Kwasniok glaubt ans nächste Wunder

Muggensturm/Saarbrücken (ket) – Der 38-jährige Muggensturmer Fußballlehrer trifft am Dienstag mit dem 1. FC Saarbrücken im Halbfinale des DFB-Pokals auf Bayer Leverkusen

„Leverkusens größter Vorteil ist die Qualität. Wir haben viele kleine Vorteile“: Lukas Kwasniok vor dem DFB-Pokal-Halbfinale am Dienstag gegen Bayer Leverkusen. Foto: Frey/dpa

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„Leverkusens größter Vorteil ist die Qualität. Wir haben viele kleine Vorteile“: Lukas Kwasniok vor dem DFB-Pokal-Halbfinale am Dienstag gegen Bayer Leverkusen. Foto: Frey/dpa

Die Chancen auf Sieg standen auch gestern Nachmittag nicht sonderlich gut, zumindest bei den Buchmachern. 16 Euro für einen gab es beim Wettanbieter bwin für einen Sieg des 1. FC Saarbrücken am Dienstag DFB-Pokal-Halbfinale gegen Bayer Leverkusen (20.45 Uhr/ARD und Sky), gar noch zwei mehr bei der Konkurrenz von Tipico. Da muss schon sehr wagemutig sein, wer auf die Saarländer setzt – oder eine Menge Gottvertrauen mit sich führen.

Lukas Kwasniok, der Trainer der Saarbrücker Regionalligafußballer, ist sich dessen durchaus bewusst. Mehr noch: Er kann sich dieser Sicht auf die Begebenheiten nur anschließen, was er denn auch gewohnt wortgewaltig tut. Sollte seine Mannschaft tatsächlich auch den Tabellenfünften der Bundesliga aus dem Pokal befördern und ins Finale einziehen, wäre das vom Sensationspotenzial her, so hat es Kwasniok jedenfalls gerade formuliert, durchaus mit der „Wiedergeburt Jesu Christi“ gleichzusetzen – und damit eindeutig eine weitere Steigerung. Den Einzug ins Halbfinale, dem ersten eines Regionalligisten in der DFB-Pokal-Historie, hatten die Saarländer schließlich noch weitaus bescheidener als „größte Sensation seit Christi Geburt“ gefeiert.

Andererseits: Im Viertelfinale haben die Saarbrücker Fortuna Düsseldorf aus dem Wettbewerb geworfen, im Achtelfinale den Karlsruher SC, die beiden Runden davor mussten der 1. FC Köln und Jahn Regensburg die Segel streichen. Drei Erst- sowie zwei Zweitligisten sind bislang also Opfer des Viertligisten geworden. Das ist schon jetzt mehr als eine stolze Pokalbilanz. Über diese wundern sie sich einerseits immer noch selbst ein wenig. Andererseits hat es den Glauben an ein weiteres Wunder am Dienstag im Halbfinale allen Wahrscheinlichkeiten zum Trotz im kleinen Saarland durchaus gestärkt.

Aufstieg nach drei Spielen

„Es ist nicht so, dass Leverkusen unser größter Gegner ist, sondern die Furcht. Wenn wir die ablegen können, bin ich guten Mutes, dass uns die nächste Sensation gelingt“, sagt Trainer Kwasniok, der mit seiner Familie nach wie vor in Muggensturm wohnt, dazu passend. Der 38-Jährige hat die Saarbrücker am 1. Dezember von Dirk Lottner übernommen – in ziemlich ungewöhnlicher Position, nämlich als Tabellenführer der Regionalliga Südwest. Die Meisterschaft samt Aufstieg in Liga drei, sein eigentlicher Arbeitsauftrag, hat er dank des vorzeitigen Saisonabbruchs aufgrund der Corona-Krise in nur drei Spielen – zwei Siegen sowie einer Niederlage – unter Dach und Fach gebracht, im Pokal darf er sich die beiden Siege gegen Düsseldorf und Karlsruhe ans Revers heften.

Das ist eine erstaunliche Startbilanz, Erfolge in Windeseile. Und es hat dazu geführt, dass die Vorbehalte, die jedem Nachfolger vom bei den Fans bis zuletzt beliebten Dirk Lottner entgegengebracht worden wären, mittlerweile wie weggeblasen sind. Auch eine Niederlage heute gegen Leverkusen könnte daran nichts ändern.

Vielmehr ist es so, dass im Saarland immer mehr die Hoffnung keimt, dass da richtig was zusammenwachsen könnte. Kwasnioks Kurzzeitvertrag bis Saisonende hat sich durch Meisterschaft und Aufstieg schließlich automatisch verlängert, dass er prinzipiell in der Lage ist, eine Mannschaft nicht nur zusammenbauen, sondern auch weiterentwickeln zu können, hat er trotz seiner erst 38 Jahre mehrfach schon unter Beweis gestellt, nicht zuletzt beim Karlsruher SC, wo mehr oder weniger alles begann mit Lukas Kwasniok und dem Fußball.

