Kurzsichtigkeit bei Kindern häuft sich

Baden-Baden (naf) – Immer mehr Kinder leiden an Kurzsichtigkeit. Sehgewohnheiten und Alltagsabläufe sind der Grund – zu selten wird das Spielen auf draußen verlegt.

Ob Buch oder Bildschirm: Das Lesen aus nächster Nähe kann sich negativ auf die Augen auswirken. Foto: Nina Weber-Kunt/AOK

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Ob Buch oder Bildschirm: Das Lesen aus nächster Nähe kann sich negativ auf die Augen auswirken. Foto: Nina Weber-Kunt/AOK

„Du bekommst noch viereckige Augen“: Eine Warnung, die vor allem die jüngsten Familienmitglieder zu hören bekommen, wenn der Fernseher mal wieder zu lange läuft. Die Augen behalten zwar ihre Form, doch eine stetige Verschlechterung der Sehfähigkeit ist bei Kindern und Jugendlichen nichtsdestotrotz seit Jahren zu beobachten. Statt der Fernseher zählen neue Sehgewohnheiten und Alltagsabläufe zu den Gründen.

2019 litt in Baden-Württemberg jedes fünfte Kind unter zwölf Jahren an einer Sehstörung, teilt die AOK mit. Im Landkreis Rastatt zählte die Krankenkasse 1950 Kinder mit Fehlsichtigkeit, das entspricht 22,4 Prozent der Versicherten dieser Altersgruppe. Tendenz steigend.

Immer mehr Kinder werden kurzsichtig, leiden meist an der sogenannten Schulmyopie. Der Lesestoff aus der Schule nimmt zu, gespielt wird – vor allem zu Zeiten des Lockdowns – eher drinnen und der Blick schweift seltener in die Ferne ab. „Schüler schauen häufiger in die Nähe – in Hefte und Bücher, aber auch auf Bildschirme und Displays“, schreibt Petra Spitzmüller, Geschäftsführerin der AOK Mittlerer Oberrhein in einer Pressemitteilung. Das rege den Augapfel an, zu wachsen – Kurzsichtigkeit sei die Folge.

Zunahme von Generation zu Generation

„Insgesamt sind in Deutschland 35 Prozent der Kinder und Jugendlichen kurzsichtig und rund 50 Prozent der Studenten“, heißt es in der Mitteilung weiter. Im Landkreis hat sich die Anzahl der Kurzsichtigen unter zwölf Jahren zwischen 2015 und 2019 von 229 auf 269 erhöht, in Baden-Baden über den gleichen Zeitraum sogar verdoppelt.

Auch Prof. Dr. Wolf Alexander Lagrèze, unter anderem Leiter der Kinderophthalmologie am Universitätsklinikum Freiburg, kann bestätigen, dass „die Kurzsichtigkeit von Generation zu Generation in Europa zugenommen hat“.

Ein Zusammenhang mit dem Medienkonsum ist „bisher nicht eindeutig belegt. Es ist gut vorstellbar, wissenschaftliche Beweise gibt es allerdings bisher nur sehr wenige.“ Ob Kinder aus 30 Zentimeter Entfernung in einem kleinen Taschenbuch oder auf einem Smartphone lesen, habe ähnliche Auswirkungen. Nur sind digitale Inhalte oft spannender als ein klassisches gedrucktes Buch – und fünf Stunden vergehen mit ihnen viel schneller.

Dass Sehgewohnheiten und Lebensumstände die Brechkraft der Augen beeinflussen, ist hingegen „eindeutig belegt und glasklar“, so Lagrèze. Je mehr Zeit Kinder in geschlossenen Räumen verbringen, desto häufiger kommt es zur Kurzsichtigkeit.

Kurzsichtigkeits-Pandemie in Asien

Allerdings: „So eine rapide Zunahme wie in Asien haben wir in Europa nicht.“ Während dort von einer Kurzsichtigkeits-Pandemie gesprochen werde, sehe man hierzulande in den letzten 20 Jahren keine solche Zunahme. Das begründet Lagrèze damit, dass „mittlerweile hoch entwickelte asiatische Metropolen vor 50 Jahren noch ländliche Gebiete waren“. Eine so rasante Lebensumstellung über einen so kurzen Zeitraum habe sich auch auf die Augen ausgewirkt.

Eine gestern veröffentlichte Studie der medizinischen Zeitschrift JAMA Ophthalmol zieht außerdem einen Zusammenhang zwischen dem chinesischen Lockdown während der Corona-Pandemie und einer Verstärkung der Kurzsichtigkeit vor allem bei Kindern zwischen sechs und acht Jahren.

Gerade beim Homeschooling ist es also wichtig, genügend Abstand zu Bildschirm und Buch zu haben, die AOK rät zu mindestens 40 Zentimetern. Und auch laut Lagrèze ist die beste Möglichkeit, der Kurzsichtigkeit entgegenzuwirken, „rausgehen, Sport machen und auf einen ausreichenden Leseabstand achten“.


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