dem Ziel, es ist inzwischen 19 Uhr, gibt es kein Weiterkommen mehr mit dem Wagen. Lange Autoschlangen und ein schier nicht enden wollender Flüchtlingsstrom verstopfen die Straßen.

Zehn Kilometer zu Fuß unterwegs

Die 70-jährige Schwiegermutter von Hoffmann muss die letzten zehn Kilometer zu Fuß laufen, sechs Kilometer geht es dann nur noch im Stop-and-Go-Tempo voran. Es gibt keine Versorgung, keine Getränke, keine Toiletten. Und keine Verbindung mehr per Handy. Ihr Akku ist leer. Unterdessen sind Bernd Hoffmann und seine Frau um ein Uhr nachts an der Grenze angekommen, berichten von „chaotischen Zuständen und furchtbaren Bildern“: „Wir hatten Tränen in den Augen. Mir haben die Menschen so leid getan“, ist der Kuppenheimer voller Mitgefühl. Viele Frauen, Kinder und ältere Menschen passieren mit wenigen Habseligkeiten sichtlich erschöpft und von den Strapazen mitgenommen die Grenze, während die Männer zwischen 18 und 60 Jahren wieder zurückgeschickt werden. Es kommen immer nur einige, aber hinter dem Schlagbaum warten Zehntausende, erzählt einer der Flüchtlinge. Von der Schwiegermutter indes keine Spur. Sie soll aber irgendwo an der Grenze sein, heißt es, als sich die Hoffmanns durchfragen. Das Warten wird zu einer gefühlten Ewigkeit – Verzweiflung, Hoffen, Bangen mischen sich in diesen Stunden. Und es wird kalt in der Nacht. Die Temperatur sinkt auf den Gefrierpunkt. Die Eheleute wechseln sich ab bei ihren Patrouillengängen an der Grenze, sie wollen die 70-Jährige auf keinen Fall verpassen und müssen sich zwischendurch immer wieder im Auto aufwärmen. „Unsere Füße waren wie Eisklumpen“, sagt der Kuppenheimer.

Viele andere Menschen aus verschiedenen Nationen sind gekommen, warten auf polnischer Seite auf Bekannte und Verwandte aus der Ukraine. Dort geht allerdings alles sehr langsam voran, es gibt drei Kontrollpunkte, berichtet Hoffmanns Ehefrau. Auf polnischer Seite läuft alles viel schneller und unbürokratischer, und auch die Hilfe ist ihrem Eindruck zufolge organisiert.

Das Hab und Gut eines Lebens in einen Koffer gepackt: Flüchtlinge an der polnisch-ukrainischen Grenze. Foto: Bernd Hoffmann

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Das Hab und Gut eines Lebens in einen Koffer gepackt: Flüchtlinge an der polnisch-ukrainischen Grenze. Foto: Bernd Hoffmann

48 Stunden unterwegs und auf den Beinen

Es wird heißer Kaffee und Tee an die Ankömmlinge verteilt, die dann in Bussen in verschiedene Unterkünfte gefahren werden. Die Geduld der Hoffmanns wird weiter auf eine harte Probe gestellt. 15 Stunden nach ihrer Ankunft, inzwischen ist es 16 Uhr am nächsten Tag, naht die Erleichterung – gerade als es zu regnen beginnt: Die Schwiegermutter ist da, nach 20 Stunden, die sie in der Kälte draußen in der Schlange stehend und gehend verbracht hat. Sie ist am Ende ihrer Kräfte, unterkühlt und kann nicht mehr selbst in den Wagen einsteigen, die Hoffmanns müssen ihr helfen. An Schlaf ist auch jetzt nicht zu denken. Alle sind viel zu aufgedreht – und wollen nur noch weg. In einem polnischen Supermarkt wird Reiseproviant besorgt. Und so fahren die Hoffmanns wieder nach Hause, kommen am Samstagmorgen an.

48 Stunden sind sie unterwegs gewesen und auf den Beinen. Erst einmal ausruhen, ist daher der einzige Wusnch. Weitere Pläne gibt es noch nicht. Auch nicht, wie es mit der 70-Jährigen weitergeht. Sie würde gerne wieder zurück, wenn der Krieg vorbei ist, sagt die Tochter – alle Ukrainer wollten wieder in ihre Heimat, meint sie – doch was aus der Ukraine wird, ist derzeit ungewiss.


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