Lage der Bienen hat sich deutlich verbessert

Bühl/Rheinmünster (BNN) – Den Bienen der Region geht es spürbar besser im Bühler Raum. Blühstreifen und ein geänderter Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zeigen unverkennbar Wirkung.

Eine Wildbiene sucht nach Nektar: Auch in der Region werden die Insekten wieder häufiger fündig. Foto: Patrick Pleul/dpa

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Eine Wildbiene sucht nach Nektar: Auch in der Region werden die Insekten wieder häufiger fündig. Foto: Patrick Pleul/dpa

Arno Schanowski ist auf der Jagd. Bewaffnet mit einem Kescher. Den schwingt er gekonnt durch die Luft über die blühenden Pflanzen und inspiziert dann seinen Fang. „Es gibt so um die 485 Arten von Wildbienen. Manche sind sehr groß, etwa die schwarze Holzbiene. Und manche sehen Sie überhaupt nicht. Die Steppenbienen sind nur zwei Millimeter groß“, schildert der Biologe, der seit mehr als 30 Jahren am Institut für Landschaftsökologie und Naturschutz in Vimbuch arbeitet.

An diesem Tag freut er sich über den prächtig blühenden Pflanzenstreifen, den ein Landwirt bei Schwarzach angelegt hat. „Ich mache hier sozusagen Inventur, um festzustellen, dass diese Blütenvielfalt ein Erfolg ist“, geht Arno Schanowski auf die steigende Anzahl an Wildbienen und Schmetterlingen ein. „Der Streifen wurde 2011 eingesät. Das ist wirklich gelungen, denn durch das optimale Mäh-Management des Landwirtes hat die Artenvielfalt dort deutlich zugenommen.“

Diese ökologischen Aufwertungsmaßnahmen, zu der auch die Aktion „Sinzheim blüht“ beisteuert, zeigen in der Region mittlerweile deutliche Erfolge. „Es gibt nach wie vor bedrohte Arten. Aber das Bewusstsein für die Bedrohung von Bienen und Schmetterlingen ist stark gestiegen“, stellt der Biologe fest. Rund die Hälfte der Wildbienen-Arten stehen auf der Roten Liste und sind bedroht.

Vor allem die einseitigen Kulturen in der Landwirtschaft sind von Nachteil. „Die Bienen und Schmetterlinge leben im Offenland und nicht im Wald“, stellt der Biologe fest. Raps blühe zwar in Massen, aber die Blüte sei zu kurz und deshalb im Jahr der Biene nur ein Strohfeuer.

Er wird oft gefragt, was jeder Einzelne dazu beitragen kann. „Das fängt im eigenen Garten an. Bienen sammeln nicht auf jeder beliebigen Blüte. Korbblüten wie Holunder, aber auch Rosmarin, Brombeere sind Pflanzen, die in jeden Garten gehören.“ Wichtig sei eine große Menge an verschiedenen einheimischen Blüten, weshalb es bei der Einsaat einer Blühwiese auf die richtige Mischung ankomme. An Nektar mangelt es übrigens nicht, wichtig ist vielmehr ein breites Spektrum an Blütenpollen. Beim Mähen sollte man auf einen Radikalschnitt verzichten, damit die Pflanzen blühen können.

Im Garten sollte immer etwas blühen

„Ein Patchwork sieht doch auch wesentlich besser aus“, findet der Biologe. Wichtig seien einheimische Arten wie Glockenblumen und Margeriten im Bauerngarten, Blutweiderich im feuchten Bereich, Kastanie oder Ehrenpreis für die Sandbiene. Am besten sei es, wenn im Garten immer etwas blühe.

„Aber allein die Blüten mit ihren Pollen als Nahrung für die Brut reichen nicht aus. Es gibt eine sehr große Vielfalt an Lebensweisen bei Bienen und Insekten“, zeigt Schanowski auf kleine Steinhaufen und Reste von Totholz sowie aufgestellte Holunderstängel, deren Mark für manche Arten interessant ist. „Das ist wichtig für die Hohlraumnister, die auch gerne in Holzklötze gehen, etwa Löcherbienen. Viele Wildbienen bevorzugen auch Lehm, etwa in Böschungen und Hohlwegen. Und viele nisten am Boden.“

Lebensraum Sandarium: Gottfried Seiert zeigt auf kleine Löcher in dem Erde-Sand-Gemisch, in denen sich Wildbienen eingenistet haben. Foto: Andreas Bühler

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Lebensraum Sandarium: Gottfried Seiert zeigt auf kleine Löcher in dem Erde-Sand-Gemisch, in denen sich Wildbienen eingenistet haben. Foto: Andreas Bühler

Bei den Honigbienen gibt es ein wesentlich kleineres Spektrum an Arten, weshalb auch die Bandbreite der Bestäubung kleiner ist. „Wenn die Sonne scheint, brummt es hier mächtig“, zeigt Markus Nöltner auf das kleine Einflugloch beim Bienen-Schaugarten in der Bühlertalstraße gegenüber dem Kaufland.

