„La finta Giardiniera“: Voller Situationskomik

Karlsruhe (nl) – Anja Kühnhold inszeniert Mozarts Oper „Die Gärtnerin aus Liebe“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe

Ein symbolisch aufgeladenes Bühnenbild ist Teil von Kühnholds Inszenierung der „Gärtnerin aus Liebe“. Foto: Felix Grünschloss/Badisches Staatstheater

© Felix Gruenschloss

Ein symbolisch aufgeladenes Bühnenbild ist Teil von Kühnholds Inszenierung der „Gärtnerin aus Liebe“. Foto: Felix Grünschloss/Badisches Staatstheater

Eine gigantische Vase mit einem überdimensionalen Blumenbouquet beherrscht die Bühne. In dem überlebensgroßen Stillleben ringelt sich vorwitzig ein Streifen Schale über den Bühnenrand hinaus, die aufgeschnittene herzförmige Feigenhälfte sieht zum Anbeißen aus, und der aufgeschnittene Granatapfel erinnert daran, dass man dieser Frucht eine aphrodisierende Wirkung zuschreibt. Winzig wirken dagegen die Solisten in Anja Kühnholds Inszenierung von Mozarts Oper „La finta Giardiniera“ für das Staatstheater Karlsruhe. Haben alle versehentlich aus dem Fläschchen fürs Schrumpfen getrunken, mit dem Alice im Wunderland hantiert?

Aber warum liegt ein riesiges Messer auf der Bühne? Und werden die letzten Kacheln, die noch an der Vase im Delfter Stil angebracht werden, dauerhaft halten? Schon im Eingangschor zur Oper, die im Deutschen „Die Gärtnerin aus Liebe“ heißt, kommen die Risse in der Fassade zum Vorschein. Nicht in der Fassade der Vase, sondern in der Fassade, die die Menschen in diesem Stück um sich herum aufgebaut haben. Es sollte ein schöner Tag werden, die Nichte des Bürgermeisters und ihr Bräutigam werden zur Hochzeitsfeier erwartet. Noch bevor beide eintreffen, werden alle anderen bereits von heftigen Emotionen aufgewühlt.

Messer auf der Bühne


Der Bürgermeister liebt die Gärtnerin Sandrina, die aber weder Sandrina heißt noch Gärtnerin ist. In dieser falschen Identität verbirgt sich Marchesa Violante. Sie wurde im Streit von ihrem eifersüchtigen Geliebten, dem Grafen Belfiore, mit dem Messer verletzt. Er hielt sie für tot und floh, sie sucht ihn seitdem im Inkognito einer Gärtnerin. Und schon wird klar, warum an dem Messer auf der Bühne keiner vorbeikommt. Doch damit nicht genug, Haushälterin Serpetta hatte eine Affäre mit dem Bürgermeister und hofft immer noch, seine Frau zu werden, weshalb sie den in sie verliebten Diener Nardo zurückweist. Als das Hochzeitspaar eintrifft, wird es noch schlimmer. Don Ramiro, Dauergast beim Bürgermeister, erkennt, dass dessen Nichte Arminda ihm untreu wird und einen anderen heiraten will. Und dieser andere ist Graf Belfiore, der ein Jahr zuvor Violante niedergestochen hat. Es sind nur sieben Personen auf der Bühne, aber das Gefühlschaos würde für die doppelte Besetzung reichen.

Die Regisseurin und das spielfreudige Ensemble zaubern daraus einen Abend voller Situationskomik, in dem die tragische Seite nicht zu kurz kommt. Denn wie immer bei Mozart sind die besungenen Gefühle echt, so überzeichnet eine Figur auch sein mag. Ilkin Alpay gibt die Serpetta kokett und selbstbewusst. Und doch haben ihre vergeblichen Versuche, den Bürgermeister zurückzugewinnen, etwas Tragisches. Tomohiro Takada hat als Nardo reichlich Gelegenheit, mit temperamentvoll gesungenen Arien um Serpetta zu werben. Mindestens so selbstbewusst und zickig wie die Haushälterin tritt Arminda, die Nichte des Bürgermeisters, auf. Sie fühlt sich lange als Herrin der Lage. Ramiros verletzte Gefühle, von Dilara Bastar als Hosenrolle mit klangvollem Mezzosopran mitreißend besungen, sind ihr herzlich gleichgültig. Sie wird sich den Grafen angeln. Bis sie merkt, dass der Graf auf Sandrina fixiert ist. Armindas Wutausbruch wird von Ina Schlingensiepen grandios gesungen.

Intelligentes Bühnenbild


Eleazar Rodriguez vermittelt den Grafen als schnell zu verwirrenden jungen Mann. Eben noch hat er sich aus dem Stand in Arminda verliebt. Da erinnert ihn Sandrina an seine totgeglaubte Geliebte Violante. Statt die Dinge aufzuklären flüchtet sich der Blumenkavalier, der statt mit einem Blumenstrauß gleich mit einem halben Blumenladen anrückt, in intensive Betrachtungen seiner eigenen Verwirrung. Violante alias Sandrina dagegen ist in ihrer Liebe durch nichts und niemanden zu beirren. Hye Jung Lee kleidet Violantes Empfindungen mit leuchtendem Sopran und anrührendem Ausdruck in wundervolle Legatobögen. Der Bürgermeister würde gar nicht zu ihr passen. Nutthaporn Thammati gibt ihn als gutmütig vor sich hin polternden, vom Chaos um ihn herum überforderten älteren Herrn. Als die Situation komplett verfahren ist, zeigt sich die Kehrseite von Anna Sophia Blerschs ebenso attraktivem wie intelligentem Bühnenbild. Tag und Nacht, Leben und Tod, Liebe und Wahnsinn gehören zusammen. Die Rückseite der Delfter Vase entpuppt sich als Totenschädel. In der auf Nacht und Nebel umgeschalteten Beleuchtung, ein Sinnbild für ihre Verwirrung, irren die Figuren ratlos umher. Zwischen Violante und Belfiore steht die Messerattacke. Beide flüchten sich gemeinsam in den Wahnsinn, ausgedrückt in einem von Lee und Rodriguez hinreißend gesungenen Duett. Als der Tag anbricht, ist die Vase gesprungen. Zeit für Wahrhaftigkeit. Violante und Belfiore gelingt es, gemeinsam neu anzufangen. Serpetta wird mit Nardo glücklich werden. Den anderen bleibt nur Verbitterung.

Yura Yang und die Badische Staatskapelle untermalen das Geschehen mit transparentem und wandelbarem Musizieren. Besonders klangschön agieren die Holzbläser, die an einer Stelle fröhliches Vogelgezwitscher illustrieren, und die Hörner. In der Karlsruher „Gärtnerin aus Liebe“ passt alles zusammen, das musikalische Niveau und die Qualität der Inszenierung. So entdeckt man, dass diese selten gespielte Mozart-Oper ein echtes Juwel ist.


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