Weil seine Oma in der Karlsruher Waldstadt wohnte, landete er damals bei den Blau-Weißen, in der F-Jugend trug er erstmals deren Trikot. Weil er gleich im ersten Spiel zwei Tore schoss, hieß es: „Da bleiben. Du bist jetzt einer von uns.“ Bis zum Kapitän der deutschen U-16-Nationalmannschaft brachte es der junge Lukas beim KSC, als eines der großen Fußballtalente Deutschlands galt er damals.

Profizeit war Last für Jungspund

Das blieb auch der Konkurrenz nicht verborgen. Unter anderem Arminia Bielefeld bot Kwasniok einen Profivertrag an. Mit 17 wechselte er gemeinsam mit seinem ein Jahr jüngeren Bruder zum damaligen Zweitligisten. Zusammen bezogen sie eine kleine Wohnung. „Das war eine tolle Erfahrung fürs Leben“, erinnert sich Kwasniok an diese Zeit. „Sportlich gesehen, war es eher ein Griff ins Klo.“

Erst setzten ihn zwei Bänderrisse samt sich anschließender Entzündung im Fußgelenk monatelang außer Gefecht, gleich darauf folgte ein Leistenbruch. Anschließend durfte Kwasniok unter Trainer Thomas von Heesen zwar fest bei den Profis mittrainieren, aber aufgrund einer damals bestehenden Regelung nicht bei ihnen spielen.

Im Dezember 1999 beschloss Kwasniok hinzuschmeißen, mehr oder weniger von heute auf morgen. „Mir war alles zu viel. Ich wollte nur noch weg. Flüchten“, erinnert er sich. Nicht zuletzt nach Hause. Nach Weihnachten verständigte er sich mit der Arminia über eine halbjährige Ausleihe zum damaligen Oberligisten SV Sandhausen, im Sommer löste er den Vertrag mit Bielefeld ganz auf. „Damit war klar, dass die Sache mit dem Profifußball für mich durch ist“, erzählt Kwasniok.

Im Rückblick empfindet er die anderthalb Jahre, die er als junger Spund in diesem erlebt hat, als Last. „Wenn man in der Blase Profifußball drin ist, hat es mit dem, warum man mit dem Fußballspielen begonnen hat, nichts zu tun“, stellt der 38-Jährige fest. Vor allem die Kameradschaft untereinander habe er vermisst. „Die habe ich erst bei den Amateuren wiedergefunden. Das habe ich genossen.“

Im September 2000 beginnt Kwasniok eine Ausbildung zum Verwaltungsbeamten, im Winter steigt er als Spieler beim FC Rastatt 04 ein. Schon damals denkt er darüber nach, den Trainerschein zu machen. Als „klassischer Sechser“ und somit Stratege war er schließlich schon damals der verlängerte Arm des Trainers auf dem Platz, wie das im Fußball so schön heißt. Dass er es doch noch bleiben lässt, hat auch damit zu tun, dass er als mittlerweile junger Familienvater auch auf „die paar Mark, die es als Amateur gibt“ angewiesen ist. Bis 2007 geht das so. Dann beendet eine komplizierte Knieverletzung auch die Amateurkarriere Kwasnioks

Erste Trainerstation beim OSV Rastatt

Reimund Lisowski bietet ihm dann Ende 2007 den Trainerposten beim damaligen Landesligisten OSV Rastatt an. Kwasniok sagt zu. Nur ein halbes Jahr später wechselt er zum Landesligisten TSV Reichenbach, wo auch der ein oder andere Ex-KSCler noch ein wenig dem Ball hinterherjagt. „Wir haben damals einen recht gepflegten Fußball gespielt und waren auch außerhalb des Platzes eine ungemein verschworene Truppe“, erzählt Kwasniok. Für ihn ist das von immenser Wichtigkeit. „Bis zum heutigen Tag war das meine tollste Zeit als Trainer“, sagt er.

Bis Juni 2014 dauert sie an. Dann holt Ede Becker, Leiter des KSC-Nachwuchsleistungszentrums und gebürtiger Reichenbacher, ihn zum KSC. Erst führt Kwasniok die U17 auf Platz drei der Junioren-Bundesliga, kurz darauf rettet er die bereits abgeschlagene U19 des Vereins mit sieben Siegen in den letzten acht Spielen vor dem Abstieg. Hinzu kommen zwei Unentschieden als Interimstrainer als Nachfolger des geschassten Tomas Oral bei den Profis im Dezember 2016.

