Kuppenheimer bringt Samba aus Rio nach Baden

Kuppenheim (sawe) – Von Kuppenheim über New York nach Rio: Der Musiker Michael Walz bastelt an seiner Karriere. Derzeit ist er in Baden und gibt bei Auftritten Einblicke in die Welt von Samba und Co.

Brasilianische Lebensfreude in Kuppenheim: Michael Walz und Isabela da Silva Cunha auf der Terrasse seiner Eltern. Derzeit geben sie einige Gastspiele in Baden. Foto: Sabine Wenzke

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Brasilianische Lebensfreude in Kuppenheim: Michael Walz und Isabela da Silva Cunha auf der Terrasse seiner Eltern. Derzeit geben sie einige Gastspiele in Baden. Foto: Sabine Wenzke

Wenn früh am Morgen die Sonne aufgeht, dann joggt Michael Walz gerne am Strand der weltberühmten Copacabana. Noch lieber aber macht er Musik: Jazz, Bossa Nova – und Samba. Der brasilianische Musikstil wird meist mit der Stadt Rio de Janeiro in Verbindung gebracht. Daher ist die Küstenmetropole seit rund vier Jahren auch die Heimat des 44-jährigen Kuppenheimers, der schon viel in der Welt herumgekommen ist und viele Einschränkungen in Kauf nimmt, um als Künstler Erfolg zu haben.

Längerer Heimaturlaub in Kuppenheim

Corona hat vieles ausgebremst, auch das kulturelle Leben in Rio. Zwischen März 2020 bis vor wenigen Wochen durften keine Veranstaltungen über die Bühne gehen, berichtet der leidenschaftliche Musiker. Daher hat Walz die Zeit für einen längeren Heimaturlaub in Kuppenheim genutzt, um seine Eltern zu besuchen. Mitgebracht hat er Isabela da Silva Cunha, eine Samba-Tänzerin aus Brasilien, die mit Schönheit, brasilianischer Lebensfreude und Charme begeistert und verzaubert. Die beiden sind bereits in mehreren Lokalen Rastatts und Umgebung aufgetreten und dankbar für weitere Gelegenheiten: Am Sonntag, 26. September, gestalten sie von 17 bis 18.30 Uhr einen Samba-Tanzworkshop für alle Altersklassen im „Gymnasion“ in Rastatt und am 1. Oktober, 21 Uhr, eine brasilianische Nacht im „Atlantic Parkhotel“ in Baden-Baden, informiert er. Am 2. Oktober, 20 Uhr, ist das exotische Duo mit seiner professionellen Darbietung in Tanz und Musik im „Schnick-Schnack“ in Niederbühl zu erleben, bevor es am 4. Oktober nach siebenwöchigem Aufenthalt in Deutschland wieder zurückfliegt.

Wenn man Michael Walz fragt, wo er seine Heimat sieht, dann wird er sehr nachdenklich: „Ich habe keine Heimat in dem Sinn, ich fühle mich dort heimisch, wo meine Familie und meine Freunde sind“, sagt er. Und die sind ziemlich in der Welt verstreut: Kuppenheim, Freiburg, Köln, Leipzig, Barcelona, New York, Rio de Janeiro – nur einige Städte, in die es den Kuppenheimer schon verschlagen hat – wegen seiner Studien und natürlich immer wegen seiner Musik.

„Herz schlägt für Brasilien“

„Seit ich 18 bin, schlägt mein Herz für Brasilien“, berichtet der Weltenbummler. Er redet gerne über seine Wahlheimat, aber mehr noch mit leuchtenden Augen über Samba und Co. „Ich gehe immer zu sehr in die Tiefe“, entschuldigt er sich mehrfach angesichts seiner detailreichen Schilderungen, obwohl er sehr interessant erzählen kann.

Nach dem Abitur an der Handelslehranstalt in Rastatt und seinem Zivildienst studiert Michael Walz Jazz-Gitarre in Leipzig und geht 2003 für ein Jahr nach Rio de Janeiro, um an der Schule CIGAM (Centro Ian Guest de Aperfeiçoamento Musical) brasilianische Musik zu studieren. 2007 zieht er nach Barcelona, um brasilianische Musik zu machen, spielt auch auf Ibiza, absolviert 2008 erfolgreich sein Konzertexamen in Leipzig und zieht 2010 nach New York. „Barcelona ist schön zum Leben, doch ich hatte das Gefühl, dass ich dort nicht weiterkomme. New York City war karrieremäßig reizvoller“, berichtet Walz.

