Kutschbetrieb in der Kurstadt weiter in Gefahr

Baden-Baden (fvo) – Der Fahrbetrieb von Sabrina Möller in Baden-Baden kämpft coronabedingt weiter um die Existenz. Die eingegangenen Spendenbeträge reichen nicht, um „über den Winter zu kommen“.

Durstige Zeiten: Sabrina Möller muss ihren Kutschfahrtbetrieb derzeit auch via Spenden über Wasser halten. Foto: pr

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Durstige Zeiten: Sabrina Möller muss ihren Kutschfahrtbetrieb derzeit auch via Spenden über Wasser halten. Foto: pr

Ein Unglück kommt selten allein, auch bei Vierbeinern wie den Schlesischen Warmblütern ist das so. Kandidat Indigo hat sich ein Hufeisen auf der Koppel so abgerissen, dass man es selbst nicht wieder aufnageln kann. Kompagnon Aron hat sich in der Führanlage eine Schramme im Brustbereich zugezogen, ausgerechnet dort, wo das Zuggeschirr liegt, und Fantazjer, der dritte im Bunde, leidet an einem Hufabszess. Sabrina Möller ist wirklich nicht zu beneiden. Doch als Kutschfahrtbetreiberin ist man Rückschläge gewohnt und die 39-Jährige steckt sie meist auch tough weg. Corona ist allerdings eine andere Hausnummer.

Wenig Hoffnung auf Ferienzeit

„Aktuell haben wir gerade Mal ein Drittel der üblichen Einnahmen“, klagt die Weitenungerin und allzu viel Hoffnung, dass mit der Ferienzeit auch eine Besserung ihrer Lage eintritt, hat sie nicht wirklich. Zwar haben die Deutschen endlich wieder die Ferienlust entdeckt, doch bei der ausländischen Kundschaft sieht es noch mau aus. „Allenfalls am Wochenende zieht es etwas an“, findet Möller. Aber unter der Woche – und dieser Befund gilt ihrem Kenntnisstand nach auch für das Stadtbähnle – „herrscht tote Hose“. Bei drei festangestellten Kutschern (alle auf Teilzeitbasis), einigen freien Kräften auf Abruf und vier Teilzeit- beziehungsweise 450-Euro-Kräften im Stall im Gunzenbachtal fällt das schon existenzbedrohlich ins Gewicht. Am Personal ist auch kaum zu sparen, wenn weniger Betrieb in der Stadt ist, da die Pferde trotzdem versorgt und trainiert werden müssen.

Die jüngste Spendenaktion hat zwar schon erste Früchte gezeitigt, so gingen neben vielen Kleinbeträgen auch Sachspenden und „tatsächlich auch drei größere Summen“ ein, wofür Möller auch sehr dankbar ist. Bisher ist aber nur knapp die Hälfte der Gelder erreicht, die durch Corona ausgefallen sind und noch weiter fehlen werden. „Über den Winter kommen wir damit noch nicht.“

Stellt sich an diesem Punkt die laienhafte Frage: Warum nicht einfach eine paar Pferde abgeben, sprich verschlanken? Einfache Antwort: Ein Pferd ist nunmal keine Maschine, sprich austauschbar wie ein Leasingwagen, schon gar nicht ein Kutschpferd. Da steckt laut Möller viel Erziehung und Aufbauarbeit drin. „Bei neuen Pferden dauert es zum Teil ein, zwei Jahre, bis sie fertig für ihren Job ausgebildet sind.“ Gute Pferde gebe man nicht einfach so ab, man bekomme auch oft nicht gleichwertig Ersatz. Zumal jetzt, wo der Markt für den Verkauf ohnehin schwierig ist.

Nicht zuletzt sind Pferde nicht beliebig miteinander kombinierbar, müssen vielmehr auch vom Charakter her zusammenpassen. Es verträgt sich nicht jedes Tier mit jedem. Bis man Pferde findet, die in Größe, Aussehen, Charakter und Tempo so gut miteinander harmonieren wie die jetzigen Vierbeiner, vergehen oft Jahre.

Private Yoga-Aktion in der Allee startet

Ganz davon abgesehen sind die Tiere nicht beliebig lange einsetzbar. Zwei Tage arbeiten, einen Tag frei, bei längstens vier bis sechs Stunden pro Tag, je nach Alter – so lautet der übliche Rhythmus in der Hochsaison, ansonsten „würde man das Tier langfristig kaputtmachen“, berichtet Möller. Fällt dann kurzfristig ein Drittel der Pferde verletzt aus so wie aktuell, hat man schon mal Probleme, die drei Kutschen einzusetzen, da nicht jedes Pferd mit jedem zu kombinieren ist.

Was der Fahrgast ebenfalls nicht sieht, ist die aufwendige Bereitstellung. So dauert es geschlagene eineinhalb Stunden, bis ein Gespann gerichtet, sprich geputzt, aufgeschirrt und in die Innenstadt angetrabt ist. „Und dann bin ich noch keinen Meter gefahren“, betont Möller. Ebenso ist die gleiche Zeit nach dem Fahren nötig, bis Kutschen, Pferde und Geschirr wieder geputzt und versorgt sind. Mangels Hoflader, der ebenfalls eine größere Investition bedeuten würde, ist das meiste im Stall noch Handarbeit und somit zeitintensiv. So fällt allein im Stall Arbeit von sechs bis sieben Stunden pro Tag an.

Umso rührender, wenn wie vorige Woche geschehen plötzlich eine Spende von 44 großen Ballen Heu ihren Weg zu den Stallungen findet. Das sind laut Möller „quasi zwei Monate Raufutter“, neben Personal immerhin der größte Posten bei den Fixkosten. Zu den Unwägbarkeiten kommt nicht zuletzt die starke Wetterabhängigkeit, die schon im Normalfall viel Flexibilität zwischen Regen (denkbar schlecht fürs Geschäft) und zu viel Hitze (nicht mehr möglich zu fahren) erfordert. Im Winter herrsche ohnehin Flaute.

Eine etwaige Deadline für die finale Reißleine hat sich die Frau aus Weitenung, die den Kleinbetrieb 2015 übernommen hat, nicht gesetzt. Noch nicht. Und man spürt, dass die Hoffnungszündschnur wider alle Vernunft von sehr viel Herzblut getränkt ist. „Wir werden auf jeden Fall den Sommer durchfahren. Dann muss man sehen“, hofft Möller, dass sich irgendwie Lösungen auftun. Wie etwa jene private Yoga-Aktion in der Allee, die demnächst starten soll. Auch sie selbst will zeitnah Plakate und Flyer verteilen, um auf die missliche Lage hinzuweisen. Wohlwissend, dass es sich zwar um einen Privatbetrieb handelt, der touristisch gesehen aber durchaus imageträchtig, ja fast stadtbildprägend ist. Die Beteiligung an der Weltkulturerbe-Bewerbung war ja kein Zufall. „Selbst da waren wir ein Teil des Programmpunkts“, sagt Möller mit Stolz.

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Erstellt:
7. Juli 2020, 14:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 34sec

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