„Die gängigsten Sorten bei den Honigvölkern sind Canika und Bakfast, denn sie sind ruhig und zahm, was der Imker bei seiner Arbeit schätzt“, weiß Nöltner, der zusammen mit seinem Kollegen Gottfried Seiert den Vorstand beim Bezirksimkerverein Bühl bildet. „Generell muss man sagen, alle Insekten sind bedroht. Deshalb ist es wichtig, neben dem Nahrungsangebot an Blüten auch für ein günstiges Umfeld zu sorgen. Da gibt es einfache Möglichkeiten, die wir in unserem Schaugarten zeigen.“

Sterblichkeit nimmt ab

Die Honigbiene fliegt im Gegensatz zur Wildbiene einen spezifischen Baum in ihrer Nähe an, den sie dann immer wieder ansteuert. „Deswegen gibt es auch die unterschiedlichen Honigsorten von Kastanien über Akazien- bis hin zu Blüten- und Waldhonig, je nach Standort des Volkes. Die Bienen fliegen dort in einem Radius von rund drei Kilometern“, erklärt Seiert, der sich seit mehr als 40 Jahren mit Bienen beschäftigt. Die Wildbienen spezialisieren sich dagegen auf Blüten bestimmter Pflanzen. „Deshalb sind die Honigbienen die Voraussetzung für eine optimale Bestäubung im heimischen Obstanbau“, sagt Seiert.

Im Gegensatz zu früheren Jahren nehme die Sterblichkeit der Bienenvölker wegen des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln in der Landwirtschaft ab. „Viele Mittel sind nicht mehr zugelassen und die Anwendung ist sachgemäß. Wenn es einem Volk schlecht geht, dann liegt das eher am Imker“, sagt Seiert.

Blühende Aussicht

Andreas Bühler kommentiert: Die Biene ist populär. Sie steht für Naturnähe, Nachhaltigkeit und guten reinen Honig. Das ist schon ziemlich viel Ideales auf einmal. Das Stichwort Bienensterben bringt deshalb die Gemüter in Wallung. Dabei ist oft die Landwirtschaft ins Visier geraten. Natürlich, das Grundrauschen des Pflanzenschutzes und die Monokultur in unserer Landschaft sind nach wie vor vorhanden. Aber im Gespräch mit Bienen-Experten ergibt sich ein verändertes Bild: Die Winzer und Landwirte kommen ihrer Verantwortung mit einem vernünftigen und sachgerechten Einsatz beim Pflanzenschutz nach. Ausreißer wie etwa bei der anfänglichen Bekämpfung des Maiswurzelbohrers gibt es nicht mehr. Die hiesigen Landwirte taugen also nicht als Buhmann. Das vergangene Jahr war so ziemlich das schlechteste Honigjahr für die Imker seit Jahrzehnten. Aber dafür war schlicht und einfach die Witterung verantwortlich, vor allem der Mai war viel zu kalt. Die Experten sehen unisono vielversprechende positive Veränderungen für die Bienen und Insekten allgemein. Aktionen wie „Sinzheim blüht“ und vor allem Blühstreifen an Bach- und Feldrändern, die von Landwirten unter professioneller Anleitung angelegt wurden, zeigen ihre Wirkung. Jede blühende heimische Pflanze hilft den auf sie spezialisierten Wildbienen. Und jede blühende Pflanze in unseren Gärten. Die ganze, auch mediale Aufregung hat also Früchte getragen. Viele angelegte Insektenhotels und naturnahe Gärten dokumentieren das. Das alles ist keine Entwarnung. Es gibt die asiatische Hornisse, die hier in der Region komplette Bienenvölker vernichtet. Und auf der Roten Liste der bedrohten Arten stehen immer noch viel zu viele Wildbienen und Schmetterlinge. Deshalb sollten Stadtplaner und wir mit unseren Gärten die neu geschaffenen blühenden Aussichten nicht aus den Augen verlieren.

Bienen sind auf eine Blütenfolge angewiesen

Ständige Blüte: Für eine optimale Versorgung sind die Bienen auf eine Blütenfolge angewiesen, damit die Brut mit genügend Nahrung versorgt wird. Der Nektar ist quasi das Lockmittel der Pflanzen und das Flugbenzin für die Bienen.
Feind lauert: In der Rheinebene gibt es vermehrt Wespen und vor allem Hornissen, unter anderem eine große eingewanderte amerikanische. „Die Imkerkollegen in der Rheinebene haben dadurch schon ganze Völker verloren“, stellt Markus Nöltner fest.
Hilfe für die Biene: Ein Sandarium ist ein leichtes Erde-Sand-Gemisch auf dem Boden, das 70 Zentimeter tief angelegt wird, damit keine Staunässe entsteht. Neben dem Insektenhotel ist das Sandarium eine wertvolle Nisthilfe für Wildbienen, die zum Großteil im Boden leben.

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Andreas Bühler

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Erstellt:
12. Mai 2022, 11:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 42sec

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