Tänzerin Isabela in ihrem neuen Kostüm, das sie bei den Auftritten trägt. Foto: pr

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Tänzerin Isabela in ihrem neuen Kostüm, das sie bei den Auftritten trägt. Foto: pr

In den Staaten hat der Kuppenheimer eigentlich seinen Doktor in Musik-Technologie im Blick, doch das klappt nicht mit der Uni. Daher schreibt er sich für Computerwissenschaften ein – und „gibt ziemlich Gas“ bei seinem Studium. 2012 lernt er eine brasilianische Diplomatin kennen, gründet eine Art Verein mit einem Musikfreizeitangebot für die UN-Mitarbeiter in New York, steckt viel Arbeit hinein, unterrichtet auch. Doch das Feedback ist gering, und der Musiker muss feststellen: „Es rentiert sich nicht.“ Es gibt viele weitere Projekte des auch technisch versierten Künstlers: Ein Fulltime-Job im Bereich Musiktechnologie kommt allerdings für ihn nicht infrage, weil er merkt: „Das sind Informatiker, die ein Faible für Musik haben. Bei mir ist es gerade umgekehrt“. In all den Jahren bleibt Walz sich selbst treu, macht immer wieder Musik, spielt auch in verschiedenen Bands und unternimmt irgendwann mit dem brasilianischen Schlagzeuger Leonardo Bandeira eine USA-Tournee durch 17 Staaten.

Musiker mit vielen Talenten

Er will sich ein Standbein schaffen, geht eine Musikkooperation mit der „Manhattan Samba“-Schule in New York ein. Ab 2015 pendelt er oft zwischen New York und Rio, es besteht die Absicht, eine Filiale der Schule in Brasilien aufzumachen. Allerdings ist es bis heute bei dem Vorhaben geblieben. 2017 zieht Walz ganz nach Rio, gewinnt als Teilnehmer der Samba-Schule „União da Ilha do Governador“den wichtigsten Karneval-Samba-Preis „Estandarte de Ouro“ und spielt mit diversen 1. Liga-Samba-Schulen von Rio, 2018 dann auch auf dem Coburger Straßenfestival mit der„London School of Samba“. Walz ist nicht nur Gitarrist, Sänger und Perkussionist in den brasilianischen Musikstilen Bossa Nova, Samba Jazz, Samba de Raiz, Pagode und Samba Enredo, sondern war früher auch ein guter Fußballer und hat zudem eine Musiksoftware erfunden und entwickelt, diese allerdings nicht kommerziell vermarktet. Überdies jobbt der Kuppenheimer, der neben Deutsch noch Portugiesisch, Spanisch, Englisch und ein bisschen Französisch spricht, zuweilen für einen Musikverlag in New York und übersetzt Spielanleitungen für Orchester.

Trotz aller Talente: Sich als freischaffender Künstler zu behaupten, ist nicht immer einfach. Doch Michael Walz käme es nie in den Sinn zu klagen, auch wenn er schon mal seine angemietete Wohnung in New York kurzfristig untervermieten musste, um über die Runden zu kommen – und dann auf dem Dach des Hauses oder in der U-Bahn geschlafen hat. „Ich habe es mir so ausgesucht. Mein Lebensstil ist komplett anders als hier“, sagt er. Er lebt bescheiden, passt sich auch mit seiner Kleidung seinem Umfeld an.

Der 44-Jährige raucht nicht, trinkt fast nie Alkohol und hat seinen Fokus ganz klar auf ein Ziel gerichtet, in das er seine ganze Energie und Kraft steckt: Er will sich als Künstler mit seiner eigenen Musik etablieren. Und dann, sofern er erfolgreich ist, auch die Texte ins Englische übersetzen, um international bekannt zu werden. Das ist sein Traum. Natürlich immer in Rio, weil dort die Wurzeln der brasilianischen Musik sind. „Und das muss ein Musiker doch leben“, meint er.

Isabela tanzt, seit sie fünf ist

Die 26-jährige Isabela kennt Michael Walz seit drei Jahren. Sie lebt zusammen mit ihrer Tochter und ihrer Mutter in einem Haus in der weltgrößten Favela (Armenviertel) Rocinha, in dem sie sich wohl und sicher fühlt. Mit fünf Jahren fing sie an, Samba bei den „Acadêmicos da Rocinha“ zu tanzen, seit sie 13 ist, hat sie damit auch ein kleines Einkommen. Mit den Samba-Schulen in Brasilien sei es so ähnlich wie bei uns mit den Fußballvereinen, bringt Michael Walz einen Vergleich: „Man wird damit groß“. In Rio gehören die meisten Einwohner einer Samba-Schule an. Isabela hat Abitur gemacht und steht kurz vor dem Abschluss ihrer Ausbildung zur Krankenschwester. Für die Reise nach Deutschland und die Auftritte hier hat sie sich ein neues Kostüm für rund 500 Euro angeschafft. Das ist für brasilianische Verhältnisse ein kleines Vermögen. Dass sie damit sehr freizügig auftritt, sei der Tradition geschuldet: „Sie will es so, wie es in Brasilien üblich ist. Authentisch“, übersetzt Walz. Und wenn das Publikum auch nicht immer so temperamentvoll mitgeht wie in Rio, so hat es ihr doch bisher sehr gut gefallen im Badischen.

Lediglich die ungewohnt kühlen Temperaturen machen der an heißere Gefilde gewöhnten jungen Frau ein bisschen zu schaffen: So schläft sie auch im Bett in Kuppenheim mit einer dicken Jacke und Socken, verrät Michael Walz schmunzelnd.


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