Warum es im Juli 2018, nachdem der Verein ihm nur kurz zuvor ablösebedingt einen Wechsel zu Erzgebirge Aue verwehrt hatte, zur Trennung kommt, ist bis heute öffentlich ungeklärt. „Dass es unterschiedliche Auffassungen von gewissen Dingen gibt, kommt in jeder Familie und in jedem Betrieb vor“, sagt Kwasniok. Weiter will er sich zu dem Thema nicht äußern. Nur so viel noch: „Ich bin mit mir im Reinen und extrem gerne beim KSC.“ Auch sein Sohn trägt immer noch das Trikot der Blau-Weißen, so wie früher der Papa.

Seinen ersten festen Job bei den Profis tritt Kwasniok, der seinen Fußballlehrerschein mit der Note 1,0 abgeschlossen hat, kurz darauf bei Carl Zeiss Jena an, wo er gleich ein kleines Wunder vollbringt. In der Saison 2018/19 rettet er die Thüringer dank sechs Siegen in den letzten sieben Partien vor dem Abstieg aus Liga 3. Dass er in der Folgespielzeit nach zehn erfolglosen Partien seine Koffer packen muss, hat auch damit zu tun, dass er sich neben dem Trainerjob auch noch jenen des Sportdirektors hatte aufbürden lassen und bei der Kaderzusammenstellung auf sich allein gestellt war. „Das war einfach to much“, sagt Kwasniok im Rückblick.

Dabei ist er es durchaus gewohnt, alles zu geben. Es ist sogar eine der wichtigsten Grundlagen seiner Arbeit. „Bei mir gibt es nur ein Prinzip: Die Bereitschaft, immer am Anschlag zu agieren, egal ob im Spiel oder im Training.“ Das verlange er von jedem einzelnen seiner Spieler – und selbstredend auch von sich selbst.

Ob er also ein anstrengender Trainer sei? „Ein fordernder auf jeden Fall“, analysiert er sich selbst. „Jeder Mensch braucht jemand, der ihn ans Maximum treibt“, findet er. Auch darin sieht er seinen Job.

Leverkusen ohne Kai Havertz

Dabei loben ihn Wegbegleiter nicht nur als Motivationskünstler, sondern auch als Taktikfuchs und -Tüftler. Schon an den Trainingseinheiten feilt er akribisch. „Mein Anspruch ist es, keine Einheit so zu gestalten wie eine andere“, sagt er. „Die größte Form des Respekts gegenüber meinen Spielern ist es, dass ich mir Gedanken über die Trainingsformen mache und sie so spannungsgeladen wie möglich anbiete“, referiert Kwasniok zudem. „Und der größte Respekt, den mir die Spieler zollen können, ist es, dass sie die Übungen so leidenschaftlich wie möglich ausführen.“ Auch Leidenschaft ist ein wichtiger Faktor in Kwasnioks Fußballkosmos. Er selbst trägt genügend davon in sich, um sie mit anderen teilen zu können. „Wenn du ihm in der Kabine zuhörst, kriegst du automatisch Gänsehaut“, hat Saarbrückens Mittelfeldmotor Fanol Perdedaj unlängst der „Saarbrücker Zeitung“ anvertraut.

Gänsehaut werden sie alle haben am Dienstagabend im Hermann-Neuberger-Stadion von Völklingen. „Wir haben als erster Viertligist im Halbfinale Vereins- und Fußball-Geschichte geschrieben“, sagt Kwasniok. „Jetzt wollen wir Sport-Geschichte schreiben“, fügt er an. Seine Mannschaft, davon ist auszugehen, wird erneut alles geben, so wie ihr Trainer auch. Es ist schließlich das größte Spiel ihres Lebens.

Dass es vor leeren Rängen stattfindet, ist eindeutig ein Nachteil für den Underdog. „Wir haben unseren zwölften Mann verloren“, umschreibt das Kwasniok. Auf der anderen Seite hat Leverkusen, nur im Duktus zu bleiben, Kai Havertz verloren. Der überragende Spieler der letzten Wochen ist angeschlagen und soll geschont werden.

Vielleicht ist das ja schon der erste Fehler, den der Bundesligist macht: Zu glauben, dass er einfach so auf Havertz verzichten kann. „Leverkusens größter Vorteil ist die Qualität“, sagt Kwasniok dazu passend. Und ergänzt: „Wir haben viele kleine Vorteile. Das Stadion, die Rahmenbedingungen, die Außenseiterrolle oder die Tatsache, dass Leverkusen drei Tage vor dem Spiel gegen uns gegen die Bayern spielen musste.“

Kwasniok weiß, dass viel Psychologie“ hinter diesen Worten steckt. „Vielleicht rede ich mir das alles nur ein, aber ich will auch daran glauben“, sagt er. Eine andere Wahl bleibt ihm ohnehin nicht.


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